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gnadeter Meisterhand gemalt worden, und es war nun doppelt er— greifend, diese feine, schneeige Gestalt in dem starrenden Atlaskleid so jung und lebensvoll, ihre Lippen so lächelnd, ihre dunklen schmachten⸗ den Augen so glückverheißend und ihr myrthengeschmücktes Goldhaar so leuchtend zu sehen, wenn man bedachte, daß diese märchenhafte, wundervolle Pracht unter einem stillen, schneebedeckten Hügel einsam und für ewig gebettet war.
Ich glaube, daß der alte Mann mich verstand, auch ohne daß ich ein Wort sagte. Auch Oktav, in dessen Gesicht ich manchen Schönheitszug wiederfand, der das reizende Antlitz seiner Mutter ge— schmückt, ahnte es wohl, wie ich erschüttert war.
Noch spät, nachdem jeder Lärm im Hause längst erstorben und Gottlieb's friedliche Athemzüge in mein, dem seinen benachbartes Schlafgemach tönten, klopfte der Knabe an meine Thür. Ich stand noch angekleidet am Fenster, weil ich geahnt hatte, daß er kommen würde.
Gleich der meinen schien auch seine Phantasie noch lebhaft mit dem Bilde seines todten Mütterchens beschäftigt zu sein.
„Es wäre so schön, wenn sie noch lebte!“ sagte er träumerisch. „Weißt Du, daß es mir weh thut, wenn ich den Vater recht fröh— lich sehe? Dann denkt er um so sehnsüchtiger an sie und wünscht seinen Schmerz zu vergessen. Sein Haar ist in einer Nacht weiß geworden, als sie starb. Er hat sie so sehr, so sehr lieb gehabt!“
Mit feuchten Blicken kramte der arme Junge nun alle Erinne— rungen an die Gestorbene aus, als verstünde ich nun erst die tiefe Bedeutung seiner Kindestrauer, nachdem ich das Bildniß der reizen— den Frau gesehen.
Stundenlang saßen wir noch plaudernd im Mondschein beisammen, bis die Müdigkeit, die er verleugnen wollte, doch endlich zum Gehen zwang.
Als er auf der Schwelle stand, erfaßte er noch einmal, wie von innerer Bewegung bezwungen, meine Hand.
„Noch für Eins muß ich Dir danken, Veit. Weißt Du, daß Du eigentlich ein rechter Wohlthäter bist? Noch nie habe ich Mariannen so heiter lachen und reden gehört, wie heute. Das thatest Du ganz allein!“
„Was Du da wieder phantasirst
„Nein, nein; ich weiß recht gut, was ich sage und weiß auch, warum sie sonst so still ist.— Ich will es Dir einmal erzählen, — obwohl es mir schwer wird!“
„Und ich werde ganz gewiß nicht hinhören, wenn Du mir Deiner Schwester Geheimnisse ausplauderst,“ entgegnete ich.
„So? Meinst Du, daß es nicht recht sei?“
„Gewiß nicht, Schatz; und nun gehe und schlafe gut im Vaterhaus!“
Der nächste Tag, an dem ich ziemlich spät erwachte,— da ich die Kunst Semilasso's, große Mengen Schlaf in kurze Zeit zu⸗ sammenzudrängen, nicht verstehe,— brachte uns alle Wonnen einer fröhlichen Weihnachtsfeier: eine duftende, schwarzgrüne Tanne, die wir am Morgen in lustiger Gemeinschaft schmückten, geheimnißvolles Plaudern und Raunen, Kuchenduft und Kerzenschimmer, Christlieder und festliches Glockengeläut. a
Seit Jahren hatte ich das liebe Fest nicht in ähnlich froher Weise verbracht; ich dankte es Oktav heimlich tausendmal, daß er mich durch seine heitere Ueberredungskunst dahergelockt hatte.
Auch Gottlieb strich an diesem Tag den letzten Groll gegen seinen überlegenen Lateinschüler aus seinem Herzen.
„Es ist eine Seele von einem Jungen, ich habe ihm wirklich ein Unrecht abzubitten,“ flüsterte er mir zu, als er am Abend mit gerührtem Lächeln vor seinen Schätzen, die man ihm unter den Zweigen der Edeltanne aufgebaut, stand und ein von Oktav's Hand zier— lich geschnitztes Feuerzeug mit Rührungsthränen bewunderte.—
Mir selbst wurden ein paar kostbare Blätter aus des Freiherrn schöner Kupferstichsammlung zu Theil.
„Ich konnte Dir nichts schenken,“ sagte Oktav, als er mir spät am Abend an meiner Zimmerschwelle„Gute Nacht“ sagte.„Jede Gabe wäre mir Dir gegenüber kindisch erschienen, der ich Dir so viel, so unendlich viel zu danken habe!“
Noch bis in die Stille und Einsamkeit meines Schlafstübchens hinein nahm ich das unbeschreibliche Behagen, mit dem die Festfeier mein Herz erfüllt hatte. Lange lag ich, mit offenen Augen träumend, auf dem Lager und sann darüber nach, was den geheimnißvollen, mächtigen Unterschied zwischen diesem und manchen früheren, von mir ebenfalls in feinem und heitrem Familienkreise verbrachten
Christabend bewirke. Ein sanftes Antlitz, das klar und hold vor meinem geistigen Auge emporstieg, schien mir wehmüthig lächelnd Antwort geben zu wollen. Aber zugleich mit der Erkenntniß, daß die reine Güte, das stille liebliche Walten Mariannens das Haus mit jenem Zauberhauch von Glück und Wohlsein durchströme, em— pfand ich einen bitteren Groll gegen das Schicksal, welches gerade dieser Engelsgestalt sein Kreuz so unverkennbar auf die zarten Schultern gedrückt hatte.—
Wie sie mit ihrer stillen Fürsorge so echt frauenhaft den ge— heimsten Wünschen Andrer entgegenkam, erfuhr ich am folgenden Tage.
„Willst Du das Bild meiner Mutter kopiren?“ fragte mich Oktav beim Mittagsmahl.
„Wenn ich dürfte,—“ entgegnete ich zögernd, indem ich von dem Knaben zu dessen Vater hinübersah. 7
„Ich glaubte, es sei abgemachte Sache, daß Du Dich im rothen
Saale einrichtetest,“ fuhr Oktav fort.—„Seit Jahren finde ich
nämlich den Raum, der längst nicht mehr bewohnt wird, heute zum ersten Mal durchheizt!“—..
„Das ordnete gewiß Marianne an,“ sagte der Freiherr lächelnd. „Sie müssen wissen,“ fuhr er, zu mir gewandt, fort,„daß meine Tochter zu jenen Hausgeistchen gehört, die bei der größten eigenen Wunschlosigkeit alle Wünsche Andrer im Keim errathen und erfüllen.—
Der schwermüthige Blick, mit dem das Mädchen dieses Lob er— widerte, benahm mir etwas von meiner Freude;— eine halbe Stunde später jedoch, da ich mit meinem Zeichengeräth dem schönen Frauen⸗ bild gegenüber saß, war die letzte Spur eines Bedenkens verflogen. Mit einer aesthetischen Befriedigung, die mir jeder wahre Jünger meiner Kunst nachzufühlen vermag, entwarf ich die kindlich-weichen Umrisse des liebreizenden Köpfchens;— ich bereute es nicht einmal, daß ich in dem Vorsatz, einmal gründlich geistig auszurasten, Pinsel und Farben daheim gelassen hatte;— mein Skizzenbuch und ein Kreidestift genügten mir einstweilen vollkommen, um eine ganze Anzahl flüchtiger Entwürfe, theils in genauer Wiedergabe des Originals, theils in willkürlich konstruirten Stellungen, auf's Papier zu werfen; die Stimmung, in welche mich diese Arbeit versetzte, könnte ich kaum beschreiben;— sie war mehr als künstlerischer Triumph; — alles, was ich je in Wachen und Träumen von Schönheit und Glück geahnt, schien mir in dem frühlingsfrischen Angesicht der jungen Frau verkörpert und vergeistigt zugleich vor Augen zu stehen.
Von jenem Tage an galt der ganze Fleiß, das ganze Interesse meiner Tage, dem Bilde.—
Ich hatte anfangs gefürchtet, daß der Freiherr meinen Eifer, der so keck und kühn in seine liebsten und heiligsten Erinnerungen eingriff, lästig und störend finden könne und empfand daher eine unbeschreibliche, heimliche Genugthuung, als der greise Herr sich erst auf kurze Minuten, dann auf lange und längere Zeit und endlich
ganze Stunden hindurch in meiner Nähe aufhielt, während ich
zeichnete.
Wortlos saß er dann in einem dem Bilde gegenüber befindlichen Fauteuil und sandte den blauen Rauch seiner Cigaretten mit schein⸗ barem Gleichmuth in die Luft; erst wenn der einbrechende Abend meinen Eifer lähmte, wurde er beredt. Zwar vermied er es auch dann geflissentlich, von dem Bilde und dessen schönem Urbild zu sprechen; ich aber weiß es gewiß, daß er dasselbe auch in der Dämmerung noch licht und deutlich vor Augen hatte, während er in seiner gewandten, anregenden Weise über tausenderlei Dinge, über Kunst, Politik, soziale Fragen, über Oktavs Zukunftspläne und mancherlei Erlebnisse seiner eigenen, ritterlichen Jugend sprach.
Die Gegenwart des Knaben, deren ich sonst nie müde wurde, war mir bei meiner jetzigen Arbeit zum ersten Mal mehr peinlich als angenehm, was ich ihm in kurzen Worten ohne jede nähere Erklärung angedeutet hatte.
Es schien mir wie eine Entweihung des zarten, liebevollen An⸗ gedenkens, das er der Todten bewahrte, wenn ich deren Angesicht vor seinen Augen gleichsam Zug für Zug in seine Schönheitslinien zerlegte, wie ich es in seinem Beisein so oft mit den Köpfen meiner Modelle gethan hatte..
Ob der liebe Junge meine Motive ahnte oder erkannte, weiß ich nicht; bezeichnend für ihn ist es, daß er nicht eine Spur von Groll gegen mich hegte und während unsres Zusammenseins nur noch treuer und anhänglicher erschien.
„Versprich mir nur, daß Du die Fichtelgebirgspartie nicht auf⸗


