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zu den
Oberhessischen Uachrichten. 8
Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.
Nr. 2.
Gießen, den 10. Januar.
1886.
die Schwestern.
Von Frida Schanz. (Fortsetzung.)
An dem, mit geschmackvollem, schwerem Silberzeug bedeckten Theetisch, wo wir uns nach kurzer Instandsetzung unseres äußeren. Menschen den freundlichen Wirthen wieder gegenüber befanden, stellte sich zu meinem Erstaunen eine ganze fröhlich belebte Gesellschaft ein. Außer dem etwas vornehm⸗steifen adeligen Nachbarn des Freiherrn und dessen Töchtern brachte die Dunkelheit ein paar junge, lustige Offiziere, Verwandte des Hauses, die ihren Weihnachtsurlaub
Rauf Sassen verlebten und den Tag über wirklich im Schnee umher⸗
gepirscht waren, um sich schließlich durch lustige Flüche über den schmählichen Wildstand der Gegend mit der Erfolglosigkeit ihrer Streifzüge abzufinden.
Inmitten des fröhlichen Geplauders und Scherzes, das die Ge⸗ sichter der Jungen und Alten allmälich zum Spiegel der sinnigsten Weihnachtsstimmung machte, blieb nur ein Antlitz still und bleich, nur ein Augenpaar träumerisch gesenkt und ein jugendschöner Mund
gedankenvoll geschlossen.
Doch je weniger Oktav's liebliche Schwester zur Heiterkeit des Ganzen beitrug, um so mehr schien es, als sei diese Heiterkeit doch nur für sie da, als ringe ein Jeder im lustigen Wortgefecht nur um ein Lächeln ihrer blaßrothen Lippen, um ein Aufleuchten ihrer verschleierten Augensterne;— je einsilbiger und geräuschloser sie den Pflichten der Wirthin an der lauten Tafelrunde oblag, um so häufiger und angelegentlicher tönte es zu ihr hinüber:„Hörst Du es, Marianne?“ oder:„Ist das nicht hübsch, Marianne? Was sagst Du dazu?“
Auch mir war es im Grunde bei der gesprächigen Lebhaftigkeit, deren ich mich in Erinnerung jenes Abends zeihen muß, mehr, als
ich mir damals selbst gestand, darum zu thun, des Mädchens Theil⸗
nahme zu gewinnen.— Als sie einmal bei Gelegeuheit einer lustigen Erinnerung, die ich auftischte, kurz und leise zu lachen begann und ich nun gewahrte, wie jung und lieblich ihr schmales Gesicht beim Lachen war, fuhr es mir wie ein Blitz durch die Seele, daß der sich wohl unaussprechlich reich belohnt fühlen müsse, dem es gelänge, den Sonnenschein des Glückes für immer über diese traurigen Züge zu ergießen.
Kein Erfolg hat mich denn auch jemals mehr gefreut und ge⸗ rührt, als der, das schöne, stille Kind mit Hilfe meiner thörichten Geschwätzigkeit doch endlich aufthauen und leis lächelnd an dem Frohsinn der andern theil nehmen zu sehen.
Als die auswärtigen Gäste im hellen Mitternachtsmondschein
mit Schellengeläut und lustigem Peitschenknallen davongefahren waren,
blieben wir Uebrigen noch eine kurze Weile beisammen, bis Gottfried, dessen sonst so pünktlich eingehaltene Schlafensstunde längst über⸗ schritten war, an den Aufbruch mahnte.
„Fürchten Sie die Geister des Schlosses nicht?“ sagte der Frei⸗
0 Tochter geleitet, die breite, mit Treppe zu den uns bestimmten
herr, als wir, von ihm und seiner schöngeschnitztem Geländer versehene Gelassen hinaufstiegen.
Ich weiß nicht, mit welchem nichtigen Scherzwort ich ihm ant⸗ wortete;— jedenfalls kam es mir nicht ganz aus dem Herzen; ein süßes Märchengrauen erfaßte mir plötzlich den Sinn! Wie im Traum sah ich die langen, beweglichen Schatten der Hirschgeweihe, welche die Wände bedeckten, geisterhaft über die Teppiche der Steinstufen gleiten; ich hörte das Ticken der Wanduhr in dem großen, gewölbten Flur verhallen, gleich einer leise raunenden Gnomenstimme, die von dem höchsten Gluͤck der Welt und ihrem bittersten Leiden sprach.— Dann aber hafteten Blicke und Gedanken wieder auf der zarten Gestalt des Mädchens, die mit dem dreiarmigen Silberleuchter vor uns hergeschritten war und nun das Gesicht mit den reinen engel⸗ haften Zügen vollbeleuchtet von droben zu uns niederwandte, so daß sie wie erklärt über dem wechselnden Schattenspuk zu stehen schien.
Der Weg nach den Gastzimmern, in denen wir hausen sollten, führte uns durch einen großen, mit prächtigen tiefrothen Damast⸗ möbeln ausgestatteten Salon hindurch.
„Hier droben waren die Zimmer meiner Mutter und dort ist ihr Bild über dem Divan,“ flüsterte Oktav mir zu.„Sieh es Dir jetzt nicht an. Ich zeige Dir's, wenn die anderen schlafen.“
Unwillkürlich aber waren meine Blicke schon denen des Knaben gefolgt, und was ich sah, war zu schön, als daß ich sie schnell hätte losreißen können.— Zudem stellte das Mädchen, das mein Zögern zu bemerken schien, die Leuchte auf den Rand des Kamins und sagte, indem sie sich zu ihrem Vater wandte:
„Du geleitest die Herren wohl weiter! Mich fröstelt hier oben. Es war drunten so heiß im Zimmer.“
Schnell wie ein Reh war sie dann entschwunden, nachdem sie noch des Freiherrn Hand geküßt und uns freundlich„Gute Nacht“ gewünscht hatte.
Der flackernde Kerzenschein, der das Bild der Freifrau nun vell und lebensfrisch aus dem Dunkel hob, machte auch Gottlieb auf dessen außergewöhnliche Schönheit aufmerksam.— Mit einem seltsam aus Stolz und Schmerz gemischten Ausdruck hob der Freiherr das Licht empor.
„Meine zweite Frau,— die Mutter meiner jüngsten Kinder!“ sagte er.
Dabei glitt sein kluger, heller Blick forschend über mein Gesicht, wie um die Wirkung zu erspähen, die der Zauber dieser Gestalt auf mein Künstlerherz ausübte.
Von diesem Zauber nicht betroffen zu sein, wäre unmöglich ge wesen.
Was die Hand des Künstlers gethan hatte, um ihn zu er⸗
höhen, weiß ich nicht. Aber jedenfalls war das Bildniß von be—
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