Ausgabe 
9.5.1886
 
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zu erklären, zumal, da die beiden Offiziere abgereist und die Er⸗ kundigung, die sie von ihnen über Josephs Vermögensverhältnisse ein gezogen, sie sehr heiter zu stimmen im Stande waren, aber eine heimliche Angst, daß er, so lange er an Erna nicht durch ein un lösbares Wort gefesselt war, zurücktreten könne, hielt sie davon ab. Hatte sie ihm doch, so lange er sich noch nicht erklärt, oft genug von den Reichthümern ihrer Familie und dem blühenden Zustande ihrer Güter erzählt, um jetzt nicht unvorsichtig durch einen Wider- ruf alles Gesagten ihn mißtraurisch oder gar wankend machen zu dürfen. Dagegen suchte sie die Hochzeit soviel als möglich zu be schleunigen, obgleich sie täglich auf's Neue erklärte, daß die Sünde, die sie durch den Bruch ihres Versprechens an ihrem Gatten be gehe, ihr wahrscheinlich nie werde verziehen werden könne.

Joseph selbst hegte keinen innigeren Wunsch als den, bald un⸗ trennbar mit der Geliebten verbunden zu sein und seinen Schatz bergen zu dürfen, zumal ihm die Scheinmiene, welche die Gräfin noch immer zur Schau trug, nun doppelt widrig sein mußte. Seine Eltern hatten ihre Zustimmung, obgleich nicht sehr willig, da der Vater von den Verlezenheiten der Gräfin sich inzwischen hatte unterrichten lassen, bereits gegeben, und die Hochzeit wurde endlich auf einen Tag des Dezember festgesetzt. Am ersten November wollte man wieder in der Heimath sein. Joseph jubelte der Zeit entgegen. Das Einzige, was ihm das peinvolle Zusammensein mit der Gräfin, von der er sich belogen wußte, und den Aufent halt überhaupt, an den sich für ihn ein noch immer verborgen ge haltenes Geheimniß knüpfte, erträglich erscheinen ließ, war die häufige Vereinigung mit der Geliebten, die keine Anwesenheit der Mutter oder Schwester störte. In solchen Stunden, wenn er allein mit Erna durch die abgelegenen Wege im Norden der Stadt wanderte oder sich im Kahn mit ihr auf den blauen Fluthen des Sees schaukeln ließ, empfand er ein so reines und ihn voll durch dringendes Glück, daß er sich immer wieder sagte, die Vergangen⸗ heit müsse durch so viel Treue und Hingebung, wie Erna sie ihm entgegenbrachte, voll gesühnt werden. So rannen die Tage flüchtig hin, und der der Abreise war bereits festgesetzt und in naher Aussicht.

Es war um die späte Nachmittagsstunde, die frühe Dämmerung drohte bald hereinzubrechen, aber es war noch wohlig warm, und die Lüfte spielten weich durch die Laubkronen der Kastanien. Der Monte San Salvatore ragte mit mächtigem Felshaupt himmelan und grüßte hinüber nach dem Dorf an der Bergecke. In der kleinen Seebucht, wie sonst um diese Zeit, standen die Fischerkähne, und klirrten, leise schaukelnd, mit ihren Ketten. Die Trauerweide hatte gelbe, fahle Blätter, aber ihre Zweige waren noch vollbelaubt und gewährten mit tiefherabhängendem Astwerk noch immer ein traulich verstecktes Plätzchen, wo nichts hörbar ward, als das leise Murmeln der Wellen am Uferrand und nichts sichtbar, als das Stückchen blauen Himmels, das märchenhaft durch die Zweige hereinblickte. 5

Auf der Rasenbank saß auch heute die dunkeläugige Fischer⸗ tochter und stützte das Haupt in die Arme. Sie hatte jeden Abend hier gesessen seit dem Tage, wo er zum letzten Male bei ihr ge⸗ wesen, und jeden Abend aufs Neue hatte sie ihn erwartet. Seit einer Reihe von Abenden freilich nicht mehr, denn sie hatte ihn gesehen, als er sich nicht von ihr beobachtet geglaubt und eine Andere an seiner Seite. Seit dem Tage wußte sie, daß Alles zu Ende war und daß ihre düsteren Ahnungen sie nicht getäuscht. Aber doch war sie jeden Abend aufs Neue am Platze und dachte, es könne ein Wunder geschehen und an ihr solle es nicht liegen, wenn sie niemals wieder zusammen kämen. Doch er kam nicht mehr. Sie sah jeden Abend nach der Barke aus, die ihn sonst an's Land brachte, und lauschte nach der Kastanie hinüber, von wo er sonst ihren Namen schmeichelnd herübergerufen, und sie geantwortet hatte:

Komm! um ihn gleich darauf in ihre Arme schließen und an seiner Brust ausruhen zu dürfen, um zu vergessen, was der Tag an Weh und traurigen Gedanken gebracht, während er sie küßte und ihr tausend süße Namen gab und sie seinen Schatz hieß. Warum war das nun Alles nicht mehr? Warum saß sie, bis die frühe Nacht dunkelnd herein sank und horchte und lauschte ver⸗ geblich? Sie wußte es ja warum, sie hatte es geahnt, daß es so kommen würde, seit sie sich ihm ganz hingegeben. Nun freilich, da es so gekommen war, sagte sie sich, daß es etwas Unmenschliches sei, was sie niemals habe fürchten können. Und doch war es so,

und es half kein Grübeln und Deuten darüber hinaus. Sie grübelte auch nicht mehr darüber, wie es zu ändern sei, sondern über etwas, das dunkel und unheimlich drohend in ihr aufgestiegen war, und das sie nicht mehr in sich zurückzudrängen vermochte. Sie hatte es am Abend, als er zum letzten Male bei ihr gewesen war, zu Giacomo gesagt, sie würde wissen, was zu thun sei und seiner ge denken, wenn jener Kahn einmal nicht mehr zur gewohnten Stunde ans Land komme. Die Zeit war nun da. Wußte sie, was sie thun mußte? Als er ihr damals, in seiner zweideutig-einschmeichelnden Weise, der sie geglaubt, gesagt hatte, was sie denn thun werde, wenn er ihrem Verlangen nicht gehorche, hatte sie nichts gerufen als:Wag's! Nun hatte er es gewagt. War Alles, was über ihre Lippen gekommen, nichts gewesen als leere Drohung, ein Wortschwall, gleich dem, mit dem er ihr Herz und Ehre geraubt? Galt das Wort der Fischertochter nicht mehr als das des meineidigen Edel manns, der sie jetzt, da er Alles genossen, was ihre Liebe ihm bieten konnte, achtlos wie eine Dirne von sich stieß? Es loderte ein wildes, unheimliches Feuer in ihren dunklen Augen auf, als das Alles wieder in ihr auftauchte, und die Lippen murmelten be sinnungslos:Er hat's gewagt ich muß das Meine thun Gab es kein Mittel, ihn ihre Rache fühlen zu lassen? War sie doch ohnmächtig gegenüber dein, was sie wie ein nahendes Verhängniß ahnungsvoll vorausgesehen und das nun, da es über sie herein⸗ gebrochen, doch ihr ganzes Inneres erschauern ließ? Eine verlassene Dirne! Es gab ihrer Viele und Viele verstanden es, trotz ihrer verlorenen Ehre in Reichthum und Ueberfluß ihr Leben hinzubringen, die sie vorher nicht einmal gekannt, äußerlich sich eine Stellung und Ansehen zu ertrotzen, wenn man ihnen innerlich auch nichts entgegentrug, als höhnische Verachtung. Für sie gab es diesen Weg der Verlorenen nicht der Gedanke, ihrem Vater, dem strengen, finsteren Pietro, der sie ohnehin bereits argwöhnisch be⸗ trachtete, seit sie Giacomas Bewerbung ohne stichhaltige Gründe ausgeschlagen, gestehen zu sollen, wie tief sie gesunken, trieb ihr das Blut siedend heiß in die Wangen, und auf ihrer Stirn stand un⸗ verlöschlich der Entschluß:Lieber sterben.

Der See rauschte so lockend zu ihren Füßen, es mußte süß sein, in seinen blauen Fluthen zu sterben. Aber allein? Ungerächt? Noch gab es eine That für sie zu vollbringen, eine, bei der es wie dämonische Wollust in ihren Augen aufflammte und ihr Herz stürmisch laut in der Brust klopfte. Sie sah mit stierem Blick vor sich hinaus über den See. Langsam glitt eine kleine Barke über die stille Fläche heran und strebte dem Dorfe zu. Alba schaute darauf gleichgültig hin, und ein schwermüthiges Lächeln huschte um ihre Lippen. Dann plötzlich fuhr sie auf. War das ein Traum⸗ bild, eine Vision? Nein, sie sah es deutlich, mit Augen, die kein nächtiger Traum umflorte: in dem Kahn saß er, Joseph, aber nicht allein, neben ihm, dicht an seine Seite geschmiegt, das schöne, gold haarige Weib, mit dem sie ihn schon einmal im Marktgewühl der Stadt gesehen. Das wagte er! Er landete mit der Andern an der gleichen Stelle, wo er wie lang' war's her mit ihr glücklich gewesen. War das kalter Hohn, den er ihr entgegenschleuderte? War er gefeit gegen alle die mahnenden Erinnerungen, die ihn hier umkreisen mußten? Wahrhaftig: der Kahn stieß ans Land, der Schiffer sprang heraus, um ihn zu befestigen, und half den Beiden, die Arm in Arm das Fahrzeug verließen.

Ein wilder, besinnungsloser Grimm kochte in ihr auf. Sie sah, wie die Beiden zu der kleinen Trattoria des Dorfes gingen, und dort am Steintisch vor dem Hause sich niederließen. Sekunden⸗ lang lag es ihr wie ein Schleier um die Augen. Dann blitzte es in ihr auf. Sie sah nach der Sonne herüber, die nur noch mit letztem, matten Glanz über der Bergkuppe stand und im nächsten Augenblick verlöschen mußte, dann brach die Dämmerung herein. Sie eilte hastig auf einen Seitenpfad über den Hügel dem Dorfe zu und stand nach wenigen Minuten athemlos vor dem kleinen Hause, in dem Giacomo wohnte. Er hatte ihr ja gesagt, daß sie an ihn denken solle, wenn es Zeit sei. Es war Zeit. Einen Augenblick kam ihr der Gedanke, er solle die Rache statt ihrer aus führen, denn ihre Hand könne zittern, wenn es zum Letzten käme. Aber dann verwarf sie das wieder, sie mußte allein thun, was ihr Herz gebot, was sie ihrer Ehre schuldig war, ihre Hand durfte nicht zittern.

(Schluß folgt.)

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