Ausgabe 
9.5.1886
 
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Mendelssohn's gewaltiges Ansehen ihm die Wege geebnet und seine eminenten Kunstleistungen jenen Ruf, der König der Geiger zu sein, fest begründet hatte. Jede Reise durch England gleicht einem Triumphzug, das bewiesen die großartigen Erfolge, welche er in diesen Tagen noch bei seiner Tournee durch englische Städte errang.

Im Jahre 1869 wurde Joachim nach Berlin berufen und hier zum Professor und Mitglied des Senats der königlichen Akademie der Künste ernannt. Später übernahm er die Direktion der könig lichen Hochschule für Musik und grade in dieser Stellung übt er, wie bereits angeführt, den segensreichsten Einfluß aus. Unablässig

ist er bemüht, die Fähigkeiten seiner Schüler nach Kräften zu ent⸗

wickeln, den jungen Seelen das Verständniß der Schönheit zu er

schließen und ihnen Begeisterung für die idealen Güter unsers Volkes

einzuflößen. Auf das berliner Publikum hat Joachim besonders durch seine Quartett-Abende in der berliner Singakademie einen er zieherischen Einfluß geübt. Von den drei Kollegen de Ahna, Wirth und Hausmann unterstützt, brachte er die edelsten und vornehmsten Schöpfungen der Tonwelt den Musikfreunden zu Gehör und erweckte dadurch in der berliner Bevölkerung die Liebe für wahrhaft klassische Tonstücke. Auch als Komponist hat er Erfreuliches geleistet.

In der Kunst wie im Leben ist das Herz der Persönlichkeit am höchsten anzuschlagen und gerade bei Joachim flößen uns die edlen Herzenseigenschaften Bewunderung ein. Wie seine Schüler stets in ihm den liebevollsten Berather und opferfreudigsten Helfer finden, so kennt er keine Rücksicht, die ihn verhindern könnte, einem Kollegen in der Noth beizuspringen. Als Beweis dafür mag der folgende Vorfall genügen. Vor wenigen Jahren zeigte der berühmte polnische Geiger Wieniawski im Kroll'schen Theater zu Berlin ein Konzert an und es versammelten sich fast alle an der Spree lebenden An gehörigen der polnischen Nationalität, dazu eine große Anzahl deutscher Hörer, in dem Kroll'schen Königssaal. Joachim machte seine Schüler auf dies Konzert aufmerksam und empfahl dringend den Besuch des selben. Nun erklärten einige Schüler, daß sie für ihr Leben gern Wieniawski hören möchten, daß ihnen aber das Geld zur Bestreitung des Eintrittspreises fehle. Joachim rief einen dieser Mittellosen nach dem andern bei Seite und drückte jedem derselben heimlich einen Thaler in die Hand mit der Bitte:Gehen Sie doch ja zu Wieniawski!

Der polnische Künstler trat vor ein erwartungsvolles und freund lich gestimmtes Publikum hin, allein jenes furchtbare Leiden, welches bald darauf seinen Tod herbeiführte, zwang ihn gleich nach den ersten Takten, sein Spiel zu unterbrechen. Eine flammende Röthe be deckte sein Gesicht, sein Mund rang nach Athem, die Kraft seines Armes erlahmte. Plötzlich ließ er Geige und Bogen sinken, schüttelte den Kopf, als wolle er sagen:Es geht nicht und verließ tief aufseufzend die Bühne.

Nach einer Weile trat der Regisseur hervor und erklärte dem Publikum, daß der Konzertgeber infolge starker Herzbeklemmungen und Athmungsbeschwerden sich außer Stande fühle, stehend zu spielen, man möge ihm daher gestatten, die Kompositionen sitzend vorzutragen.

Das Publikum gab durch Beifall seine Zustimmung zu erkennen

und Wieniawski nahm gleich darauf vor der Rampe seinen Platz ein. Aber zum zweiten Male versagte seine Kraft, sein Gesicht nahm eine völlig blaue Färbung an und so taumelte er unter dem Einfluß eines Schwindels von der Bühne ab, ohne das erste Konzertstück vollendet zu haben.

Joachim, welcher mit seiner Gattin in der vordersten Zuschauer reihe gesessen hatte, eilte, als kaum der Vorhang gefallen war, hinter die Coulissen. Nach einer bangen Pause trat er im braunen Straßenanzug vor die Rampe und fragte das Publikum, ob es ihm

gestatten wolle, für den plötzlich erkrankten Kollegen einzutreten.

Um das Konzert zu ermöglichen, sei er bereit, eine Gavotte von Bach zu spielen. Er müsse jedoch die Hörer von vornherein um Nachsicht bitten, da er sich einer fremden Geige bediene und selbst verständlich unvorbereitet sei. Und nun trug er diese Gavotte mit solcher Fülle und Schönheit des Tons vor, mit solcher Macht der Empfindung, mit so viel Weihe und Begeisterung, daß sich die Hörer völlig hingerissen fühlten und in einen Sturm des Beifalls und des Jubels ausbrachen.

Noch war der erste Beifall nicht verrauscht, da ereignete sich eine ergreifende Seene. Aus den Koulissen wankte der leidende Wieniawski hervor und fiel dem hülfreichen Kollegen in die weit geöffneten Arme. Er küßte Joachim und dabei rannen ihm die

hellen Thränen über die Backen. Jeder Zuschauer fühlte sich ge- 11

rührt und ergriffen bei diesem Anblick und die Ovationen wollten kein Ende nehmen. Selten hat Joachim einen schöneren Triumph errungen, als an diesem Abend, wo er sofort der Eingebung seines guten Herzens folgte.

Joachim gehört zu jenen ernsten Naturen, welche ihr innerstes Wesen nicht dem ersten Besten erschließen, allein er besitzt viel Humor und geistige Schlagfertigkeit. Eines Tages schritt er mit einem seiner Lieblingsschüler am Saum des Berliner Thiergartens dem Brandenburger Thor zu. Sein Begleiter lüftete, als das Goethe-Denkmal in Sicht kam, den Hut und Joachim that mecha

nisch desgleichen. ö Wen haben Sie denn da gegrüßt? fragte der Meister den

Schüler. a 75 ö 5

Den großen Goethe, antwortete der Letztere.

Wie, rief Joachim,und den grüßen wir so familiär, als ob wir seines Gleichen wären!? Umkehren! Und Beide kehrten zum Standbild zurück und machten vor demselben eine tiefe Ver beugung. g a

Dem Künstler ist vorzugsweise die deutsche Musik sympathisch,

unsern großen Tonmeistern fühlt er sich seelisch verwandt. Wie er seit Jahren in England durch die Kunst seines Vortrags den Hörern Achtung und Bewunderung vor den deutschen Tonwerken einflößte, so hat er jüngst in Paris durch den Vortrag deutscher Kompositionen das französische Publikum zur Begeisterung fortgerissen. Joachim ist einer der eifrigsten Apostel deutscher Musik. 85 In der antiken Welt' schon galt der Spruch:O, wie schwer ist es, der Wächter des eigenen Ruhmes zu sein! Joachim macht diese Sentenz zu Schanden. alle Genossen; Niemand vermochte es, dem Geigerkönig die Krone zu entreißen. Wodurch sicherte er sich seine Stellung? Durch die Presse? Joachim hat der Dame Reklame niemals die leiseste Ver beugung gemacht, um eines Lobes willen nie einen Schritt gethan. Er läßt die Kunst die Hüterin seines Ruhmes sein. Ihr hat er sein Leben ganz geweiht, in ihr wurzelt sein Denken und Fühlen, ihr wird er dienen, bis der Tod seine Zauberhände erstarren läßt. Möge dieser Zeitpunkt noch fern sehr fern sein! Möge er noch recht lange leben den Musikfreunden das Schöne offenbarend und die Lernenden für ideale Ziele entflammend! R. E.

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Auf den Wassern. Novelle von Konrad Telmann. 5(Fortsetzung.)

Er hatte sich vorgenommen, Erna rückhaltlos zu eröffnen, auf welche Irrwege ihn sein plötzlich von allen früheren Traditionen und Schranken losgerissenes Herz geleitet hatte, aber eine unbe stimmt in ihm auftauchende Furcht, daß er Erna dann verlieren, wenigstens sich entfremden könne, da, wo sie sich jetzt ganz und voll ihm überließ, hielt ihn immer wieder von diesem Schritte zurück. Aber eine peinvolle Empfindung des Unrechts, das er begangen, blieb um so lebendiger in ihm, als er eines Tages, da er mit Erna durch die dunklen Bogengänge der Stadt gewandert war, um sich es war ein Markttag gewesen an den bunten Volksscenen und kleidsamen Trachten der italienischen Landleute zu ergötzen, zwei dunkle Augen auf sich gerichtet gesehn zu haben glaubte, die er kannte und die ihn an das erinnerten, was hinter ihm lag, und womit er zwar abgeschlossen zu haben wähnte, von wo aber eine laute Mahnung immer wieder an sein Ohr tönte

Er hatte sich damals hastig nach dem Mädchen umgesehn, ob er es im Volksgewühl entdecken und aus ihren Blicken sein Urtheil lesen werde, aber sie war verschwunden und er hatte sich einzureden versucht, daß er sich getäuscht. Trotzdem glaubte er selbst nicht daran und hatte keinen lebhafteren Wunsch als den, die Stadt zu verlassen und mit seinem neuerrungenen Glück einen heimlicheren Platz aufzusuchen. Aber die alte Gräfin wollte davon nichts hören und fing sogar an, heftig zu werden, wenn er zum Fortgehn täg lich mehr drängte. Der Grund war, daß sie hierher eine Geld

sendung ihres Bruders erwartete, mit der sie ihre Rechnung im

Hotel zu decken vermochte, die täglich mehr anwuchs, und ohne deren Berichtigung sie nicht abreisen konnte. Sie hatte zwar be

reits zuweilen die Absicht gehegt, ihre Lage Joseph unumwunden

Seit drei Jahrzehnten überragt er

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