Ausgabe 
9.5.1886
 
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Geige stets nur der Komponist spreche, daß er also das Tonwerk in seiner ganzen Reinheit wiedergebe und die eigene Individualität jener des Komponisten völlig unterordne. Diese rücksichtslose Unter⸗ ordnung, diese selbstlose Hingebung an die Sache der Kunst tritt in ebenso hohem Maße bei dem Lehrer Joachim, wie bei dem aus⸗ übenden Künstler zu Tage. Wo dieser Meister ein Talent findet, ebnet er demselben die Wege, soweit irgend seine Kräfte reichen. Ein Beispiel für viele!

Als Joachim in Brüssel vor einigen Jahren Konzerte gab, trat ein junger Konservatoriumschüler in den Kreis seiner Bewunderer und sprach das Verlangen aus, von dem deutschen Meister unter

richtet zu werden. Joachim ließ den jungen Mann einige Kom positionen spielen und als er sich von der hervorragenden Bega bung desselben über zeugt hatte, erklärte er sich mit Freuden bereit, denselben zu unterrichten. Der Schüler gestand nun zögernd und verwirrt, daß ihm die Mittel fehlten, um die Reise nach Berlin, den Unter⸗ halt, sowie die Kosten für die Unterrichts- stunden zu bestreiten. Lächelnd erwiderte Joachim:Glück⸗ licherweise besitze ich die Mittel. Er nahm den Schüler mit sich nach Berlin, trug Sorge für dessen Unterhalt und als der selbe erkrankte, ging der Lehrer fast täglich zu des Schülers Woh nung hin und ertheilte ihm die erforderlichen Unterrichts-Stunden. Als der junge Mann dann seine öffentliche Wirksamkeit begann, verschaffte ihm der Meister mit Hülfe einer reichen und kunst sinnigen Freundin eine Stradivarius- Geige von sehr hohem Werth. Niemals hat Joachim bei seinen Schülern auf Vergeltung so großer Wohlthaten gerechnet. In der Förderung und Entwicklung des jun⸗ gen Talents sah er seinen Lohn. Er selber hatte zum Beginn seiner Laufbahn das Glück, einem Manne zu begegnen, der in ebenso eifriger Weise sein Führer wurde, wie er es heute so vielen Schülern ist. Dieser Mann war Felix Mendelssohn-Bartholdy. Da die äußere Laufbahn Joachims bekannt ist, so können wir uns mit der An führung einiger Daten begnügen. Derselbe wurde am 28. Juni 1831 zu Kittsee bei Preßburg in Ungarn geboren. Seinen ersten Unter richt empfing er schon im fünften Jahre durch den Geiger Servaczinsky aus Pest, später besuchte er die Konservatorien in Wien und Leipzig. In letzterer Stadt wurde, als er kaum zwölf Jahre zählte, der Komponist Mendelssohn auf ihn aufmerksam gemacht. Jener er kannte sofort die außerordentliche Begabung des kleinen ungarischen Geigers, zog ihn in sein Haus, mustzirte fast jeden Sonntag Vor⸗ mittag mit ihm und als derSommernachtstraum zu Berlin mit seiner Komposition gegeben wurde, nahm er ihn mit zur Premiere, um des kleinen Burschen Urtheil zu hören. Auf Mendelssohns Antrieb ging

Professor Joseph Joachim. 5

Nach einer Photographie von J. C. Schaarwächter in Berlin.

dann Joachim nach Göttingen und hörte dort drei Semester Vorlesungen über Geschichte, Literatur und Kunstgeschichte. Während der Studien⸗

zeit erhielt er den Besuch von Brahms und dem ungarischen Geiger

Remenyi. Der letztere wollte ein Konzert spielen und der jugend⸗ liche Brahms sollte ihn auf dem Klavier begleiten. dies Instrument in der Stimmung nicht mit der Geige im Ein⸗ klang und Remenyi fand es unbequem, seine Geige herabzu⸗ stimmen.Das ist auch nicht nöthig, versetzte der kleine Brahms, ich kann ja die Begleitung statt in C in Cis spielen. Und er transponirte das Musikstück mit solcher Sicherheit, daß Joachim sich

sofort für Brahms interessirte und denselben an Schumann empfahl.

Leider stand

Der Letztere war bald, gleich Joachim, von der hervorragenden Be-

gabung des Empfoh⸗

des neuenMessias. Von Brahms und Joachim sagte dann Schumann:Diese beiden Bürschchen sind zwar noch nicht trocken

die Welt wird sich einst viel mit ihnen zu be⸗ schäftigen haben.

Diese Prophezeiung hat sich bekanntlich glänzend erfüllt.

Im Jahre 1844 nahm Felix Mendels⸗ sohn seinen kleinen Freund Joachim mit sich nach London und führte ihn in die Phil⸗ harmonische Gesell⸗ schaft ein. In dem ersten Konzert, das dort unter Mendels⸗ sohns Leitung statt⸗ fand, trug der kaum vierzehnjährige Geiger zum ersten Male das Beethovensche Violin⸗ konzert vor, durch wel ches er seither Tau sende und Abertausende von Hörern begeistert hat. Die Wirkung seines Spiels war schon damals in London eine so großartige und über⸗ wältigende, daß Men⸗ delssohn sich in einem Bericht über das Kon⸗ zert dahin aussprach: Ich hätte vor dem Wunderknaben Joachim niederknieend dirigiren mögen, so sehr entzückte mich sein Spiel. Im Jahre 1848 wurde Joachim durch Mendelssohns Empfehlung als zweiter Konzertmeister des Gewandhausorchesters in Leipzig angestellt. a

Es unterliegt keinem Zweifel, daß der Einfluß Mendelssohns auf Joachim für dessen künstlerische Entwicklung von allerhöchster Bedeutung war. Ein Tonmeister wie Mendelssohn konnte die Blicke des jugendlichen Geigers nur auf die höchsten und edelsten Ziele der Kunst richten und so blieb Joachim von vornherein vor der Gefahr bewahrt, seine Kunst der Mode anzubequemen und in brillanten Virtuosenstückchen Erfolge zu suchen. Außer mit Mendels

sohn stand der junge Künstler aber auch mit Schumann und 7

Spohr in sehr regem geistigen Verkehr und empfing von diesen mancherlei Aufmunterung und Anregung..

Im Jahre 1850 lud Franz Liszt ihn nach Weimar ein und

dort übernahm Joachim in der Hofkapelle die Stelle eines ersten

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hinter den Ohren, aber

lenen überzeugt und verkündete in einer mu. sikalischen Zeitschrift bekanntlich die Ankunft

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