Ausgabe 
9.5.1886
 
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N 2

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innerung an Dich retten, sie soll mir rein und heilig bleiben. Lebe wohl!

Lindner nahm das Schreiben wieder in seine bebenden Hände und schwere hastige Tropfen fielen darauf nieder.Das hätte sie mir nicht thun dürfen, weinte er in seine Hände,sie und das arme kleine Kind in der weiten Welt verloren! Es ist so unglaublich von Beiden, sie so rein, so ernst und würdig in jedem ihrer Ge⸗ danken und der brave Junge von Masbach, der unter meinen Augen aufgewachsen ist, ich könnte den Verstand darüber verlieren. Welche Geheimnisse aber hat sie ihm mitzutheilen, die sie mir vor⸗ enthält? Und habe ich nicht mit eigenen Augen ihre bittenden Geberden, ihre Thränen gesehen, als sie mit dem Jungen sprach? Ist sie allein forke fuhr er wild auf,sind das nicht neue Intriguen, die mich auf Irrwege führen sollen? Ha, wir werden sehen und dann soll ihr Durchbrennen nichts helfen, ein skandalöser Prozeß soll der Welt zeigen, wie der hochgeehrte junge Nachbar dem alten Narren, der sich seines Glückes so sicher bewußt war, das tugendhafte, bewunderte Weib gestohlen hat. Ich gehe darüber zu Grunde, diese Schmach ertrage ich nicht! Gewißheit muß ich haben, absolut muß ich wissen

Er ritt hinaus in die Nacht. Kein klarer Gedanke kam ihm, schattenhafte Gestalten schienen mit rasender Schnelligkeit an ihm vorbei zu huschen, er stürmte sinnlos fort, fühlte wie im Traume, daß das Pferd stille stand und meinte endlich, bekannte Menschen⸗ stimmen zu hören, die sich um ihn beschäftigten.

Es war spät in der Nacht, als er aus einer langen Bewußt⸗ losigkeit erwachte. Eine sanfte wohlthuende Hand machte ihm kühlende Umschläge auf den Kopf und sein starrer Blick fiel auf Frau van Mossels Gesicht, das ihm beruhigend zulächelte. Ver⸗ wirrt sah er auf nach dem, der ihm so unermüdlich die wohl thuenden Umschläge auflegte und Eduard van Mossel sah ihn treu herzig an und flüsterte seiner Mutter zu:Er kommt zu sich, Gott sei Dank!

Erkennen Sie mich, Herr Nachbar? fragte Frau van Mossel und beugte sich zu Lindner nieder.

Ja, ich erkenne Sie und auch Ihren Sohn, sagte er und seine Blicke fuhren wild im Zimmer umher.Ein Unfall, ein Sturz vom Pferde wahrscheinlich

Ich denke nicht, es war nur eine Ohnmacht; Ihr Pferd hielt glücklicher Weise dicht hier am Hause, erklärte Eduard.

Ich wollte zu Dir, Rechenschaft fordern, sagte er mit einem finstern, unsichern Blick.

Er ist noch nicht ganz bei sich, flüsterte Frau van Mossel, wenn nur der Doktor endlich käme!

Ich bin ganz bei mir, Frau Nachbarin, im vollen Bewußtsein meines Unglückes, sagte er und versuchte wieder aufzustehen.

Mutter und Sohn warfen sich einen besorgten Blick zu.

Meine Frau ist entflohen mit der kleinen Ellinor; Eduard, Junge, lege Deine Hand auf's Herz und schwöre mir, daß Du nichts davon weißt, dann will ich Dir glauben, rief Lindner verzweiflungsvoll. f

Herr Nachbar, Sie sollten ruhig bleiben; der Doktor muß wohl bald kommen und er wird Ihnen ein Beruhigungsmittel geben, sagte Frau van Mossel beunruhigt.Ach, lieber Eduard, es dauert gar zu lange, bis er wieder ganz bei Bewußtsein ist, klagte sie. f

Ich bin bei völligem Bewußtsein, mir ist wieder wohl, rief er und stand auf seinen Füßen.Weiche mir nicht aus, Eduard; schwöre, schwöre, sonst giebt es ein Unglück.

Eduard van Mossel richtete sich hoch auf.Sind Sie wirklich nichts von Frau Lindner weiß; ich sah sie vorgestern zum letzten Male, es war in der Stadt, erwiderte er und der Ausdruck seines Gesichtes hatte sich getrübt.

Ja, gerade damals in der Stadt; warum diese eifrige be⸗ wegte Unterredung mit ihr? fragte er erregt.

Es war nicht der Mühe werth; wir begegneten uns zufällig; da sprach sie mich um einen kleinen Dienst an, den ich ihr leisten sollte und sie war so dankbar dafür, die arme Frau, erwiderte er mit voller Wahrhaftigkeit.

Einen Dienst bezüglich ihrer Flucht? fragte er hastig.

Ich habe nie von einem solchen Vorhaben gehört, ent⸗ gegnete er.

bei Sinnen, Herr Lindner? nun, so schwöre ich Ihnen, daß ich

Am Abend vorher aber, war es Zufall, daß Du ihr am Fichtenwald begegnetest? fragte er und seine Blicke irrten unruhig umher. 1 Das ist absurd, Herr Nachbar, rief Frau van Mossel ärgerlich. Ich glaube gar, Sie wollen meinen Sohn einer infamen Hand- lung verdächtigen. 5 f Herr Lindner, Fichtenwald begegnet, kopfschüttelnd. Armer Junge!

ich bin nie und nimmer Ihrer Frau am weder bei Tag noch bei Nacht, sagte Eduard

Hat denn wirklich der Herr Nachbar nicht* sehen wollen? wie ist es nur möglich, daß man zu solchen Hirn⸗ gespinnsten kommt! rief Frau van Mossel gereizt.Und wenn es wahr ist, daß Ihre Frau Mandsfelt verlassen hat, so bin ich. nicht erstaunt darüber, es blieb ihr wohl nichts Anderes übrig, wenn sie eine Ahnung von derlei empörenden Vermuthungen hatte.* Mutter! flüsterte Eduard bittend;ich bitte Dich, sei nicht hart; ich bin überzeugt, daß Herr Lindner im ersten Stadium einer Hirnentzündung ist; wir dürfen uns seiner Aeußerungen wegen 5 nicht beleidigt fühlen. 5 Ich hätte Dir Unrecht gethan, Junge? sagte Lindner und sah mit kläglichem Ausdruck den jungen Mann an.Gieb mir die Hand, Eduard; es war auch zu unglaublich. Aber was hilft es. mir jetzt, daß ich sie für unschuldig halte, sie ist gegangen und ich weiß nicht wohin. Er flößte Mutter und Sohn das tiefste Mitleid ein; sein bleiches Gesicht hatte einen wahrhaft kläglichen Ausdruck. 0 Fassen Sie sich doch, tröstete Frau van Mossel.Wohin sollte denn Ihre Frau mit der Kleinen gegangen sein, als zu ihrem Onkel? 3 0 Er schaute auf, als sei er von einer schweren Last befreit. Ich glaube, Sie haben das Richtige getroffen, ja, bei dem alten Onkel wird sie sein. Und nun will ich nach Hause; ver⸗ zeiht mir, ich bitte Euch. Eduard brachte ihn im geschlossenen Wagen nach Hause. Es war Georg, der noch allein sichtbar war, und der an den Wagen trat, während die Gestalt von Klas Back sich im Dunkel verlor.. Er starrte die beiden Männer an und verfolgte sie mit verwunderten Blicken bis ins Haus hinein.Bleibe noch ein wenig bei Deinem 8 Vater, sagte Eduard, ehe er wieder in den Wagen stieg;ich glaube, er wird schwer krank werden. Ich wäre weniger erstaunt gewesen, wenn ich den Papst und den Sultan aus dem Wagen hätte kommen sehen, wie Dich und den Papa, sagte Georg und lachte unbändig;ich glaubte Dich über alle Berge, oder Donnerwetter! hast Du den Vater am Ende im Duell verwundet? fragte er und öffnete groß die Augen. Du verdientest, daß ich Dir hinter die Ohren schlüge, elender 1 Junge, sagte van Mossel und ging an Georg vorbei, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. 5 Georg war eine dunkle Gluth ins Gesicht gestiegen, er drohte mit geballten Fäusten dem abfahrenden Wagen nach und murmelte: Warte, Du sollst an mich denken. 3 Aus dem Dunkel wurde wieder die Gestalt von Klas Back sichtbar. Den merke Dir, Klas; sind wir einmal in unserm Eignen, dann soll der Masbacher von uns Beiden hören. Was wolltest Bu mir denn gerade sagen, als der Wagen kam? Du machst immer so lange Vorreden; Du mußt mir erst klar machen, wie viel Mühe es Dich gekostet, und wie viel Klugheit und Geschicklichkeit Du daran gewendet, hinter eine Sache zu kommen. Wenn Du meinst, ich sollte daraus die Lehre schöpfen, daß ein Anderer es Dir nicht gleich. thun könnte, und daß Deine Dienste unbezahlbar seien, so bist Bu nichts, wie ein dummer Klas; das merke Dir, und nun heraus damit. Allem Anschein nach ist die gnädige Frau schon seit gestern in der Abenddämmerung fort, begann Klas seinen Bericht.Die Wäscherin, die Lene, hat die gnädige Frau gesehen, wie sie aus der kleinen Türe aus dem Garten den Feldweg betreten hat, und wie sie schnellen Schrittes mit Ihrer kleinen Schwester davon gegangen ist. Die Lene hat ihr nachgeschaut, weil es sie erstaunte, daß Frau Lindner noch so spät spazieren gehe; sie meinte, es müsse ungefähr sechs Uhr gewesen sein. Gegen zehn Uhr Abends haben zwei Frauen aus Mandsfelt, die Butter in der Stadt verkauft haben, eine Dame mit einem Kinde gesehen, ungefähr eine Stunde von der Stadt. Sie

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haben sie nur aus der Ferne gesehen und sind aufmerksam auf sie geworden, weil das Kind weinte und nicht mehr weiter wollte, bie

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