Ausgabe 
9.5.1886
 
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6 Oberhessischen Uachrichten. 13 Jeder Nach druck aus dem 9 Zeitschrift 1 werden.

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Gießen, den 9. Mai.

1 2 8 8 3 1 Die Stiefmutter. f Roman von M. Elton.

(Fortsetzung.)

V.

Der folgende Tag neigte sich bereits, in dem stillen Herrschafts hause in Mandsfelt herrschte eine außergewöhnliche Unruhe. Lindner irrte bleich und verstört aus einem Zimmer ins andere und schlug die Thüren dröhnend zu, Georg stand kopfschüttelnd im Hofe, er übergab seinem treuen Begleiter, Klas Back, Flinte und Jagdtasche und sagte:Trage Alles ins Haus, gieb den Hasen der Köchin; das sind Neuigkeiten, die hört man nicht alle Tage, wenn man müde und hungrig von der Jagd kommt. Geh' hinein, Du Tölpel, was hast Du denn hier zu stehen, als ginge es Dich etwas an, ob die Mama in den Ziehbrunnen gesprungen ist, oder ob sie mit dem Andern durchgebrannt ist; ist das Kind nun mit ihr fort, so wird weder das Eine noch das Andere anzunehmen sein.

Klas war ins Haus gegangen und Georg begab sich die breite Steintreppe hinauf zu seiner Schwester.

Adeline schreckte bei seinem Eintritt vom Ruhebett auf.Wer heißt Dich hier unangemeldet eintreten? fuhr sie ihn an;man klopft wenigstens an die Thüre.

Ja, das hätte ich auch gethan, in der Verwirrung, aber wie siehst Du aus, Adeline! man meint, Deine Augen hätten Dein Gesicht aufgegessen. Freilich, wo ist die Frau; ist ein Unglück passirt, so bekommen wir beide wieder alle Schuld von der Nachbar schaft; die Kanaillen von Gesinde und Hauslehrern haben uns den Ruf verdorben.

Wie bist Du so albern! rief sie mit einem schrillen Lachen, sie ist fort mit Lord Graham, und wieder lachte sie, daß es Georg ganz unheimlich wurde.

Ich glaube, Du hast das Fieber, sagte er kopfschüttelnd und verließ ihr Zimmer.Mit dem Alten wird nun gar nicht mehr zu reden sein, meinte er und ging in den Speisesaal, wo er heftig nach dem Mittagessen schellte.Klas soll zu mir kommen, sagte er zur Köchin, die ihm die Suppe herein brachte.Höre, redete er den demüthig an der Thüre gebliebenen Klas au, indem er die Suppe schlürfte,Du ziehst heimlich Erkundigungen ein, ob Niemand im Dorfe Frau Lindner gesehen hat.

Unten in der Küche weiß Niemand etwas von ihr, sagte Klas.

laß begehrt. Wie nun nichts sich regte und die Thüre verschlossen blieb, da hat der Kutscher das Schloß aufbrechen müssen. Der gnädigen Frau Bett war unberührt, die Kleine aber mußte noch in ihrem Bettchen geschlafen haben. Der Herr hätte rathlos da gestanden und darauf etwas von einem Besuch in der Nachbarschaft gesagt, sei aber bleich wie der Tod geworden, als er einen Brief auf dem Schreibtisch der gnädigen Frau gesehen, den er mit sicht lichem Beben ergriffen und zu sich gesteckt hätte, sonst konnte ich nichts erfahren, Herr Georg.

Ei, wer heißt Dich denn im Hause spioniren? fuhr ihn Georg an und zog zornig die buschigen Augenbrauen zusammen. Dies Volk, das dem ersten Besten die Geheimnisse unseres Hauses preis giebt, muß zum Teufel gejagt werden. Laß Dir nur nicht wieder einfallen, hier auszufragen, und wenn Du ein Wort im Dorfe sagst, so sind wir gute Freunde gewesen, merk' Dir's, Klas.

Lindner saß in seinem Zimmer und hielt den Kopf in beide Hände gestützt, vor ihm lag ein beschriebenes Blatt Papier.

Lieber, Guter! lautete Julia's Brief.Es ist dunkel in meiner Seele, meine Verwirrung ist so groß, daß ich keinen Ausweg aus diesem Labyrinth sehe. Ich muß fort, das fühle ich allein klar; ich muß mich ferne von hier wieder finden und wieder lernen, an mich selbst zu glauben. Wieder vor Dir zu erscheinen und Dich als strenger, verdammender Richter vor mir zu sehen, das könnte ich nicht ertragen; ich würde mich gegen Dich empören und das traurige Verhältniß, das die Luft von Mandsfelt über uns zu be schwören scheint, würde zu dem unglückseligsten werden; denn ver zeihen würde ich Dir nie können, wenn ich aus Deinem eigenen Munde hören müßte, daß Du mich für ein elendes, pflichtvergessenes Weib hältst. Du thust es nicht, das will, das muß ich glauben, trotz Deines Betragens. Warum bist Du nicht zu mir gekommen und hast nur Deine treuen Augen sprechen lassen:Julia, ich glaube an Dich, trotzdem, was man von Dir erzählt hat! Ich hätte Dir das Eine mit begeisterter Dankbarkeit gesagt:Ein heiliges Versprechen bindet mich, ich darf nichts sagen; aber diese Stunde vergesse ich Dir nicht. Du siehst, daß ich gehen muß; wenn ich bliebe, so würde auch die Zukunft, auf die ich hoffe, auf die ich baue, für mich und Dich unmöglich sein. Wohin ich gehe, weiß ich in meiner

Verwirrung selbst nicht; unser Kind nehme ich mit; ich kann es nicht freundlos hier zurücklassen. Beunruhige Dich nicht darüber, was aus uns werden wird; ich bin gesund und hoffe, daß meine Kenntnisse uns so viel zu verschaffen vermögen, als wir Beide nöthig haben. Lebe wohl, Lieber, Guter! Ich bebe und zittere vor dem letzten verhängnißvollen Schlage; er scheint mir schwer ausholen zu wollen in der drohenden Luft, die mich umgiebt, um mich ver nichtend zu treffen. Das darf nicht sein, ich muß mir die Er

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Das Kammermädchen ist heute Morgen öfters an der Thüre ihres Zimmers gewesen, und als die gnädige Frau nicht zum Mittag essen gekommen ist und die Köchin das Essen wieder geradeso hinaus⸗ getragen hat, wie sie es hinein getragen, da auch der Herr und das gnädige Fräulein nicht erschienen waren, so hat sie endlich Nachmittags, da Alles stille blieb in den Zimmern der gnädigen Frau, dem Herrn Anzeige davon gemacht. Er ist nicht sogleich gekommen, erst später und hat nicht mit sehr sanfter Stimme Ein⸗

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