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derselbe Gedanke lebte in Aller Seelen, die gleiche Freude ließ Aller Herzen klopfen. Die Unbekannten sprachen sich an, wie alte Freunde, die Feinde schüttelten sich die Hand und vergaßen die alte Zwietracht, die Freunde umarmten sich und weinten vor Freude; Jeder sprach mit lauter Stimme, man rief sich auf den Straßen, von den Fenstern aus an; ein Ruf ließ sich von allen Seiten echoweckend hören: Italien und Viktor Emanuel! Die Paläste schmückten sich mit glänzenden Teppichen, die dreifarbigen Banner und Wimpel flatterten aus den Fenstern und auf dem Markus⸗ platz. Die Gondeln waren festlich geziert, und die Gondeliere stimmten die munteren Lieder vom Jahre 48 an. Alles kam nach draußen, Alles wollte die Stadt unter diesem neuen Anblick sehen. Die Menge überschwemmte die Straßen, und die Gondeln konnten sich auf den Kanälen kaum fortbewegen, und so, dicht aneinander⸗ gedrängt und stillehaltend bildeten sie beinahe selbst eine schwimmende Stadt mitten in jener unbeweglichen aus Marmor. Festjubel herrschte überall, auf dem Wasser und auf dem Lande, die Brücken waren schwarz von der ungeheuren Menge von Leuten, die an ihre
diese Vorstellung machte sie nervös, aufbrausend und ließ ihr keinen Frieden; sobald einmal die Truppen am Markusplatz ausgeschifft waren, mußte er auf seinem Wege zuerst an das Haus des Herrn Comelli kommen, und es schien ihr unmöglich, daß er dann nicht wenigstens Valeria einen Gruß schenken würde.
Sie hatte sich entschlossen, ihn zu Hause zu erwarten, es war unnöthig, ihm entgegenzugehen, da er sich doch mitten im Re— giment befand und sich aus diesem nicht loslösen konnte. Aber um ihn zu strafen, wenn er etwa vorher doch in Valeria's Haus gehen sollte, bat sie diese, ihr Gesellschaft zu leisten.
„Sieh',“ sagte sie zu ihr,„ich muß durchaus Irgend einen um mich haben, ich fürchte sonst, daß die zu große Freude mir Schaden thut.“
Valeria hatte gern zugestimmt, um ihr zu Gefallen zu sein.
So waren an jenem Morgen die beiden Frauen voller Angst am Fenster gewesen, hatten die Menge in der Ferne erblickt und die Federbüschel der Bersaglieri munter in der Luft flattern sehen. Sie hatten das Geschrei gehört, das durch die ganze Stadt ge—
Muskau.
Brüstungen gedrängt standen; die Buben kletterten auch auf die Dächer, hielten sich an den Giebeln fest, setzten sich auf die Haupt⸗ gesimse, auf die! Balustraden der Paläste, und Keiner dachte daran, sie von dort herunterzujagen. Alle wollten unser Heer sehen und begrüßen. Als die ersten Soldaten in der Entfernung auf— tauchten, stimmten die Musikbanden die savoyische Hymne an, und die Glocken vom Markus-Dom ließen ihr Geläut hören, ein Freudenruf lief durch die ganze Stadt hin. Endlich schienen so— gar die korinthischen Rosse und die gothischen Arkaden des Dogen— palastes sich zu regen, zu beleben und zu zittern bei dem begeisterten Geschrei, das sich aus Aller Brust heraufhob.
Frau Klara wußte, daß mit dem Heer auch ihr Sohn ein— ziehen sollte, und viele Tage hindurch hatte die Freude, ihn wieder— zusehen, alle anderen Gefühle in ihr erstickt. Wenn sie mit Valeria von ihm sprach, erschien sie wie närrisch, und in der That war sie fröhlich und glücklich.
Dennoch verdunkelte an jenem Morgen ein Gedanke ihre Freude. Sie hatte sich's in den Kopf gesetzt, daß Mario, bevor er herbei— eilte, sie zu umarmen, zu Valeria's Begrüßung schreiten werde, und
laufen war und standen nun da, den Blick fest auf einen einzigen Punkt gerichtet, nur in einen einzigen Gedanken versenkt.
Endlich, endlich erscheint dort eine Gondel in der Ferne. Das Herz sagt ihnen, wer dort in jener Gondel sich befindet und der auf ihre Thür gerichtete Blick des Gondeliers bestätigt ihnen das, was ihre Herzen ihnen zurufen. Die Gondel gleitet mit der denk⸗ barsten Schnelligkeit über das Wasser hin, der Gondelier erhebt das Ruder, er nähert die Gondel den Stufen der Thür und heraus steigt ein schöner Offizier mit vergoldeten Epauletten und Knöpfen, die in den Sonnenstrahlen einen Widerglanz zurückwerfen, und hastig eilt er die Stiege hinauf, und hinter sich her schleppt er den Säbel, der bei jedem seiner Schritte laut erklirrt.
„Verbirg' Dich,“ sagte Frau Klara mit zitternder Stimme zu Valeria,„ich möchte, daß er mich allein findet. Du aber komm' herein, sobald ich auf die Glocke drücke.
Bei diesen Worten ließ sie diese in ihr Schlafzimmer gehen und eilte Mario entgegen.
Mutter und Sohn fielen einander in die Arme, ohne Worte


