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gehoben, ein dunkler Filzhut mit einem kleinen Federstutz war tief auf die Stirn gedrückt.“
„Der Koffer folgt mir auf dem Fuße,“ fuhr die junge Dame fort,„ich habe ihn schon bestellt.“
Unterdeß hatte sie den Hut abgenommen und eine Fülle leicht gekräuselten, tiefschwarzen Haares war sichtbar geworden, das, ob⸗ gleich glatt zurückgestrichen und zu einem losen Knoten im Nacken aufgesteckt, doch in einigen eigensinnigen Löckchen auf die schmale Stirn herabfiel. Die Züge waren nicht regelmäßig, aber von einer ausdrucksvollen Beweglichkeit, ein schön geformter Mund, dunkle, von langen Wimpern beschattete Augensterne, die aus dem bläulichen Weiß der Umgebung gleichsam herausstrahlten, und ein matt elfen⸗ beinfarbener Teint verliehen dem Mädchen eine eigenartige Schönheit, die etwas Frappirendes hatte.
Frau von Hartwitz hatte unterdeß einige Worte auf ein Blatt aus ihrer Brieftasche geschrieben und reichte es jetzt Heddenheim. „Meine Adresse.“
Er steckte es zu sich und griff nach seinem Hut.„Ich empfehle mich den Damen.“
„Sie wollen gehen?“ rief das junge Mädchen dazwischen,„natürlich nehmen Sie doch mit uns den Kaffee. Nicht wahr, Tante?“
„Mein Kind, Herr Heddenheim theilt wahrscheinlich nicht unsere bürgerlichen Gewohnheiten,“ entgegnete sie,„wir essen nämlich pünktlich um 1 Uhr Mittag, und ich sorge dafür, daß ich auch im Hotel um diese Stunde irgend etwas zu essen bekomme. Bei Ihnen ist es wahrscheinlich noch Vormittag?“
Konrad gab lächelnd zu, daß er allerdings erst um 5 Uhr zu speisen pflege.
„Dann haben Sie jedenfalls um 12 oder 1 Uhr ein lunch,“ meinte Martina,„was ebenso gut, wie unser solides Mittagessen ist und können doch mit uns jetzt eine Tasse Kaffee trinken. Eine dritte Tasse,“ ordnete sie, ohne Heddenheims Antwort abzuwarten, an, als der Kellner jetzt den Kaffee brachte;„ich finde nämlich, daß nichts anderes so erfrischend und anregend wirkt, als eben Kaffee,“ fuhr sie fort, während sie das Geräth arrangirte,„ich bilde mich rechtzeitig zu einer alten Jungfer aus und sehe mich schon als solche hinter einer mächtigen Kaffeekanne sitzen— nur ohne Strick— strumpf, denn das Stricken werde ich wohl nicht mehr lernen.“
„Martina ist gewöhnt durckzusetzen, was sie will,“ sagte Frau von Hartwitz,„Ihnen wird wohl also nichts übrig bleiben, als sich zu dem Kaffee zu bequemen.“
Martina lächelte, machte der Tante die Tasse mit Zucker und Sahne zurecht, reichte dann Heddenheim eine Tasse und schob ihm Zuckerschaale und Sahnentopf zu.
„Ich weiß nicht, ob Sie das Zeug da brauchen,“ plauderte sie weiter,„ich trinke den reinen, schönen Mokka ohne den beein— trächtigenden Zusatz, die Tante habe ich nie für diesen einzig echten Genuß empfänglich machen können.“
Dabei schlürfte sie mit Behagen ihren Kaffee.„Nun, Tantchen,“ wandte sie sich dann an Frau von Hartwitz,„ist Alles abgemacht, wirst Du Bresden kaufen?“ 0
„Ja, Herr Heddenheim wird mir das Geld vorstrecken.“
„Das ist hübsch von Ihnen,“ rief sie,„wie wird die gute Anneliese sich freuen; haben Sie Dank.“ Sie bot ihm die Hand und er fühlte einen kräftigen Druck derselben.„Wenn Sie ein Opfer damit bringen, dann brauchten Sie nur die kleine, blasse Frau zu sehen, dann wäre es Ihnen keines mehr, was möchte man nicht Alles thun, um ihr einen Gefallen zu erweisen, ihr ein kleines Lächeln zu entlocken.“
„Es ist kein Opfer, gnädiges Fräulein, ein ganz einfaches Ge— schäft,“ erklärte Heddenheim.
„Aber ich möchte viel lieber, daß es eines wäre,“ behauptete Martina;„ein Geschäft, das ist so schrecklich nüchtern! für gute Menschen etwas thun, was schwer ist, das hat einen andern Klang.“
„Leider kann ich darauf keinen Anspruch machen,“ beharrte Heddenheim lächelnd, und da ich auch nicht das Glück habe, die junge Dame zu kennen, so—“
„So ziehen Sie es vor, mich für ein recht exaltirtes Mädchen zu halten und Ihren nüchternen Standpunkt zu bewahren,“ ergänzte Martina und sprang, als jetzt die Thür geöffnet wurde und der Hausdiener eine Anzahl Packete hineinbrachte, auf, um sie ihm ab— zunehmen und rasch ihrer Hüllen zu entledigen.
Heddenheim verabschiedete sich nun von den Damen, sah aber
noch, daß sich aus den Schachteln und Päcken allerlei Kindersachen
entwickelt hatten.
Er erinnerte sich dunkel, von seinem Onkel gehört zu haben, daß Frau von Hartwitz ein Kind— eine Nichte— im Hause habe, ja es schwebte ihm vor, als habe er selbst einmal vor Jahren einen kleinen, häßlichen Backfisch im Wagen an ihrer Seite gesehen. Sie lebte sehr zurückgezogen, in der Gesellschaft hatte man nie von ihr gehört, jetzt war sie ein Jahr abwesend gewesen, so hatte er keine Ahnung von diesem Mädchen gehabt, das zu einer eigen— thümlichen, herben Schönheit erblüht war. Sollte Frau von Hart⸗
witz die Absicht haben, sie im nächsten Winter in die Gesellschaft
einzuführen, so würde sie unfehlbar binnen Kurzem die Königin der Saison sein.
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Heddenheim hatte, seinem Versprechen gemäß, am nächsten Tage das Nöthige veranlaßt, und konnte nun das Geld sammt dem Schuldschein Frau von Hartwitz übersenden. So war es zwischen ihnen besprochen; ihm erschien es aber plötzlich höflicher, selbst nach Ornshagen hinauszufahren, und so schnell der Entschluß gefaßt, wurde er auch zur Ausführung gebracht. 5
Es war einer jener Tage des Vorfrühlings, die Körper und
Seele auch des nüchternsten Menschen wohlthuend berühren. Die
Luft ist kräftig und frisch, hat noch nichts von dem Ermüdenden jener späteren, weichen Lenzeswärme, die ersten, mehr geahnten als zu schauenden Regungen neu erwachenden Lebens in der Natur erzeugen noch nicht die wehmuthsvolle Sehnsucht des gewaltigen Knospens und Grünens künftiger Zeit. Ueber den braunen Feldern lag es wie ein leichter, lichtgrüner Schleier, an den Gesträuchen
und Bäumen schimmerte es hier und da grünlich auf und aus der
feuchten Erde stieg ein erquickender Duft, überall Vorboten des nahen Lenzes.
Heddenheim fuhr durch die breite Lindenallee, welche sich un— mittelbar vor dem Thor der Stadt bis zu den nächsten, viel be— suchten Vergnügungsorten hinzieht. Die alten Bäume streckten ihre Aeste noch kahl zum Himmel, und so hatte man freien Aus- blick nach der, sich in sanfter Linie hinziehenden Hügelkette zur linken, und dem silbernen Band des Flusses zwischen den bräunlichen Feldern zur rechten Seite.
Heddenheim hatte den Wagen herunterschlagen lassen und be— trachtete, weit zurückgelehnt und den Dampf seiner Cigarre vor sich hinblasend, mit Vergnügen das sich vor ihm entfaltende landschaft—
liche Bild. Bald hatte er die sich hinter jener Lindenallee er—*
streckende Vorstadt mit ihren zierlichen Villen erreicht. Noch waren dieselben zum größten Theil unbewohnt, die Gitter vor den Gärten geschlossen, die Jalousieen herabgelassen, aber auf den Beeten streckten Schneeglöckchen und Crocus neugierig ihre Köpfchen heraus, und hier und dort sah man schon einen Gärtner beschäftigt. Alles deutete auf neu erwachendes, fröhliches Leben. Noch eine Viertel⸗ stunde Fahrt, dann bog der Weg links ab und man sah nun bereits das Wohnhaus von Ornshagen weiß zwischen den Bäumen hervor— leuchten. Im Sommer mußte es ganz im Grün versteckt liegen.
Es war bald erreicht; ein schmuckes Haus mit einer hohen Freitreppe, über der sich ein von Säulen getragener Balkon erhob; an der Giebelseite sprang ein erkerartiger, rings von Fenstern um⸗ gebener Ausbau vor, der den Blick auf die begrünte Hügelkette frei hatte. Heddenheim fuhr längs dem von einer Tannenhecke um— schlossenen Garten, auf den sauberen, von gut im Stande gehaltenen, ziegelgedeckten Wirthschaftsgebäuden umgebenen Hof. Mehrere breite Steinstufen führten zu der großen Eingangethür, die, da man den Wagen kommen gesehen, eben von innen geöffnet wurde. Ein alter Diener in stattlicher Livre führte Heddenheim in den weiten Vor— raum, der durch zwei hohe Bogenfenster zu Seiten der Thür er— leuchtet wurde. Während derselbe dann hineinging, um ihn zu melden, hatte er Gelegenheit, sein Auge an den alten großen, mit köstlichem Schnitzwerk versehenen Nußbaumschränken, den schönen auf denselben stehenden Delfter Vasen, und einer alterthümlichen, ebenfalls mit reichem Schnitzwerk geschmückten Standuhr zu erfreuen, die eben ein helles Glockenspiel ertönen ließ. Der Diener führte ihn dann durch zwei, wie es ihm schien, ebenfalls mit gediegenem Geschmack eingerichtete Zimmer in ein drittes, zu dem jener Erker gehörte, den er schon von der Straße her gesehen hatte. Ei
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