Ausgabe 
7.11.1886
 
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um das Geschöpf seiner Phantasie und vergötterte Schönheit. Aber sie hatte doch oft genug gehört und gelesen, daß innere Eigenschaften einer Ftau der äußeren Unschönheit erfolgreich die Waage zu halten im Stande wären. Freilich, ob gerade bei Roland Hartenstein, diesem Hohenpriester der Form und Farbe? Vielleicht bereute er später seine Wahl. O, ihre Seligkeit hätte sie in diesem Augen⸗ blick hingegeben, wenn sie dafür Schönheit erkaufen gekonnt! Und plötzlich sank sie von dem Stuhle herab auf ihre Knie; die gefalteten Hände emporgestreckt, murmelte sie halb besinnungslos:

O Gott! Mein Gott, laß ihn blind bleiben!

Es war ein Angstschrei aus tiefster Brust, aber sie entsetzte sich davor. Ein kalter Schauer überlief sie. War das ihre Liebe? Hatte sie wirklich nichts Besseres, Edleres in ihrem Herzen, als diesen erbärmlichen, elenden Wunsch, der allein ihrer Selbstsucht Genüge that?

Es war ihr plötzlich, als habe ein Fieberparoxismus sie ver⸗ lassen, und sie sei aus einem irren, wüsten Traum erwacht. Noch immer rüttelte der Sturm an den Fenstern, der rothe Sammet war zu Boden geglitten, und die nackten Schultern fröstelten sie, auch das Haar hatte sich theilweise gelöst und fiel in einzelnen Strähnen über ihr Gesicht, aber jetzt that sie keinen Blick mehr in den Spiegel. Sie nahm vielmehr die Lampe und stellte sie in das entgegengesetzte Ende des Zimmers, hing ein schwarzes Wolltuch um und ordnete die schlichten Scheitel, die sie immer trug. Dann nahm sie die Ringe aus den Ohren, die wie Feuer brannten, aber weit brennen⸗ der war ihr der Gedanke, um was sie gebetet hatte um Blind heit für ihn!

Gott wird und darf mich nicht erhören, dachte sie voll reuiger Seelenqual.Was liegt an mir, wenn er nur genesen kann, er, den die Welt bewundert, der einer von den Auserwählten ist, während ich nein, Gott kann und darf mich nicht erhören!

Aber die Angst und Reue nagten in ihrem Herzen immer weiter und weiter, ohne daß sie ihnen Einhalt gebieten konnte.

Einen Augenblick, Gottliebe, sagte Dr. Armstrong, die Hand auf den Arm der Pflegerin legend,ich hätte etwas mit Ihnen zu besprechen.

Sie nahm die Hand von dem Thürgriff, den sie schon berührt hatte, um zu Roland Hartenstein zu gehen und sah mit dem ihr eignen scheuen Blick in das Gesicht des Arztes.

Es wird Sie nicht lange aufhalten, aber es betrifft Ihren Patienten, kommen Sie deshalb in mein Zimmer, sagte er, sich zum Gehen wendend, und sie schloß sich ihm sofort an.

Auf dem langen, mit Kokos belegten Korridor, wo das Licht durch die breiten, offnen Fenster strömte, blickte er prüfend in ihr blasses Gesicht und plötzlich, den Schritt anhaltend, sagte er:

Sie sehen elend aus, Gottliebe, sind Sie krank? Ich will Ihnen gern eine kurze Ruhepause gönnen, wenn Sie dessen bedürftig sein sollten. Hartenstein ist ein schwieriger Patient, das weiß ich wohl, und keine Andere wäre auch wohl mit ihm fertig geworden. Aber es greift zweifellos die Nerven an.

O nein, Herr Doktor, Sie irren, mir fehlt wirklich nichts, und was den Professor anbelangt, so ist er nicht anders, wie die Andern alle.

Ein feines Roth war in ihre Wangen gestiegen, als sie ihren Pflegling so eifrig vertheidigte, und der alte Herr lächelte freundlich.

Wann würden Sie sich jemals beklagen, Gottliebe! Aber ich wünschte, daß Sie den Professor auf eine baldige Operation vor bereiteten. Das Leiden ist meinem Dafürhalten reif genug.

Und wann? fragte sie fast tonlos.

In längstens vierzehn Tagen. Die Hauptsache ist nur die, daß Sie ihm jede Aufregung fernerhin möglichst fernhalten, Sie haben ja darin schon Wunder gewirkt. Fügen Sie sich bedingungs los jedem seiner Wünsche, was es auch sein mag, reizen Sie ihn nicht durch Widerspruch, eine möglichst normale Gemüthsverfassung ist die einzige Gewährleistung für das Gelingen.

Sie haben Hoffnung, Herr Doktor? Er wird geheilt werden, nicht wahr? Ihre Stimme bebte, es war ihr, als halte eine Eiseshand ihr Herz fest.

Da fragen Sie mich wirklich zu viel, Gottliebe; der Ausgang steht in einer höheren Macht. Sie wissen doch: all' unser Wissen ist Stückwerk, liebes Kind. Aber wenn ich offen und ehrlich sein

soll, so sage ich Ihnen: ich hoffe nicht viel. Es ist ein Verlust

für die Gegenwart und die Nachwelt freilich aber wir vermögen es nicht zu ändern. Lassen Sie indessen auf keinen Fall unsern Patienten etwas davon ahnen. Unterließen wir die Operation, wäre es immerhin eine Pflichtversäumniß, und wir wollen uns keinerlei, wenn auch nur illusorische Vorwürfe dereinst machen.

Gottliebe wankte hinaus. Sollte ihr vermessenes Gebet so bald a

schon Erhörung gefunden haben? Es war ihr, als habe sie durch jene Worte das Unheil heraufbeschworen, das sich in dunklen Wolken über dem Haupt des Geliebten ballte. heiß und schmerzlich er das Licht herbeisehnte, sie allein wußte, wie

er zu Grunde ging in dieser geistigen Nacht, und ihr glühendstes

Gebet hatte nicht seiner Erlösung, nein, es hatte seinem Unglück gegolten!

zärtlich rief:Komm zu mir, Liebchen!

Sie nahm seine ausgestreckte Hand, und im Uebermaß ihres Gefühls drückte sie demüthig die Lippen darauf. Er lächelte zuerst, dann wurde er auf die Feuchtigkeit ihrer Wangen aufmerksam und ein Erschrecken durchfuhr ihn. g

Gottliebe! rief er gedämpft und fuhr mit der Hand nach der Brust. Hoffnung!

Seine Stimme, heiser, kaum im Stande, die Worte heraus-

zubringen, ging ihr durch Mark und Bein. Und hätte ihr Leben davon abgehangen, in diesem Augenblick mußte sie ihn trösten, selbst um den Preis einer Lüge.

Doch, doch im Gegentheil, sagte sie ganz athemlos und preßte seine Hände fester in ihren erkalteten,er zweifelt nicht am Ge lingen, und in vierzehn Tagen ist die Operation.

Er wankte plötzlich und stöhnte auf. Mission nicht ungeschickter hätte ausführen können, daß sie Doktor Armstrongs Vertrauen, das er in ihre verständige Ruhe gesetzt, schmählich getäuscht, aber es galt ihr Alles gleich. Er litt und sie konnte ihn nicht so leiden sehen! Sanft und schweigend führte sie ihn zu einem Sessel, in den er hineinsank, den Kopf auf die Brust gebeugt, ihre Hände noch immer in den seinen. Angstvoll suchte sie in seinen Zügen zu lesen, und leise flossen die Thränen über ihre blassen Wangen. Plötzlich sprang er auf; mit Gewalt

fast riß er sie an sein Herz, die wilden Schläge desselben trafen sie

gerade gegen die Schläfe.

Gottliebe! Wenn es möglich wäre! Wenn ich wieder sehen, wieder arbeiten könnte! Mein Gott, der Gedanke daran erstickt mich fast. Sprich Mädchen ich muß Deine Stimme hören, damit ich weiß, daß ich nicht träume.

Du wachst, Du lebst, Roland! Der ganze unwiderstehliche Zauber ihrer süßen Stimme klang in den Worten.

Ja, ich lebe! Und Du mit mir! Gottliebe, wie will ich Dich überschütten mit Glanz und Pracht! Wie will ich Dir das sonnige lachende Leben zeigen, das Dir bisher auch noch nicht be

kannt geworden. Alles, Alles will ich für Dich thun, für Dich nur

sorgen, für Dich nur leben. War ich bis jetzt Dein Geschöpf, ab⸗ hängig von Deiner Güte und Zärtlichkeit, die allein mich meinen Zustand ertragen ließen, so sollst Du nun mein Geschöpf werden, mit meinen Augen sehen, mit meinen Ohren hören, denken wie ich denke, empfinden, wie ich empfinde, lachen und weinen mit mir durch mich, denn ich werde wieder Mensch!

Sie drückte statt aller Antwort ihren Kopf fester gegen seine Brust. Was auch kommen mochte, fortan war ihr Platz neben ihm!

Bleischwer schlichen die Tage für Roland Hartensteins Ungeduld dahin. Dr. Amstrong war außerordentlich unzufrieden mit dem ungeberdigen Benehmen seines Patienten.

Auch Sie Gottliebe haben alle Macht über ihn verloren, sagte der alte Arzt kopfschüttelnd, und diese blickte furchtsam zu ihm auf und fragte mit zitternden Lippen:

Schadet ihm das?

Cs vernichtet die schwache Hoffnung ganz, liebes Kind.

Nun denn, sagte sie mit tiefem Athemzuge,in Gottes Namen!

Der gute Dr. Armstrong hatte freilich keine Ahuung von den

Scenen, die sich in dem grün verhangenen Zimmer des Professors abspielten; hätte er sie gehabt, wer weiß, für wen er mit all seiner Autorität in die Schranken getreten wäre, nachdem er das erste Ver⸗ blüfftsein überwunden.

Und sie allein wußte, wie

Wie eine Sünderin stand sie vor ihm und heiße Tropfen drangen in ihre Augen, als er, ihren leichten Schritt erkennend,

Du hast den Doktor gesprochen, er hat keine

Sie wußte, daß sie ihre

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