Ausgabe 
7.11.1886
 
Einzelbild herunterladen

5 el. .

ut 81

be

ind fin

5sU

di.

mit 0

ds.

3 1

be⸗ .

teil cen

len

9 9

bn es

1-̃

*

N ee

9

6 99.

zu den

Oberhessischen Machrichten.

Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.

Gießen, den 7. November.

Künstlergewissen. Novelle von H. Schobert. (Fortsetzung.)

3 Bebend, keines Wortes mächtig, ruhte Gottliebe an Roland's

Brust, nur halb bewußt fühlte sie, daß er sie sein nannte, sein auf

ewig, seine Gottliebe, seine Braut!

Dann eilte sie hinauf in ihr Zimmer, das sie hinter sich ver riegelte und verschloß. Mit schnellem Griff riß sie das Oberkleid von ihren Schultern, denn ihr war es, als müsse sie ersticken, und sank neben dem Bett auf die Knie, den Kopf in die kühlen, weißen Kissen drückend. Die seit Jahren gewohnte Umgebung, die Ruhe und Stille ringsumher verfehlten ihren besänftigenden Einfluß auf das erregte Gemüth nicht. Sie hörte allmählich, daß der Frühlings⸗ wind an den kahlen Bäumen im Garten rüttelte, daß er sausend um die Ecke des Hauses strich und sein melancholisches Lied in den Schloten und Oefen wiederholte, sie blickte auf den kleinen, hellen Lichtkreis, den die einfache Lampe auf den bunten Tischteppich zeichnete und in dessen Rayon noch das aufgeschlagene Buch vom gestrigen Abend lag. Alles so still und friedlich, so altgewohnt und bescheiden, nur sie allein war eine Andere geworden, eine Andere, die sich selbst kaum mehr verstand. Gottliebe strich das wirre Haar von der erhitzten Stirn und erhob sich, bisher hatte sie nur auf das wilde Klopfen ihres Herzens zu lauschen vermocht, kaum den

Gedanken folgen können, die sich regel- und fessellos durch ihr Hirn

jagten, nun vermochte sie erst wieder zu denken.

Leise, als beginge sie etwas Unerlaubtes, schlich sie zu ihrem

kleinen Toilettentisch, stellte die Lampe auf den Schrank nebenan

und setzte sich vor den Spiegel.

Lange und prüfend, als hätte sie es bisher nur gleichgiltig und flüchtig betrachtet, schaute sie auf das Bild, das ihr daraus ent⸗ gegensah; aber so angstvoll sie auch forschte, es blieb häßlich. Weder Freund noch Feind würden zu einem andern Urtheil gelangt sein. Mit jähem Ruck riß sie das Häubchen herab, das ihren Scheitel

bedeckte, löste das spärliche Haar und begann, es mit zitternden

Händen zu einer modischen Frisur umzugestalten. Aus der obersten Schublade ihrer Kommode holte sie ein paar große goldne Ohrringe, ein Erbstück ihrer Mutter, die, bisher stets unbenutzt, von ihr nur als Reliquie betrachtet worden waren, jetzt plötzlich ihren Dienst zum Schmücken thun sollten, und zwängte sie sich in die Ohrläppchen, drapirte dann ein Stück tiefrothen Sammet, der ihr zu einer feinen Handarbeit nothwendig gewesen, um Hals und Schultern und be⸗ gann das Studium ihrer Person von Neuem. Vergebens! der Spiegel war so unbarmherzig wie die Menschen, er hatte nur immer dieselbe einfache Kritik: häßlich. 9857 5 N Gottliebe verbarg stöhnend das Gesicht in den Händen, die nie⸗ mals gelernt hatten, auch nur den Versuch zu machen, ihre kargen Reize zu heben, und die vielleicht den einzigen Schmuck ihrer Perfönlichkeit ausmachten. Wie gleichgiltig hatte sie bisher das Be

wußtsein ihrer Unscheinbarkeit gelassen! Wie ruhig war sie durch's Leben gegangen, wunsch- und hoffnungslos, völlig ausgesöhnt mit dem Schicksal, das ihr statt äußerer Vorzüge die Macht gegeben hatte, Thränen zu trocknen, Leiden zu lindern. Und nun? Ihre Ruhe, das stille Genüge war dahin! Ein unbeschreibliches Chaos von Gefühlen durchwogte ihre Seele. Woran sie niemals auch nur mit einem Gedanken gedacht, ihr Ideal, das sie seit Jahren im Herzen getragen, dessen Anblick von Weitem, dessen Ruhm, der zu weilen in ihre Abgeschiedenheit drang, sie entzückt und begeistert hatte, er, der ihr der Inbegriff alles Edlen und Schönen, alles Genialen und Mächtigen gewesen, ihn traf das traurigste Loos, das einem Sterblichen beschieden, er erblindete, und ihre Hand durfte es sein, die ihn gewissermaßen beschützte, ihre Stimme durfte ihn trösten, er nannte sie seinen guten Engel!

Gottliebe wußte, daß alles Glück, das ihr die Erde jemals bieten würde, sich in dieser kurzen Zeit ihres Pflegerinnenamtes zusammen⸗ drängte, daß sie ihr ganzes Leben lang von der Erinnerung dieser Stunden zehren würde, aber sie fand das nur natürlich. In der

Nacht seines Kummers durfte sie ihm etwas sein, sie allein! Alle

die Freunde und Freundinnen, die die guten Zeiten mit ihm ge theilt, deren er zuweilen in aufflammender Sehnsucht oder beißendem Sarkasmus gedachte, sie mußten vor der Thüre stehen bleiben, denn Dr. Armstrong hatte jede Aufregung für den Patienten untersagt.

Zuerst waren sie alle gekommen! Die, welche seine Feste getheilt, die, welche sich in den Strahlen seiner Größe gesonnt, oder denen seine Großmuth geholfen hatte, aber je länger sein Zustand dauerte, je hoffnungsloser er wurde, je mehr und je schneller blieben sie fort; was sollte ihnen der erblindete Künstler in Zukunft auch noch nützen? Wäre Gottliebe Philosophin gewesen, sie hätte daraus einen bösen Rückschluß auf Welt und Menschen machen können, aber einfach wie sie im Denken und Handeln war, dachte sie nicht weiter darüber nach und nur, wenn er all' die ihm aufsteigenden Bitterkeiten ein⸗ mal vor ihr ausgoß, fühlte sie Schreck und Entsetzen in sich wach werden vor der Welt, die sie so wenig kannte. Dann tröstete sie ihn mit schlichten Worten, und wenn die es auch nicht waren, die beruhigend auf ihn wirkten, so doch der Laut der süßesten Stimme, die jemals sein Ohr berührt hatte. Und Roland Hartenstein war empfänglich für Schönheit, wo immer sie ihm begegnete.

Langsam ließ das Mädchen die Hände sinken und starrte noch einmal auf ihr Spiegelbild. Seine Braut! War es denn möglich? Und woher kam die bodenlose Angst, die ihr bei dem Gedanken den Athem raubte, wo sie doch vielmehr alle Berechtigung hatte, froh und glücklich zu sein? Es ist wahr, er hatte sie ja nicht gesehn, nicht den großen Mund mit den farblosen Lippen, dem lividen Teint, den hell und schwach bewimperten, ausdrucklosen Augen, er warb nur