Ausgabe 
7.3.1886
 
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Irene verstand nicht, es mir näher zu bringen. Sie war ein zu starrer, strenger Sinn, um weiche Gefühle erwecken zu können. Die ganze Art, wie wir unsere Ehe schlossen, war zu nüchtern, als daß mehr als kühle Achtung in ihr hätte erwachsen können. Du weißt ja, wie alles kam: In einer Stunde der Verzweiflung über den Treubruch einer Andern, die mir Alles, Alles war, schüttete ich dem ernsten, klugen Mädchen, zu deren Freund und Vormund mich der Wille ihres sterbenden Vaters bestimmt hatte, mein übervolles Herz aus. Ich wollte sterben und konnte mir vor'm Schlafengehen die bittere Wollust nicht versagen, mit dem leidenschaftslosen, geist vollen Wesen, das mir schwesterlich nahe stand, darüber zu reden: was in dem Schlaf für Träume kommen mögen? Statt ihrer Ansichten über den Tod gab sie mir in ihrer ruhigen Weise ein Mittel an die Hand, umtrotz Allem weiter zu leben.

Ein leidliches Dasein kann man sich bei allen gebrochenen Hoffnungen noch einrichten. Muß es denn das höchste Glück sein? Ist nicht Gold, Ruhm, Behagen auch etwas werth?

Kurzum, die Retterin vergaß angesichts des Ertrinkenden die Regeln des Herkommens und bot mir ihre Hand an.Auch ich habe auf Glück verzichtet und will nur eben leidlich leben! sagte sie, als ich von Opfern sprach.

Ich ergab mich und fühlte eine Art trotzigen Glückes, einer Andern zeigen zu können, wie gut ich ohne sie leben könne. Daß meine Braut ein fürstliches Vermögen besaß und ich nur ein Häufchen Schulden, beschämte mich kaum, da mir der Werth des Geldes, den ich nicht kannte, als ein zu nichtiges Ding erschien.

So ward Irene mein. Jetzt, da sie todt ist, ergreift es mich manchmal wie Scham, daß ich so viel von ihr empfangen und ihr nichts zu entgelten gewußt habe. Sie war ein ungewöhnlicher, mit festen, großen Linien gezeichneter Charakter, aber mein Frauenideal war eben ein anderes: ein zartes, süßes, bewegliches Ding, voll Treuherzigkeit und Trotz, voll Thränen und sonniger Glückseligkeit, genug, genug Du weißt ja Alles, Rolf!

Heiß und bebend lag seine Hand auf der meinen; der Seufzer, in dem seine Worte verhallten, klang wie ein zitterndes Schluchzen, wie ein mühsam unterdrückter Schmerzensschrei.

Sahst Du Cornelie nie wieder? fragte ich leise.

Nein, aber sie ist hier. Ihr Mann ist todt. Sie ist allein und frei. Dr. Schiffner, mein Arzt, erzählte mir neulich von ihr und bot mir an, mich einzuführen.

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Fragst Du noch, Rolf? Kennst Du mich so wenig? Nichts in der Welt brächte mich zu ihr. Die Wunde, die sie mir schlug, blutet noch immer, wie am ersten Tage. Nein, nein, ich kann sie nicht wiedersehen! Ich habe sie zu heiß geliebt und hasse sie nun e

Mühsam beschwor ich ihn zur Ruhe.

Wohin sind wir gerathen, Gerhard? Du wolltest mir von Deinem Jungen, von Erziehung reden.

Ja so, sagte er lächelnd, indem er die Locken aus der heißen Stirn strich.Was sagte ich doch zuletzt? Ach, ich kannte Fritzchen kaum, als Irene starb. Das ist uns Männern eigen: Wir lieben in den Kindern die Frau. Und da mein Weib mir fern stand, blieb mir auch der Knabe fremd. Ich fühlte mein Herz eigentlich zum ersten Mal für ihn schlagen, als ich in der Nacht nach Frenen's Tod an dem blumenüberdeckten Sterbelager Wache hielt und das herzbrechende:Mama, Mama! des Kleinen durch das stille Haus tönte. Ich schlich zu ihn, um ihn zu trösten; da ich aber die alte Käte an seinem Bettchen fand, kehrte ich um und kniete auf's Neue zur Seite des Sarges nieder. Allmälich ver⸗ stummte das heiße Weinen des Kindes, das einen seltsamen Sturm von Gefühlen in mir erregt hatte. Eine herzbewegende Ahnung that sich mir auf. Sollte durch den Tod, der im Grunde eine Kette zwischen Mann und Weib gebrochen, ein zartes, liebliches Band zwischen Mutter und Kind zerrissen sein? So klagt ein Kind nur um ein Wesen, das sein kleines Herz ganz erfüllt, das Abends an seinem Bettchen weilt, mit ihm lacht und kos't, ihm Märchen erzählt und es schmeichelnd in den Schlummer singt.Du blasse Todte, Du kühle, strenge Genossin meines Lebens, ist's möglich, warst Du eine solche Mutter? rief ich unwillkürlich, indem ich meine Lippen auf die lichten Blüthen in ihren Locken preßte.

Mutter! klang es da, wie ein Echo, gellend und klagend.

Entsetzt sah ich empor.

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Die Thür war halb geöffnet und im Rahmen stand Fritz im Nachtkleidchen, seine rothe Decke, in die er sich gehüllt hatte, schleifte hinter ihm drein; seine verwunderten Augen schimmerten in Thränen und auf den Bäckchen glänzten zwei brennende Fieberflecke.

Im Nu war ich bei ihm, hob ihn zu mir empor und trug ihn hinaus. Sein Herz klopfte so laut gegen das meine, daß ich jeden Schlag zu hören vermeinte.

Schläft sie? war sein erstes, furchtsames Wort, als ich ihn zwischen die Kißchen gebettet und so gut es gehen wollte, be⸗ ruhigt hatte. N

Ja, Fritzchen. Und Du darfst sie nicht wecken. Schlafe auch Du.

Folgsam schloß er die Augen. Ich hielt seine kleine Hand in der meinen und sah, wie der Schlaf ihn allmälich umfing.

Dieser Kindesschlummer hatte für mich etwas so Heiliges, daß ich nicht wagte, meine Finger, die der Schläfer fest umklammert hielt, zu befreien, um ihn nicht zu stören. So wachte ich die ganze Nacht hindurch bei dem Kinde, statt bei der Todten. Sein Schlaf war bang und unruhig, und die kleine Hand brannte und zuckte in der meinen. 5

Du weißt, daß Irene an einem Scharlachfieber gestorben ist, dessen Keim sie sich an Fritzckens Krankenbett geholt hatte, der kurz zuvor, während ich in Oberitalien umherschwärmte, von derselben Krankheit heimgesucht worden war. Nun ahnte ich an den pochen⸗ den Schläfen und den rothbrennenden Wangen mit Schrecken die Wiederkehr des heimtückischen Fiebers.

Am nächsten Tage kam es wirklich zum Ausbruch. Trauriger als das körperliche Leiden des armen Kindes war seine heiße, zärt⸗ liche Sehnsucht nach der todten Mutter; während seiner Fieber träume suchte er sie in allen Ecken, in Wäldern und verzauberten Schlössern; er kämpfte um sie mit Löwen und Drachen und mit unseres Nachbars, des Majors, zottigem Bernhardinerhund, vor dem er sich so unsagbar fürchtete.

Bei alledem gab es nur eins, was ihn besänftigte und beruhigte; das war lache nicht! meine Nähe, meine Stimme, das Streicheln meiner Hand. Sobald ich bei ihm saß, ward er gut und still.

Anfangs war ich fast unwillig über den Zwang. Dann empfand ich eine Art stolzer Genugthuung, und zuletzt, da ich in den langen, einsamen Nachtstunden viel nachdachte, kam eine tiefe Rührung und Beschämung über mich, weil ich fühlte, wie wenig ich das große, wunderbare Glück verdiente, diesem lieblichen Geschöpf über den Abgrund des Todes hinweghelfen zu dürfen, ihm wohlthuend, theuer, unentbehrlich zu sein.

Dr. Schiffner, der Arzt, scherzte über die Zaubergewalt, die ich über den Knaben ausübte, während ich im Stillen Gott dafür dankte.

Nach und nach kam dem kleinen blassen Seelchen das Bewußt⸗ sein wieder.

Sagen Sie ihm, seine Mutter sei verreist, halten Sie ihn, trösten Sie ihn von Tag zu Tag, sagte der Arzt.

Ich zitterte vor des Kindes Fragen und umgab ihn mit so viel Spielwerk, als ich nur herbeischaffen konnte, um die Erinnerung an die Gestorbene in ihm zu ertödten.

Einmal, als er über einem neuen Bilderbuch freundlich lächelnd eingeschlafen zu sein schien, betrachtete ich sinnend das kleine Gesicht, das so fein und mädchenhaft aussah, wenn die mächtigen, glänzenden Augen geschlossen waren.

Da hob er auf einmal die dunklen Wimpern, sah mich groß und voll an und sagte:Bleibst Du nun immer bei mir, weil die Mama im Himmel ist?

Wer sagt Dir denn das? entgegnete ich.

Sie selbst hat mir's gesagt, daß Du mich lieb haben und gern bei mir sein würdest, wenn sie im Himmel wäre.

Willst Du mich denn bei Dir haben? Willst Du mich lieben? fragte ich.

Ich habe Dich lieb, entgegnete er, schloß die Augen und schlief nun wirklich ein.

Das war unser Herzensbund.

Wochenlang waren wir unzertrennlich. Während das Kind genas, begann auch ich zu gesunden. Neue Hoffnungen, neue Lebenspläne regten sich in mir; selbst die alte Arbeitslust erwachte, die so lange unter dem Dornengestrüpp der Gleichgiltigkeit und des Ueberdrusses geschlafen hatte.

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