74 D.
Noch einmal maßen Gerhard's Blicke prüfend das Werk, dann athmete er auf, legte den Pinsel zur Seite und sagte ein tönendes „Amen!“, als habe er eben ein Gebet oder eine Predigt zu Ende gesprochen.
„Nun wag's, mein Herz,“ murmelte ich in meinem Versteck. Eben wollte ich hervortreten, da erscholl aus der Fensternische, die Gerhard's Staffelei meinen Blicken entzog, ein zweiter Seufzer und ein zweites„Amen“, beides leis, halb im Scherze, wie von Kindermund.
„Nun, Kamerad, zeig her. Warst Du fleißig?“ sagte Gerhard, indem er sein Gesicht, in das ich nur einen Augenblick lang zu schauen vermochte, nach dem Winkel zuwandte, aus dem das Echo erklungen war.
Ein reizendes, glückliches Lachen antwortete ihm, dann trat ein kleiner, dunkellockiger, etwa fünfjähriger Knabe aus der Nische her⸗ vor, reichte Gerhard eine mit großen Buchstaben bedeckte Schiefer— tafel hin und sah erwartungsvoll und klug zu ihm empor.„Ist's gut?“ fragte er endlich, da Gerhard das Werk so lange nachdenk⸗ lich und stumm musterte, als sei es eine Handzeichnung Dürer's oder Rafagel's.
Statt aller Antwort legte unser Pittore die Tafel weg, hob das feingliederige Kerlchen zu sich empor und küßte ihm so innig die freie, weiße Kinderstirne, wie er wohl nie die Lippen seiner Irene küßte! Der braune Männerkopf, an den sich das zarte, schmale Kindergesichtchen schmiegte, gab ein über alle Maßen schönes Motiv.
„Bravo, Gerhard! Das ist Dein bestes Bild!“ rief ich jubelnd, indem ich durch die goldigen Vorhangswolken aus dem Heiligthum in der Gottheit Allerheiligstes trat.
Im Nu hatte er mich erkannt. Er setzte den Knaben zu Boden und lag mit einem Freudenruf an meiner Brust. Alles, Alles fand ich in ihm wieder, was ich vergebens zu suchen gefürchtet! Auch sein Aeußeres war kaum verändert, nur die Falte zwischen seinen Brauen hatte sich vertieft, seit er von D. geschieden war, und aus den festen, bedeutenden Linien seines Gesichtes sprach ein gedanken— voller Ernst, den auch die helle Wiedersehensfreude nicht ganz ver— wischen konnte. f
Auf den Jungen zeigte er mit einer Art von Stolz, was ihm gar drollig stand.
„Mein Aeltester und Einziger,“ sagte er,„das Erbe Irenens.“
Bei der Nennung jenes Namens flog ein Schatten über sein Gesicht. Ich blickte von seinen umdüsterten Zügen nach der Wand hinüber, wo das Bild der Verstorbenen hing. Es war jenes Mädchenbild, zu dem die Tochter des Consul Römer dem jungen Maler gesessen hatte, um ihrem Vater zu seinem letzten Geburtstag eine Freude zu bereiten, jenes Bild, welches ihm die Freundschaft des alten Herrn, später die Vormundschaft über dessen einzige Erbin und schließlich diese selbst zur Gattin verschaffte,— kurzum, welches sein Erdenglück begründete, wenn Reichthum, Luxus, Selbstständig— keit„Erdenglück“ genannt werden darf.
Wenn wir, die wir Gerhard kennen, es nicht so genau wüßten, daß er das Bild einer Anderen im Herzen trug, als er die strengen, geistvollen Züge Irene Römer's auf die Leinwand bannte, so hätte ich es jetzt herausgefunden, da ich das Porträt nach sechs Jahren zum ersten Mal wieder sah.
Ein Hauch von Lieblichkeit und Poesie, der der vornehm ernsten Gattin Gerhard's nie eigen gewesen war, umschwebte ihr Bild.— Dies Alles waren Linien, welche der Maler unbewußt einer Anderen entlehnt hatte, die er in wachem Traum vor sich gesehen hatte, während er das Konterfei der reichen Kaufmannstochter malte.
Unwillkürlich hatte er die kalte Schönheit Irenens mit dem süßen, wechselnden Frühlingsreiz der kleinen Komtesse Cornelia ge— schmückt, des schönen, jungen Kindes, deren strahlende, graublaue Augen wir von Gerhard's„erwachender Psyche“, jener entzückenden Studie kannten, ehe einer von uns das liebliche Original gesehen hatte.
„Findest Du, daß das Kind der Todten gleicht?“ fragte mich Gerhard.
„Es hat ihr dunkles Haar und ihre weiße, durchsichtige Haut. Die Augen aber und den Mund, der so trotzig aussieht, wenn er geschlossen ist, hat es von Dir geerbt.— Ist vielleicht damit auch ein Theilchen von des Herrn Vaters Eigensinn auf das Bürschchen übergegangen. i
„Ich erziehe ihn sehr gut und veredle seine Anlagen,“ sagte Gerhard stolz. f
So komisch mir dies Wort klang, so rührend war's anzusehen, wie die Blicke des Meisters dabei gleichsam kosend über das Kind glitten, das sich inzwischen wieder an das kleine Pult in der Nische gesetzt hatte und mit andachtsvollem Ernst unter den gold und
silberüberklebten Schieferstiften seines Schreibkästchens Ordnung schuf. „Bist Du heute Abend frei und kommst Du mit mir?“ fragte ich
Gerhard, als ich seine stürmischen Fragen nach Euch, nach Eurem Treiben und Ergehen, so gut es in der Eile ging, beantwortet hatte. „Ich habe mich mit meinem Reisegenossen, einem jungen Engländer, im„Bairischen Hof“ zusammenbestellt und freute mich, wenn ich Dich ihm zuführen könnte!“
Gerhard's Mienen hatten meiner Bitte Anfangs Gewährung verhießen, dann aber schien er sich auf etwas zu besinnen, sah nach seinem Jungen hinüber, lächelte, schüttelte den Kopf und sagte:
„Nein Rolf, heute geht es nicht, oder sehr spät erst,— wenn der Junge da schläft,“ fügte er leiser hinzu.
„Oho, hat der kleine Junker hier die Zügel in den Händen?“
„Für heute: ja, und zwar durch die freieste und friedlichste Uebereinkunft. Montag und Donnerstag bleibe ich bei ihm; dafür
läßt er mich an anderen Tagen thun, was ich will und begnügt
sich mit seiner Kinderfrau und dem Xaver. Gelt Fritz?“
„Aber Gerhard,“ rief ich, halb belustigt, halb empört,„eine Ausnahme——“
„Nein, nein,“ erwiderte er schnell, ehe noch ein Thränlein aus den ängstlich fragenden Augen des Knaben den Weg über dessen Bäckchen gefunden hatte.„Liegt Dir etwas an meiner Gesellschaft, so schenke Du mir Deinen Abend. Deinem Engländer können wir ja ein Billet schreiben, daß wir erst morgen, oder, wenn Du willst, heute nach zehn Uhr, mit ihm zusammentreffen wollen.“
Ihr, die Ihr Gerhard kennt und mich dazu,— Ihr errathet, daß ich blieb. Das Billet für Mr. Lee brachte Xaver an seine Adresse und ich verbrachte ein paar Stunden im traulichsten tete-Ar-téte mit Gerhard und seinem niedlichen Haustyrannen.
Der Einarmige servirte uns ein lukullisches Abendmahl und wir vertieften uns bei Hochheimer und Cliquot in alte Exrinne— rungen, während Fritzchen mit zufriedenem Gesicht sein Weißbrod in den zierlichen, silbernen Milchbecher tauchte und dann auf seines Vaters Knieen friedlich entschlief.
Arm in Arm wanderten wir, nachdem der Kleine von seiner runzlichen Wärterin zu Bett gebracht worden war, nach dem „Baierischen Hof,“ wo unser Engländer treulich unserer harrte. Wir verplauderten ein paar genußreiche Stunden und ich freute mich im Stillen, daß Gerhard durch seine glänzende Laune das Lob, das ich ihm gezollt hatte, so reichlich rechtfertigte.
Als ich in später Nacht allein mit ihm durch die mondhellen Straßen nach Hause wanderte, sagte er, indem er ein Gespräch über den Realismus unserer heutigen Kunst plötzlich abbrach:
„A propos, was sagst Du eigentlich zu meinem Jungen, Rolf?“
Ich lachte.„Daß Du das hübsche Kerlchen unverantwortlich verdirbst und es bald zu einem unausstehlichen Eigensinn erzogen haben wirst.“
„Das kannst Du wirklich nicht beurtheilen, Rolf, weil Du es einfach nicht verstehst; ich dagegen habe mich lange und angelegent— lich mit Erziehungsmaximen beschäftigt,“ sagte er mit ehrwürdiger Ueberlegenheit. Wie belächelte ich ihn im Stillen, den großen Thoren!
Derselbe glaubte, durch minutenlanges Schweigen seinen Worten einen wirkungsvollen Nachdruck geben zu müssen, und so standen wir, ohne weitere Ansichten über Erziehung ausgetauscht zu haben, vor dem Eingangsthor seines Gartens.
„Gute Nacht, erhabener Mentor!“ sagte ich.
„Nein, nein, Rolf, geh noch nicht. Der Tag ist einmal an⸗ gebrochen und die Luft so schwül, daß uns ein Plauderstündchen dort unter der Esche im Garten nichts schaden kann.“
Ich widerstrebte nicht.
„Wovon sprachen wir doch, Rolf?— Ach ja, über den Jungen. Weißt Du, daß ich mich ernstlich mit dem Heil seiner kleinen Seele beschäftige und ihn nach den besten Grundsätzen leite?“
„Bäckst Du ihm philantropische Buchstabenbretzeln à la Basedow?“
„Nein, Rolf, laß den Scherz. Du weißt nicht, wie seltsam es mir mit dem Kinde ging. Vier Jahre lang kannte ich es kaum.
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