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zu den
Oberhessischen Uuchrichten. 8 5 5
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Ur. 10.
Gießen, den 7. März.
1886.
0 München,d. 18
Liebste Brüder, Freunde und Genossen!
Da ich den Preis für meine schlanke Hebe— mein Reise⸗ stivendium nach Italien— mit der mir eigenen schönen Gründ⸗ lichkeit ausnützen, also vor Ablauf zweier Jahre schwerlich in Eure Mitte heimkehren werde, so will ich Euch schon jetzt schriftlich über etwas Auskunft geben, das Euch Allen am Herzen liegen wird.
Träte ich jetzt in unser Zunftlokal im„Walfisch“, wo Ihr, ehrwürdige Gemeinde, versammelt seid, so würdet Ihr mich im Chor bestürmen:„Warst Du in München? Sahst Du Gerhard? Was treibt er? Ist er glücklich?“
Les't Nachfolgendes im„Walfisch“ vor, wenn Ihr Alle vereint seid; ich will es Euch künden, ehe mir andere Eindrücke die warme, tiefe Erregung verflachen, in die mich das, was ich mit Gerhard erlebte, versetzt hat.
Als ich vor acht Tagen hier ankam, war mein erster Weg zu ihm. Ich freute mich mehr auf sein gutes Gesicht, als auf die Götter- und Heldensäle der Glyptothek,— sei es Euch ehrlich ge— standen!
Sein Haus in der Vorstadt benahm mir die Freude auf das Wiedersehen etwas durch seinen glänzenden Luxus; diese Teppiche auf den Treppen und Fluren, diese Blattpflanzen und Büsten, diese freien, großen, luftigen Räume— wie verschieden war das Alles von dem Dachstübchen in der Brückengasse, wo er vor Jahren hauste, wo er mit so goldenem Humor den Wirth machte, wenn wir des Abends zuweilen zehn Mann hoch bei ihm einfielen und Tische und Stühle, ja das Feldbett des Freundes, in Ermangelung anderen Platzes, im Sturm besetzten!— Er, der Riese mit dem schönen, ausdrucksvollen Künstlerkopf, saß dann mitten unter uns; und ob er schwieg und unseren Neuigkeiten lauschte oder ob er seine eigenen launigen und sinnigen Einfälle zum Besten gab,— wir hatten ihn immer gern. Es gab eben keine andere Abwehr gegen das Ueber— wältigende seiner Vorzüge und Schwächen, als herzliche Liebe!
Ja, auch seine Unarten gefielen uns, gesteht es nur! Sein lautes Lachen, seine Rücksichtslosigkeiten, selbst sein Eigensinn, dem die besten seiner Entwürfe zum Opfer fielen, weil sie seinen hoch— gespannten Ansprüchen nicht entsprachen,— das Alles hätten wir kaum an ihm missen mögen;— sein Genie und seine einzige Gut⸗ herzigkeit wogen ja auch Alles so reichlich auf.
„Wirst Du diesen Gerhard hier wiederfinden?“ fragte ich mich, als ich den langen, mit werthvollen Statuen geschmückten Korridor entlang schritt, der seine Wohnung mit dem Atelier verbindet.
Vor der Thür seines Musentempels saß, in ein Zeitungsblatt vertieft, ein alter Bekannter, den ich in der feinen, dunklen Diener⸗ livree kaum zu erkennen vermochte: Xaver, der Einarmige, mit
Der Trotzkopf. Novelle von Frida Schanz.
dem Gerhard jahrelang seine schmale Kost und seine enge Wohnung
theilte, weil er meinte, keinen zuverlässigeren Diener finden zu können
als den alten Streichholzverkäufer, den er einst halb erfroren und verhungert am Wege gefunden.
Damals, im Dachstübchen, ließ sich über den Nutzen des dienenden Geistes streiten, der seinem Herrn nicht einmal die Stiefel putzen konnte; jetzt aber, im neuen, glänzenden Heim, schien der Alte ganz am Platze.— Es lag ihm offenbar das Amt eines Cerberus ob, das er prächtig versah, denn ehe er mich erkannte, knurrte er mich so feindselig grimmig an, als habe ich zu einem beabsichtigten Raub⸗ mord die Hand auf den Drücker gelegt. Als ich ihm aber in's Gesicht sah, hinter den finsteren Falten den alten, gutmüthigen Taver erkannte und unwillkürlich bei der Entdeckung laut auflachte,
erkannte auch er mich und ließ die drohende Miene dem gemüth⸗
lichsten Lachen weichen.
„Ist Dein Herr nicht zu Hause?“ fragte ich den alten Knaben. „Ja,“ sagte er schmunzelnd,„aber, abe;
„Du sollst Niemanden einlassen, ich ahne den Sachverhalt; ver⸗ stehst es übrigens herrlich, zudringliche Anbeter durch Deine Grimassen abzuschrecken!— Wie lange pflegt der Herr denn mit seiner Muse allein zu sein?“
„Bis es dämmert; lange kann's heut nicht mehr dauern. Es ist ein Zimmer neben dem Atelier, wenn Sie dort warten wollen!“
Lachend ergab ich mich drein. Ein schmales, mit goldbraunen Brokatmöbeln ausgestattetes Empfangsgemach nahm mich auf. Der schwere Vorhang, der es vom Atelier trennte, gestattete mir durch eine Spalte den Einblick in das Sanktuarium, den ich dankbar wahrnahm, da ich mich in diesem Augenblick, wo das Herz dem Herzen mächtig entgegenschlug, hoch erhaben über alle Konvenienz⸗ rücksichten fühlte.
Gerhard wandte mir den Rücken zu und ich sah nur die Um⸗ risse seiner mächtigen Gestalt, sein lockiges Haar und die markige Hand, unter deren feinen, sicheren Pinselstrichen eben das rosige, lachende Gesicht eines Kindes den letzten Schmelz der Vollendung erhielt. Nach dem Bilde zu urtheilen, das mir fast vollendet von der Leinwand entgegenstrahlte, war die Muse des Mannes, der so leidenschaftlich und heiß empfinden konnte, noch immer zart und keusch wie einst; an dem Stamm einer herbstlich entblätterten Ulme lehnte ein blasses, junges Bettelweib im tiefrothen Abendschein; ihr müdes, mädchenhaft holdes Gesicht sprach ergreifend von Gram und Entsagung, während der Knabe, den sie im Schoße hielt, die Händchen selig nach dem fallenden Laube ausstreckte. Die Stimmung der kahlen, sonnenbestrahlten Landschaft, die Poesie des Gedankens und die Vornehmheit der Ausführung war unseres Gerhard würdig!
Während der Maler emsig, ohne aufzuschauen, Strich an Strich fügte, glitt der Tagesschein langsam aus dem Gemach.
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