Ausgabe 
7.2.1886
 
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sonderes zu sehen, lichen bürgerlichen Miethswohnung.

Meine Arbeit ist gethan.

schwermüthig,ich besonders nicht, ob ich noch einmal meinen Ge burtstag feiern werde. Vielleicht ist es der letzte.

Es war der vierzehnte Februar. Wir beglückwünschten ihn und meinten, er würde den Tag hoffentlich noch viele Mal erleben. Er nahm unsere Gratulationen ohne Widerrede, aber mit einem Lächeln um den blassen Mund auf, das deutlich seine Ungläubigkeit be⸗ urkundete.

Während er seiner Wirthin noch einen Auftrag gab, hatten wir Zeit, sein Zimmer zu betrachten. An den Möbeln war nichts Be das war die einfache Einrichtung einer gewöhn

Aber an den Wänden hingen eine Anzahl Bilder, die uns sehr interessirten. Es waren Bildnisse der deutschen Volksmänner aus den Jahren von 1848 und 1849. Da hing eine Lithographie von Robert Blum, mit einem Lorbeer⸗ kranz umgeben, da sah man die Bildnisse vieler Offiziere der schleswig-holsteinischen Armee.

Wir waren noch mit dem Anschauen der Portraits beschäftigt, als Frank wieder in's Zimmer trat.

Ach, Sie betrachten meine Gemäldegalerie, sagte er mit weh⸗ müthigei Lächeln,Erinnerungen an eine große, unvergeßliche Zeit, für welche leider ein Theil unseres Volkes kein Gedächtniß und kein Verständniß mehr hat, so wenige Jahre auch zwischen damals und heute liegen. Ein heftiger Hustenkrampf unterbrach ihn, Er preßte die Hände gegen die Brust.

Frühlingsahnungen, vorüber war.

Aber Sie rauchen ja nicht, fuhr er dann fort und bot uns die Cigarren. Und als wir meinten, der Cigarrendampf sei ihm schädlich, zuckte er mit den Achseln.

Der Baum ist morsch und reif für die Art des großen Ver⸗ wüsters, der uns Alle niederschlägt, den Einen heute, den Andern morgen. Ich zähle seit gestern ohnehin nur noch nach Tagen. Wir versuchten ihm das auszureden.

Er schüttelte ungläubig den Kopf. Es geht zu Ende und es ist gut so. Mein Kamerad ist mir

lächelte er schmerzlich, als der Anfall

vorangegangen, und er sah hinüber nach dem Baum im Hofe.

Dann schwieg er einen Augenblick und legte ein paar Scheite Holz in den Ofen, obwohl es schon behaglich warm im Zimmer war. Aber er fröstelte.

Der Kurhesse theilte ihm nun mit, daß der Baron die Be⸗ dingungen des Zweikampfes angenommen habe. Um acht Uhr früh sei das Stelldichein am Fasanenwäldchen. 5

Ich danke Ihnen, meine Herren, danke Ihnen herzlich, sagte er nach einer kurzen Pause.Wollen Sie für die Waffen sorgen? Ich habe dort zwei große Reiterpistolen, er deutete auf einen Schrank,aber die können wir wohl nicht brauchen? Indessen ist es gleichgiltig, bei fünf Schritt Entfernung trifft man mit jeder

Waffe, und ich will ihn treffen, setzte er mit einem Ausdruck

unversöhnlichen Hasses hinzu.

Und er wird Sie treffen, sagte ernst der Kurhesse.

Frank zuckte mit den Achseln.

Ob ich drei Tage früher oder später sterbe, was liegt daran? Ich habe nur noch den Tod meines treuesten Freundes zu rächen. Ja, meines besten Freundes, dessen Geschichte ich Ihnen erzählen will. Sie ist aber so innig mit der meines eigenen Lebens verbunden, daß Sie auch die letztere hören müssen.

Er lehnte sich in seinen Stuhl zurück und durch das Fenster hinaus in die Weite blickend, gleichsam, als sehe er zurück in die Vergangenheit, begann er:

Die Zeit, von der ich zunächst sprechen muß, liegt noch nicht zu lange hinter uns, kaum fünfzehn Jahre; und doch weiß unser vergeßliches Geschlecht, zumal die heranwachsende Jugend, nicht, wie es zu jener Zeit, Anfang der vierziger Jahre, in unserm Deutsch⸗ land aussah, unter welchem Druck das Volk seufzte.

Ich lebte damals als junger Rechtsanwalt in der Hauptstadt eines kleinen Landes, dessen Herzog zu den größten Bewunderern des österreichischen Staatskanzlers Metternich gehörte, den man mit Recht als den eigentlichen Regenten Deutschlands bezeichnete. In unserem Lande gab es weder eine Volksvertretung, noch eine Presse, welche die Noth der Bevölkerung ans Tageslicht bringen konnte, noch eine Selbstverwaltung in den Gemeinden oder eine Oeffentlich keit in dem Gerichtsverfahren, noch irgend einen Schutz gegen Miß⸗

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brauch der Gewalt, Uebermuth der herzoglichen Diener. Jedes freie Wort wurde verfolgt und unterdrückt. Die Bauern litten unter den Frohnden und Lasten, unter dem Wildschaden, den die Hirsche und Sauen ihren Feldern zufügten, Bürger und Bauern aber unter den Verordnungen, durch welche die Polizei das ganze öffentliche Leben zu regeln suchte. Die Regierung, die Polizei bestimmten und entschieden Alles. Jeder Gedanke an die Einheit des deutschen Vaterlandes, an eine Volksvertretung wurde verfolgt als Hochverrath. Der Wille des Landesherrn war oberstes Gesetz, jedes andere Recht mußte sich ihm beugen.

Der Kurhesse nickte verständnißvoll.

Wie bei unserm Kurfürsten, unterbrach er halblaut den Sprecher.

Dieser fuhr fort:

In unserer Residenz stand auch eine Garnison, ein Bataillon

Musketiere und zwei Kompagnien Jäger. Die Mannschaften waren arme. Teufel, die sich nicht loskaufen konnten. Unter dem Offizier⸗ korps aber befand sich eine Anzahl Leute, die wegen Untauglichkeit oder aus anderen Gründen aus anderen Armeen hatten ausscheiden müssen und hier ein Unterkommen gefunden, hauptsächlich, weil sie von Adel waren. Die Mehrzahl dieser Offiziere waren keine Ver⸗ theidiger des Vaterlandes. Sie dienten dem, der sie bezahlte. Die Worte Deutschland, Nation, Vaterland waren ein hohler Schall für sie, der Herzog ihnen Alles. Ich hatte gar keinen Umgang mit diesen Herren. Erfüllt von den burschenschaftlichen Ideen über die Wiedergeburt des zerrissenen, geknechteten Vaterlandes, die ich von der Universität mitgebracht hatte, schied mich von ihnen eine unüberbrückbare Kluft. Ich verkehrte nur in einem kleinen Kreise gleichgesinnter Männer, die gleich mir für die Aufrichtung Deutsch lands wirkten. Schmerzlich war es mir, daß mein eigener Vater, welcher als Pächter eine unweit der Residenz gelegene herzogliche Do⸗ mäne bewirthschaftete, unsere patriotischen Ideen verachtete. Er nannte sie demagogische Umtriebe. Meine Schwester, die an einen Gymnastal⸗ lehrer verheirathet war, theilte die Gesinnung des Vaters, und ebenso mein älterer Bruder, der dem Vater in der Bewirthschaftung der Domäne half. Die Einzige, die immer sich der Unterdrückten und Armen, der Mißhandelten und Unglücklichen angenommen, die mir die Liebe zur Freiheit und zum Vaterlande, den Haß gegen die Gewalt und das Unrecht eingeflößt hatte, meine gute Mutter, starb, als ich von der Universität zurückkehrte.

Eine Thräne wehmüthiger Erinnerung flimmerte in dem Auge des Erzählers und er hielt ergriffen einen Augenblick inne.

Dann fuhr er in seinen Mittheilungen fort:

Indessen war es mir nicht gut möglich, mich von allen anderen gesellschaftlichen Kreisen der Residenz fern zu halten, so wenig Gefallen ich auch an dem Tone hatte, der in denselben herrschte. Auf einem Ball, den die Kasinogesellschaft zur Feier des herzoglichen Geburts⸗ tages gab, lernte ich ein junges Mädchen kennen, die Tochter eines Fabrikanten, in die ich mich leidenschaftlich verliebte. Iduna war eine reizende Blondine. Entzückend waren ihre blauen Augen, die bald schmachtend, bald träumerisch und dann wieder schelmisch in die Welt blickten. Sie war achtzehn Jahre alt, das einzige Kind ihrer Eltern, die sie verhätschelten und anbeteten. Ihre Bekannten behaupteten, Iduna sei eitel, gefallsüchtig, aber ich hielt das für neidischen Klatsch. Ich sah nur ihre niedliche Figur, ihre prächtigen Augen, ihre blonden Haare, ihren rosigen Mund, ihre kleinen Füßchen und Händchen, zierlich, wie die einer Puppe. Idung war das erste Mädchen, das mich fesselte. Ich war jung, feurig, ich erblickte in ihr das Ideal des Mädchens, dem ich mein Herz, meine Hand geben könnte. Meine Bewerbungen wurden von ihr nicht zurückgewiesen. Ich wähnte, daß ich Gegenliebe gefunden. Ich durchschaute das Mädchen nicht. Obwohl von ihren Eltern ver⸗ wöhnt, war es doch ihr heißester Wunsch, sich zu vermählen, weil sie als junge Frau ihre Lust zur Koketterie, zum Vergnügen ungenirter befriedigen zu können glaubte. Und ich, ein gesuchter junger Advokat, befriedigte auch sonst ihren Ehrgeiz.

Kurze Zeit, nachdem ich Iduna kennen gelernt, traten Ereignisse ein von gewaltiger, welterschütternder Bedeutung, die mein ganzes Sinnen und Thun gefangen nahmen.

Es war an einem Februarabend des Jahres 1848. Ich saß mit meinen Freunden im Gasthof zur Post, als der Post meister bleich und aufgeregt hereinstürzte. Er war aus Bayern gebürtig, hatte in seinen Studentenjahren sich an dem Hambacher

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