Ausgabe 
7.2.1886
 
Einzelbild herunterladen

I

F Ü«ͤ² Ä

42 WD.

Darauf beugte Frank sich, ohne sich weiter um den noch immer sinnlos tobenden Baron und die Uebrigen zu bekümmern, zu seinem todten Thiere nieder, nahm es in seinen Arm und verließ lautlos ohne Gruß das Cafe.

Ehrensachen, wie man solche Händel nennt, leiden keinen Auf schub. Am andern Tag begaben wir uns, der blonde lange Kur hesse und ich, zu Herrn Walther Frank, der auf dem Sternwarten⸗ weg, einer Straße in der nördlichen Vorstadt, wohnte.

Der Sternwartenweg erinnerte an eine Kleinstadtstraße. Gärten zwischen den Häusern, Höfe hinter den Gebäuden, aus welchen man das Krähen der Hähne und das Gemecker von Ziegen hörte. Es lag eine friedliche Stille über diesem Quartier, bis zu welchem nur gedämpft der tosende Lärm des großstädtischen Verkehrs herüberklang.

Es war um die zehnte Vormittagsstunde, als wir bei Herrn Frank eintraten.

Er wohnte in einem zweistöckigen Hause.

Herr Frank zu Hause? fragte der Kurhesse die alte Ver mietherin der Wohnung im ersten Stockwerk.

Die Alte nickte.

Er ist unten im Hofe, sagte sie traurig und wischte sich die Augen. Wir gingen in den Hof, wo Frank unter einem Baum auf ein Grabscheit gestützt stand. Vor ihm lag ein Haufen frisch aufgeworfener Erde. Er sah sehr blaß aus, seine edlen Züge trugen das Gepräge tiefen Schmerzes.

Er bemerkte uns erst, als wir in seiner unmittelbaren Nähe waren.

Entschuldigen Sie, meine Herren, wenn ich Sie hier empfange, sprach er mit bewegter Stimme,aber ich habe soeben meinem einzigen und besten Freund den letzten Dienst erwiesen. Ich habe ihn hier zur Ruhe gebettet. Dann ging er uns voran nach dem Haus und wir folgten ihm stumm. Der Mann sah heute viel hinfälliger und leidender aus als gestern. Auf dem ersten Treppen⸗ absatz mußte er stehen bleiben und Luft schöpfen.

Wir traten in sein Zimmer. Er lud uns ein, Platz zu nehmen, während er sich an das Fenster setzte, von wo aus er den Hof und den Baum, unter welchem er sein Thier begraben, sehen konnte.

Der Kurhesse theilte ihm nun mit, daß er mit dem Baron und dessen Sekundanten Rücksprache genommen habe und man zu dem Ergebniß gekommen sei, daß Herr Frank als der Beleidigte zu betrachten sei und die Bedingungen des Duells zu stellen habe.

Ich danke Ihnen, sagte er,ich danke Ihnen von ganzem

Herzen. Und Ihre Bedingungen? fuhr der Kurhesse fort,Zeit und Waffen?

Sobald als möglich.

Also morgen früh acht Uhr, sagte der Kurhesse. Frank nickte.

Und was die Waffen und das Andere betrifft, fuhr er dann fort. Ein krampfhafter Hustenanfall unterbrach ihn. Er drückte das weiße Taschentuch gegen den Mund. Als er es zurückzog, be merkte ich einen röthlichen Schaum auf dem Tuch.

Ein altes Uebel, entschuldigte er sich mit trübem Lächeln, das ich den Dänen verdanke.

Den Dänen? fragten wir.

Vielmehr einer dänischen Kugel. Es war die erste Be⸗ merkung über seine Vergangenheit, die er fallen ließ und sie er weckte in hohem Grad unser Interesse.

Sie dienten in der schleswig-holsteinischen Armee? forschte ich.

Ja, sagte er und sah wieder hinunter nach dem Baum im Hofe. a.

Und die Bedingungen? fragte noch einmal der Kurhesse. seltsamer, harter Zug um Frank's Mund wurde sichtbar.

Fünf Schritte Distanz und Kugelwechsel, bis einer der beiden Gegner kampfunfähig, sagte er mit heiserer Stimme. 5

Der Kurhesse und ich erhoben uns. Dieser Mann, der gestern Abend zuerst erklärt hatte, daß er sich nicht schlage, stellte Be dingungen, bei denen ein tödtlicher Ausgang unzweifelhaft war.

Das ist eine Metzelei, rief der Kurhesse.Sie haben als Beleidigter den ersten Schuß. Es müßte mit Wundern zugehen, wenn der Baron den zweiten haben sollte. a

Ein

So mag er gleichzeitig mit mir feuern, antwortete Frank

Aber nicht eine Schlächterei, eine Hinrichtung soll es

bestimmt. Und wieder er⸗

sein. Dieser Mörder verdient keine Schonung. schien jener harte Zug um seinen Mund. i

Es war eine brutale Handlung, eine Rohheit, warf der Kur⸗ hesse ein,aber doch kein Mord.

Frank erhob sich mit einer heftigen Bewegung. Auf seinen bleichen, eingefallenen Wangen erschienen glühend rothe Flecken.

Kein Mord, stieß er mit rauher Stimme hervor,kein Mord. Wenn man Ihren besten Freund feig erschlägt, ist das kein Mord? Und in seinen tiefliegenden Augen loderten Flammen auf.

Ihren besten Freund? stotterte, überrascht durch diesen jähen Ausbruch, der Kurhesse.

Ja, meinen besten Freund, meinen treuen Begleiter über Land und Meer, in die Fremde, in die Verbannung, der Einzige, der mich nicht verließ und mir in treuer Liebe zugethan war, wie ich ihm, setzte er in tiefster Erregung hinzu, sich mit der Hand über die Augen fahrend. Ein banges Schweigen trat ein. Um Frank's Mund zuckte es und wir wagten nicht, den Mann in seinen schmerz⸗ lichen Gefühlen zu stören.

Endlich erhob er den Kopf und sagte:Wenn Sie heute Nachmittag eine Stunde übrig haben, so bitte ich um Ihren Be⸗ such. Ich werde Ihnen dann meine Geschichte erzählen, die Ihnen meine Bedingungen erklären wird.

Sie beharren also darauf? fragte mein Begleiter noch einmal.

Frank nickte.Gewiß, obwohl ich ein Feind dieser barbarischen Sitte bin, die man Duell nennt. Aber ich sagte Ihnen schon, es soll eine Urtheilsvollstreckung werden. N

Dann werde ich das Nähere mit den Sekundanten des Barons verabreden, antwortete der Kurhesse.

Ich danke Ihnen vielmals, sagte Frank, uns die Hände schüttelnd,für Ihre Theilnahme. Ich erwarte Sie Nachmittags. Wir verabschiedeten uns mit dem Versprechen, zu kommen.

Etwas Geheimnißvolles umgab den Mann und reizte uns, Näheres über ihn zu erfahren.

Am meisten waren wir von den scharfen Bedingungen des Zweikampfes überrascht.

Gerade in seinem Interesse hatte der Kurhesse die Angelegen⸗ heit mit den Sekundanten des Barons so geordnet, daß Frank als Beleidigter betrachtet werde. Man hatte es ihm in die Hand geben wollen, den Zweikampf so ungefährlich wie möglich zu machen, da man die Beschimpfung, welche er dem Baron zugefügt hatte, auf die große Aufregung schob, in welche ihn der Tod des Thieres ver⸗ setzt hatte. Und nun diese Forderung auf Tod und Leben! Von diesem blassen, stillen Manne, der bis zu jenem unseligen Streit fast mit ängstlicher Besorgniß jedes Zusammentreffen nicht nur, nein, auch jede Berührung mit den Menschen vermieden hatte.

Die Sekundanten des Barons waren über diese Forderung nicht minder bestürzt als wir. Am meisten aber war es der Baron selbst. Er war kein Feigling, dieser mecklenburgische Junker; er besaß, wie schon erwähnt, jenen Muth, der aus körperlicher Ge⸗ sundheit und Kraft entspringt, und er ging einer blutigen Rauferei nicht aus dem Wege. Aber das war ein Gang in den sicheren Tod! Fünf Schritte Entfernung und Kugelwechsel, bis Einer kampfunfähig! Er, mit seiner breiten, fleischigen Brust! Er war ja eine Riesenscheibe, die auf jeden Fall getroffen werden mußte, selbst von Einem, der noch nie eine Pistole in Händen gehabt hatte!

Aber er konnte die Bedingungen nicht ablehnen, ohne sich bloß⸗ zustellen, zumal er immer mit seinen Ehrenhändeln viel renommirt hatte. ö. Am andern Morgen, Punkt acht Uhr, sollte das Duell statt⸗ finden, und zwar am sogenannten Fasanenwäldchen, einem abgelegenen Gehölz, das eine Stunde weit von der Stadt entfernt war. Zwischen den Sekundanten des Barons und uns wurde verabredet, unmittel- bar vor dem Zweikampf noch einen Versuch zu machen, von Herrn Frank mildere Bedingungen zu erzielen. Nachmittags gegen drei Uhr ging ich mit dem Kurhessen nach dem Hause am Sternwartenweg.

Es war kälter geworden. Rauchfrost flimmerte in der Luft, einzelne Schneeflocken sanken vom grauen Winterhimmel nieder. Frank erwartete uns. In dem Ofen brannte ein lustiges Feuer, auf einem weißgedeckten Tisch standen Kaffeetassen und ein Kistchen Cigarren. 3 Man weiß nicht, was Einem passiren kann, lächelte Frank

O

.

F

r