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0 Gberhessischen Nachrichten. Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden. N. Ur. 6. Gießen, den 7. Februar. 1886. Hein bester Freund. 4 Novelle von Karl Wartenburg.
Wir Zuschauer dieses Auftrittes wußten nicht, wie wir diese plötzliche Veränderung in dem Benehmen Franks deuten sollten. Bereute er jetzt, sich mit dem Baron eingelassen zu haben? Sollte er Furcht vor einer Forderung haben? Und diese Vermuthung raubte ihm einen Theil der Sympathien, die seinem energischen und doch so maßvollen Auftreten der rohen, beleidigenden Manier des Barons gegenüber entgegen gebracht worden waren. Die Macht des Vor⸗ urtheils, daß der, welcher einem Duell ausweiche, ein Feigling sei, beherrschte die Meisten.
„Ihre Karte will ich haben!“ schrie der Baron ungestümer, „haben Sie mich verstanden?“
Der Andere hob jetzt den Kopf.„Meine Karte?“ sagte er und um seine Lippen zuckte es eigenthümlich,„das hat keinen Zweck, ich schlage mich nicht.“
„Ah, Sie schlagen sich nicht, Sie Hasenfuß! Aber Sie unter⸗ stehen sich, Männer von Ehre zu beschimpfen, als Verleumder zu bezeichnen,“ brüllte Herr von Grüner, der glaubte, nach dieser Weige— rung sich Alles gegen Frank erlauben zu können.„So sollen Sie wenigstens einen Denkzettel mit nach Hause nehmen, der Sie in Zukunft erinnern wird, sich an Männern meinesgleichen nicht zu reiben, Sie Unverschämter.“ Und blitzschnell hatte er eine große Zeitung, die in einem starken, langen, eisernen Halter eingeklemmt war, ergriffen, zusammengerollt und zum Schlag gegen den Fremden erhoben.
In diesem Moment sprang der Hund, der jede Bewegung des Barons verfolgt hatte, mit heftigem Gebell gegen den wüthenden Mann, ihn von seinem Herrn abwehrend. Der Baron fuhr erschreckt zurück. Aber nur einen Moment.
Dann brüllte er dunkelglühend im Gesicht, die Augen sprühend von Zorn:„Verfluchte Bestie!“ und mit wuchtigem Hieb sauste der schwere, eiserne Stab auf den Kopf des Thieres nieder. Der Hund stieß einen schmerzlichen Laut aus und stürzte nieder. Frank aber warf sich neben das Thier nieder und suchte es mit den zärtlichsten Schmeichelworten und Liebkosungen aufzurichten.
Der Hund leckte mehrmals die Hand seines Herrn, aber sein Kopf fiel bald matt zurück, ein krampfhaftes Zucken, ein Strecken der Glieder— und das Thier war todt. Frank schluchzte laut. Eine Todtenstille herrschte in dem weiten Raum. Man hörte nichts als das Rauschen des Gases in den Candelabern und das Weinen des Unbekannten.
Der alte Selly starrte verdutzt hinter seinem Büffettisch vor auf die Gruppe. Die beiden graubündener Kellner standen, in ihren großen, rothen Händen die Kaffeekannen haltend, wie Bildsäulen, während die Gäste in dumpfem. peinlichem Schweigen auf den Baron und den Fremden blickten.
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(Fortsetzung.)
Die Augen des Barons flogen von dem Einen zum Andern. Wohin er blickte, begegnete er feindseligen, drohenden Blicken.
Er versuchte durch brutale Scherze die ihn beschleichende Un— behaglichkeit zu verscheuchen.„Es ist ja nur ein Köter!“ lachte er gezwungen. Niemand antwortete ihm. Wäre es ihm möglich gewesen, sich rasch von dem Orte seiner feigen That zu entfernen, er hätte es sicher gethan. Aber der Kreis umgab ihn wie eine un— durchdringliche Mauer.
„Die Kanaille wird Niemand wieder beißen“, spottete er weiter, eine Cigarre anbrennend.
„Es war grausam,“ antwortete ihm ein Student der Medizin, ein baumlanger Kurhesse,„eines Mannes unwürdig.“
„Herr,“ schrie der Baron ihn an,„dafür werden Sie mir Satisfaction geben.“
„Zu jeder Stunde,“ erklärte der lange Kurhesse phlegmatisch.
Es schien dem Baron lieb zu sein, einen andern Gegner ge— funden zu haben und die Aufmerksamkeit von seinem Streit mit dem Unbekannten abzulenken. Er wiederholte daher gegen den Kur⸗ hessen gewendet:„Sie werden mir Satisfaction geben.“
Da aber richtete Frank sich empor, still und mit starrem Aus⸗ druck in den Augen. Der Baron war kein Feigling, er war ein Mann von jenem Muth, der seinen Ursprung in starken Knochen, festen Muskeln, in dem Bewußtsein körperlicher Kraft hat. Es ist das ein Muth, der nichts gemein hat mit jener Tapferkeit, welche
in der überlegenen Seelenstärke wurzelt und die vor nichts zurück— bebt, weil sie auch das Schlimmste, was geschehen kann, den Tod nicht fürchtet.
Aber als der Baron das todtenbleiche, steinerne Gesicht Frank's sah, erblaßte er und wich einen Schritt zurück. Frank aber trat ihm näher und spie ihm das Wort:„Mörder!“ in's Gesicht. Er spie es dem Baron buchstäblich in's Gesicht. Es war die blutigste Beschimpfung, die diesem stolzen, hochfahrenden Manne widerfahren konnte, der, pochend auf seinen Stand, seine Kavalierehre, seinen Offizierscharakter, dastand.
Der Baron schrie auf wie ein wildes Thier. Das Weiß in seinen Augen wurde roth. Wie ein wüthender Stier, den Kopf vorgestreckt, die Fäuste ballend, stürzte er sich mit dem Rufe:„Er muß sterben!“ auf den Andern. Aber die Umstehenden warfen sich zwischen ihn und seinen Gegner.
„Lassen Sie ihn,“ sagte der Fremde mit tonloser Stimme.„Er soll sein Recht haben,“ dabei warf er seine Karte auf den Tisch. „Mein Herr“, und sein Auge fiel auf den Studenten aus Kur⸗ hessen,„dürfte ich Sie wohl bitten, mir in dieser Angelegenheit beizustehen?“
Der lange, blonde Riese nickte.„Selbstverständlich, mein Herr!“
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