Ausgabe 
6.6.1886
 
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Kam eine Soubrette, so erhielt sie meine Soubrettenrollen, weil ich Koloratursängerin sei; kam eine Koloratursängerin, so nahm sie meine Koloraturrollen, weil ich Soubrette sei ꝛe. Als Fräulein Grossi fortging, schickte man das Blondchen in der Entführung und die Dolores in»Cosi fan tutte« an Fräulein Tagliana, noch ehe diese hier war, mir forderte man die Partien einfach ab, ohne irgend eine Erklärung, und das that mir sehr weh, denn ich hing mit ganzer Seele an den beiden Rollen. Aber ich war nach Ab gang der Grossi wieder Koloratursängerin und bekam die Constanze. Als die Koloraturpartie der Dinora bald darauf zu vergeben war, wurde ich wieder Soubrette. Nun, Fräulein Taglianga kam mit meinem Blondchen gar nicht zu Stande und dieEntführung konnte nicht gegeben werden! Vorbei!

So ging es mir oft, und ich habe manche bittere Pille ver⸗ schlucken müssen. Längst wäre ich untergegangen, hätte wenigstens den Muth verloren, wenn mich nicht mein rastloses Streben nach Können und Wissen aufrecht und thatkräftig erhalten hätte.

Wir sind außer Stande, die Berechtigung dieser Klagen in allen Einzelheiten zu prüfen, allein, wer mit den einschlägigen Ver⸗ hältnissen nur einigermaßen vertraut ist, der wird Fräulein Lehmann darin Recht geben, daß die Leitung der Berliner Hofoper wiederholt die besten Rollen ihres Fachs an Damen vergab, die für diesen Vorzug kaum etwas Andres geltend machen konnten, als die warme Empfehlung hochstehender Persönlichkeiten. Es muß außerdem freudig anerkannt werden, daß Lilli Lehmann sich in ihrer Künstlerlaufbahn die volle Unabhängigkeit des Charakters zu wahren verstand. Nie mals suchte sie ihre Ziele auf Umwegen zu erreichen, niemals wollte sie etwas anderes, als ihre künstlerische Leistung für sich sprechen lassen. Trotzdem sie von einem glühenden Ehrgeiz beseelt ist, ordnete sie ihre persönlichen Interessen den künstlerischen gern unter. Einen Beweis dafür lieferten die Bayreuther Festspiele im Jahre 1876, wo Lilli Lehmann und ihre Schwester Marie sich mit den Rollen der Rheinniren in WagnersRheingold begnügten.

Die Berliner Hoftheaterleitung hatte vor 10 Jahren einen Vertrag auf Lebensdauer mit der Sängerin abgeschlossen, allein sie that wenig für die künstlerische Förderung der Sängerin. Da die⸗ selbe zumeist in Rollen beschäftigt wurde, die weder eine große Entfaltung der Leidenschaft zuließen, noch in gesanglicher Beziehung sehr ergiebig waren, so traten gerade die höchsten Vorzüge ihres künstlerischen Vermögens nicht zu Tage und man hielt die Sängerin für eine kühle, temperamentlose Natur, welche zur Wiedergabe dramatischer Partieen ungeeignet sei. Und doch ging ihr künst⸗ lerisches Streben von frühester Jugend an auf dieses Ziel hinaus; in dramatischen Partieen hoffte sie die höchste Stufe ihrer Kunst zu erreichen und durch unermüdlichen Fleiß und unbeugsame Energie gelangte sie auch dahin.

Lilli Lehmann hatte schon in früheren Jahren durch Gast spiele ihr Repertoire zu erweitern gesucht. Wo sich irgend die Ge legenheit bot und ihre Beschäftigung es zuließ, suchte sie an aus wärtigen Bühnen in großen Rollen aufzutreten. Der künstlerische Uebereifer brachte sie einmal in eine drollige Situation. Sie war wiederholt in Dresden für erkrankte Kolleginnen eingesprungen, während Herr Marcks daselbst technischer Leiter der Dresdener Oper war. Als Pollini die Leitung des Hamburger Stadttheaters übernahm, siedelte Marcks auf kurze Zeit von Dresden nach Ham burg über und als dort eine Sängerin erkrankte, sandte er an die allzeit hülfsbereite Lilli Lehmann eine Depesche mit der kurzen An frage, ob sie an zwei Abenden singen könne. Fräulein Lehmann machte sich nach Erhalt der Depesche sofort reisefertig und vergaß den Umstand, daß Marcks sich nicht mehr in Dresden, sondern in Hamburg befand. Nur mit dem Gedanken an die zu erringenden Erfolge beschäftigt, fuhr sie mit dem Kourierzug nach Dresden und trat dort mit der Frage vor den Intendanten, ob vor der Vor⸗ stellung noch eine Scenenprobe stattfinde? Der Graf von Platen war wie aus den Wolken gefallen und fragte die Sängerin, was sie nach Dresden führe. Jene erklärte im Ton der Ueberraschung und Entrüstung, daß Herr Oberregisseur Marcks sie zum Gastspiel geladen habe und zog als Beweis für ihre Behauptung die De⸗ pesche aus der Tasche. Der Intendant lächelte und machte die Künstlerin darauf aufmerksam, daß das Telegramm nicht aus Dresden, sondern aus Hamburg an sie abgesandt worden sei, wo Herr Marcks gegenwärtig die Regie führe. Die Sängerin war erst vollständig verblüfft über den Irrthum, dann brach sie in ein

herzliches Lachen aus und da sie sich doch einmal in Dresden befand, be nutzte sie ihre freie Zeit, um die Kunstschätze der Stadt einmal recht eingehend zu besichtigen.

Im Winter des vorigen Jahres erhielt die Sängerin einen

großen Urlaub, den sie zu einem Gastspiel in Wien benützte und hier wurde sie vom Publikum und der Kritik zum ersten Male nach ihrem vollen Verdienst gewürdigt. An der Seite ihrer Schwester, welche ständiges Mitglied der Wiener Hofoper ist, trat sie in großen dramatischen Partien auf und errang als Norma, als Fidelio, als Isolde und Donna Anna wahrhaft sensationelle Erfolge. Die Kritik war einstimmig im Lob der Sängerin und erklärte sie für eine der berufensten Vertreterinnen des dramatischen Faches. Ein Gastspiel an der Dresdener Hofoper, welches bald darauf folgte, hatte den selben Erfolg. Nun erst kam man in Berlin zu der Erkenntniß des vollen Werthes der Sängerin und betraute sie mit jenen Partieen, die in Wien und Dresden ein völliges Furore hervorgerufen hatten. Gleichwohl fühlte sich die Sängerin noch immer bei der Rollenver theilung zurückgesetzt. Trotzdem sie als Norma und Fidelio das

Berliner Publikum zu gleicher Bewunderung hingerissen hatte, wie jenes in Wien, trug die Direktion doch Bedenken, ihr die

Sieglinde in WagnersWalküre dauernd zu überlassen.

Während sie nun den lebenslänglichen Vertrag mit der Berliner Hofoper mehr denn je zuvor als eine drückende Fessel empfand, wurde ihr ein überaus verlockender Gastspielantrag für New. Bork gemacht. Es war nicht der materielle Gewinn allein, welcher sie bestimmte, diesem Anerbieten Folge zu leisten. Von Jugend auf hatte sich die Sängerin von dem Drange beseelt gefühlt, die weite Welt kennen zu lernen und ihre Sommerferien wurden stets zu Ausflügen benutzt. Nun war die Gelegenheit da, eine neue Welt kennen zu lernen, in dieser Kränze und Gold in Hülle und Fülle zu ernten und sie vermochte nicht, diesen Lockungen zu widerstehen. Der gewünschte Urlaub wurde ihr bewilligt. In Amerika erfüllten sich ihre Hoffnungen nicht nur, sondern wurden noch weit übertroffen. Ihre Erfolge an der Deutschen Oper waren so glänzender Art, daß sich ihr Ruhm rasch über ganz Nordamerika verbreitete und daß ihr die glänzendsten Anerbietungen für verschiedene Konzert-Unter nehmungen zutheil wurden. Lilli Lehmann wandte sich an Herrn von Hülsen mit der Bitte, betreffs der Verlängerung des Urlaubs ein gutes Wort beim Kaiser einzulegen. Sie versprach dagegen, im August, September und Oktober nächsten Herbstes und selbst während ihres Winterurlaubs in Berlin umsonst zu singen. Ihr Bittgesuch blieb vorläufig unbeantwortet, und da die Sängerin wie sie wenigstens versichert noch auf einen günstigen Bescheid wartete, so überschritt sie die Grenze ihres Urlaubs und wurde in Berlin für kontraktbrüchig erklärt.

Wir sind weit entfernt davon, den Vertragsbruch der Künstlerin

rechtfertigen zu wollen, müssen aber gestehen, daß das Unrecht durch

verschiedene Umstände gemildert wird. Es ist ein hartes Verlangen, daß eine Künstlerin, welche sich auf der Höhe ihrer Leistungsfähig keit befindet, und die einen Weltruf erlangt hat, unter Bedingungen an der heimischen Oper weiterwirken soll, die vor zehn Jahren Geltung hatten, und die in keinem Verhältniß stehen zu dem Werth ihrer Leistungen. Lilli Lehmann verdient in Amerika zum Mindesten das Zehnfache ihrer Berliner Gage, und ihre Stellung bei der deutschen Oper ist ihr auf mehrere Jahre hinaus gesichert. Da die Sängerin mit ihren erworbenen Schätzen vortrefflich hauszuhalten versteht, so besitzt sie voraussichtlich jetzt schon eine Rente, welche ihr die volle materielle Unabhängigkeit garantirt. Außerdem sagen ihr die Verhältnisse an der deutschen Oper zu New-Nork und das amerikanische Publikum allem Anscheine sehr zu. Für die deutsche Kunst bedeutet die transatlantische Fahrt der Sängerin einen schweren Verlust, denn selten wird eine Künstlerin gefunden, welche alle Vorzüge der Koloratursängerin und der dramatischen Sängerin in so hohem Grade vereint, als dies bei Lilli Lehmann der Fall ist. Diese Vorzüge bethätigt sie am glänzendsten in Bellini's Norma. In der Koloraturarie zeigt sie durch den Goldklang der Stimme, durch die reizvollste Ausführung der Fiorituren, daß sie eine souveräne Beherrscherin im Reiche des bel canto ist und in den dramatisch bewegten Scenen gewinnt sie durch die Gluth der Leidenschaft und die warme Beseelung der Töne alle Herzen. In Bizet'sCarmen überrascht ihre originelle Auffassung. Im Gegensatz zu allen anderen Darstellerinnen betont sie das Dämonische im Wesen der spanischen Zigeunerin sehr stark.

Mag man über die Berechtigung 4

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