Ausgabe 
6.6.1886
 
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führte ihn in das Balkonzimmer. Fanny grüßte steif und fuhr fort zu sticken; es war nicht ihre Gewohnheit, sich in die Unter⸗ haltung zu mischen. Sie besorgte mit ihrer ruhigen Majestät Wein und Gläser und verließ dann das Zimmer. 5

Wie bedauere ich Dich, alter Junge, flüsterte Georg, sobald Fanny das Zimmer verlassen hatte.Wie soll denn das mit der Herrschsucht dieser Dame enden?

Laß es gut sein, Beherrscher von Lengen, lachte Berschau munter und blies den Rauch seiner Cigarre in die Luft;zwischen meiner Fanny und Deinem Klas würde mir gerade die Wahl noch nicht schwer. 8

Georg schüttelte mürrisch den Kopf; mit dem Klas aber bist Du ganz im Irr⸗ thum, der marschirt, wie ich es haben will.

Berschau lachte laut auf. Er war ein schö⸗ ner Mann, einige Jahre älter als Georg; aber sein Ruf und sein Ansehen waren un⸗ wiederbringlich verlo⸗ ren; er verkehrte mit Leuten wie Georg, hielt mit ihnen Trink⸗ gelage, die Tage und Nächte hindurch dau⸗ erten, und im Winter war Fanny der einzige Insasse der Villa, denn Berschau nahm an allen Jagden zehn; Meilen in der Runde Theil und blieb da, wo ihn eben die Jagd hin verschlug. Georg hatte stets einen Wi⸗ derwillen gegen bessere Gesellschaft empfun⸗ den und schloß sich mit Freuden diesem Ausgestoßenen an, dem er zuerst auf der Jagd begegnet war. Sie waren schon manches Jahr gute Kameraden, die sich mit Vergnü⸗ gen bei den Trink⸗ gelagen begegneten.

(Fortsetzung folgt.)

Lilli Lehmann.

Gegenwärtig giebt es in Deutschland keine zweite Künstlerin, mit der sich die Presse so lebhaft beschäftigt, als Lilli Lehmann. Durch ihren Vertragsbruch hat sie nicht nur die Künstlerwelt, sondern auch die Berliner Hofkreise in eine tiefe Erregung versetzt. Die Geschicke dieser ausgezeichneten Koloratursängerin sind so eigen⸗ thümlicher Natur und so bezeichnend für die Leitung deutscher, Hof⸗ bühnen, daß es wohl der Mühe verlohnt, sich eingehender mit ihrem Lebensgang zu beschäftigen. b

Die Sängerin entstammt einer Künstlerfamilie und verlebte ihre Jugend zu Prag in sehr dürftigen Verhältnissen. Den Vater hatte sie früh verloren und ihre Mutter gehörte zu jenen Sängerinnen, welche durch den Verlust ihrer Stimme in eine traurige Noth⸗ lage gebracht wurden, und deren ganze Lebenshoffnung auf der Zukunft der Kinder beruht. Frau Lehmann in Prag suchte ihre Töchter Lilli und Marie unter schweren Opfern und Entbehrungen für die Oper heranzubilden und es gelang ihr, den beiden Mädchen

Lilli Lehmann. Nach einer Photographie von J. C. Schaarwächter in Berlin.

die Wege zu einer glänzenden Bühnenlaufbahn zu ebnen, allein sie starb, bevor sie die Früchte ihrer opfermuthigen Bemühungen ernten konnte. Lilli Lehmann trat am 31. August 1869 als ganz junge Sängerin an der Berliner Hofbühne in der Rolle der Königin Margot(Meyerbeer'sHugenotten) auf. Dies Debut fiel sehr günstig aus. Die junge Sängerin besaß eine hohe, schlanke Ge⸗ stalt, große ausdrucksvolle Augen und eine wohlgebildete, glockenhelle Sopranstimme, welche nach der altitalienischen Methode in edelster Weise ausgebildet war. Sie wurde als Vertreterin des Koloratur⸗ faches engagiert und trat im Jahre 1870 in den Verband der Berliner Hofoper ein. Leider sah sie sich in ihren Hoffnungen, eine erste Stellung erringen zu können, vorläufig betrogen. Sie selber schildert in einer Rechtfertigung des neuerdings erfolg⸗ ten Vertragsbruches ihre Enttäuschungen zu Beginn ihrer Bühnen⸗ laufbahn wie folgt: Als ganz junge Sängerin gastirte ich in Berlin für das da⸗ mals unbesetzte Kolo raturfach. Ein Jahr später trat ich ein, da hatte sich Fräulein Grossi mittlerweile in dies Fach hineingesun⸗ gen und ich bekam Scoubrettenrollen. Nur die Königin in den Hugenotten erhielt ich als einzige kolorirte Rolle. Frau Lucca ging, und ich sang mehrere ihrer Partien. Zu thun hatte ich ge nug und da ich jung war und mich nicht zu sehr anstrengen durfte, so befriedigte mich meine Stellung durchaus. Fräulein Grossi war so klug, die schlechten Rollen im Koloraturfache, wie die Prinzessin in der Jüdin, jedesmal ab⸗ sagen zu lassen, die Prinzessin in der Stummen aber zurück⸗ zuweisen; und ich war so wenig klug, sie zu übernehmen. Wer nahm sie mir wieder ab? Keine! Immer und überall war ich sangeslustig und spielfroh eingesprungen und wurde, was man beim Theater»utilité« nennt. Ach, welch ein geringes Interesse nimmt das Publikum an einer utilite! Es interessirt sich für die, welche viel Wesens mit sich machen, recht oft absagen und der Direktion Verlegenheiten bereiten. In den 15 Jahren, wo ich als Mitglied der Berliner Oper wirkte, habe ich wohl nur drei Mal absagen lassen, als es durchaus nicht anders ging, sonst habe ich stets, ohne Rücksicht auf Gesundheit oder ein sonstiges Interesse, nur aus Pflichtgefühl und um der Direktion Verlegenheiten zu ersparen, gesungen. Wenn dieselbe das nicht vergessen haben sollte, so wird sie wenigstens diese eine gute Seite an mir anerkennen müssen. Nach fünf Jahren bot man mir höhere Gage oder einen Lebens⸗ kontrakt mit Pension. Auf Bitten meiner seligen Mutter unter⸗ schrieb ich den lebenslänglichen Kontrakt. Er war in Anbetracht meiner Jugend und der damaligen Verhältnisse gewiß sehr günstig, aber ich hatte von seinen Konsequenzen keine Ahnung. Durcheinander sang ich zu jener Zeit jugendliche kolorirte und Soubrettenrollen.

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