Ausgabe 
6.6.1886
 
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nun nicht mehr vor Klas, er fürchtete ihn nicht mehr.Er ist

doch immer nur ein dummer Kerl, so sehr er auch den Klugen spielen will, lachte Georg in sich hinein und fuchte nach dem Petschaft und nach Siegellack. Er fand Alles in der Tischschublade. Das machen wir so geschickt und gut, sagte Georg, indem er das

Talglicht auf dem Tische anzündete,daß Klas eine feine Nase

haben müßte, wenn er spürte, daß der Brief nicht mehr in dem grünen Papier stecke. Sorgsam legte er zwei Papierstücke in die Brieftasche und steckte diese wieder in Klas Sommerrock. Hierauf verließ er leichten glücklichen Herzens das Zimmer.Schlafe Dich nur aus, dummer Teufel, lachte er, als er durch die Küche der Hinterthüre zuging,Du sollst nun wieder merken, wer hier der Herr ist. Halte nun Deine albernen Versprechungen in fünfzehn Monaten, oder halte sie nicht; ohne den Brief kannst Du mir ja doch nicht bange machen und mit der großen Wiese hat es nun gute Wege. Es lag ihm nichts daran, ob er nun gesehen wurde,

Im Neste. Photographisch aufgenommen nach der Natur.

als er an den dürftigen Getreidefeldern vorüber ging; aber Niemand sah ihn und Niemand war im Stande, dem Verwalter zu sagen: der Herr ist zurückgekommen.

Georg schwang sich auf sein Pferd und sprengte seelenvergnügt davon. Als er in die Nähe der Stadt kam, ließ die Freude all mälich nach. Er wollte Geld borgen gehen, wieder Geld borgen, und er war erst vor vierzehn Tagen zu seinem Freunde gekommen und hatte sich eine schöne Summe geben lassen, um Rindvieh ein⸗ zukaufen. Der Freund hatte schon den Kopf geschüttelt und davon gesprochen, die kleinen Summen alle zusammen zu rechnen und Lengen mit einer Hypothekenschuld zu belasten. Dieser Gedanke war Georg höchlichst zuwider. Unter Umständen wäre er ein guter Bauer geworden, wenn er Gedeihen und Ermuthigung in Lengen gefunden hätte. Das Gut war nun seit Jahren in seinem Besitz und alle Verheißungen von Klas, der ohne Unterkunft war und Verwalter werden wollte, hatten bis jetzt harten Widerstand in den unfruchtbaren Boden von Lengen gefunden. Es hätten sich Ver⸗ besserungen bei klarer Einsicht und unermüdlichem Fleiße machen lassen; aber Georg besaß weder das Eine noch das Andere.

Er arbeitete Tage lang wie ein Neger mitten unter seinen Knechten

und Tagelöhnern, und wenn er dann zur Einsicht kam, daß doch nicht viel zu ernten war, wenn diesem Boden nicht gründlich auf

geholfen würde, dann verlor er den Muth, dachte an die uner⸗ schwinglichen Kosten und fand in der Unergiebigkeit seines Eigen⸗ thums keinen anderen Trost, als sich die herrlichen Gefilde von Mandsfelt zu betrachten und sich zu sagen:Wem kann es denn je anders gehören, wie mir?

Als er in der Stadt ankam, fühlte er, daß er diesen Glauben nöthig habe, um die Verdrießlichkeiten, die ihm das unergiebige Gut täglich bereitete, noch weiter zu ertragen. Klas durfte ihm nicht über den Kopf wachsen, aber er mußte bei guter Laune er⸗ halten werden, vielleicht waren die fünfzehn Monate eine Frist, die er sich ruhig mußte gefallen lassen, da so viel auf dem Spiele stand.

Das waren die Erwägungen, die ihn bis vor das Landhaus des Herrn von Berschau geführt hatten. Er warf einen mißtrauischen Blick nach den Fenstern der hübschen Villa und gewahrte auf dem Balkon hinter den Bäumchen und Blumen ein helles Kleid. Sein

Freund war der beste Junge von der Welt; aber er hatte das Loos aller Menschenkinder: er war abhängig, er war beeinflußt. Das helle Kleid auf dem Balkon umgab eine schöne stattliche Persönlich keit mit gebieterischer Haltung und schönen glänzenden Augen. Vor zehn Jahren hatte sich Herr von Berschau eines verlassenen eltern⸗ losen Mädchens angenommen. Dasselbe war ihm dann eines Tags in die Villa gefolgt und sträubte sich hartnäckig dagegen, sie wieder zu verlassen. Im Laufe der Zeit entwickelten sich in dem be⸗ scheidenen Mädchen allerlei Eigenschaften, die Herrn von Berschau ganz kleinlaut machten.Der Drache nannte sie kurz Herr von Lengen, und daß sie ihn nicht mit freundlichem Gesicht kommen sah, war gewiß. Vielleicht wäre ohne diesenDrachen Georgs Freund längst ein armer Mann geworden. Fanny führte eine genaue Kontrole über Berschau's Ausgaben. Wenn er bei Jagden und Trinkgelagen seinem Freunde Lindner wieder ein Darlehen ver⸗ sprochen hatte, so sagte jenem das Gesicht der imponirenden Frau, daß sie seine Widersacherin war. Der Freund kam ihm schon ent⸗ gegen, er wußte genau, was Georg in sein Haus führte.Ich weiß schon, sagte er,aber diesmal ist es mir ganz unmöglich; einige hundert Thaler kann ich Dir geben, aber dann muß die Sache hypothekarisch geordnet werden. Sprich im Salon nichts darüber, wir machen das heute Abend ab, sagte er schnell und