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ihrer Auffassung streiten, jedenfalls beweist ihre Carmen, daß sie eine selbstständig schaffende Künstlerin ist, die es verschmäht, aus— gefahrenen Geleisen zu folgen. Einer der hervorragendsten Züge in ihrem Wesen ist eine kühne, fast männliche Entschlossenheit. Wie sie die Beleidigung eines Journalisten mit Ohrfeigen beantwortete, so ist sie im Stande, mit lieben Gewohnheiten zu brechen und sich ohne Zaudern den weitgehendsten Unternehmungen anzuschließen. Als Kuriosum wollen wir noch ihre Zärtlichkeit für gewisse Haus— thiere erwähnen. Die Sängerin hat in Berlin fast jedem herren— losen, verlaufenen Hunde, den sie auf ihrem Wege fand, ein Asyl in ihrem Hause geboten und sie stellt alljährlich dem Thierschutzverein eine beträchtliche Summe zur Verfügung, damit schutzlose Hunde und Katzen von der Straße aufgelesen und verpflegt werden.
Lilli Lehmann gehört zu jenen Künstlerinnen, welche spät erst zur vollen Blüthe gelangen. Heute, da sie auf der Scheitelhöhe des Lebens steht, hat sie auch die höchste Stufe der Kunst erreicht. Ihre schöne, elastische Gestalt, ihr edel profilirtes Gesicht, ihre kraft— volle und völlig intakte Stimme und ihre lebendige Darstellungs— weise scheinen dafür zu bürgen, daß sie die Früchte ihrer Studien ganz und voll ernten und ihre glänzende Stellung in der Kunst— welt noch lange behaupten wird. R. E.
Lose Blätter.
Sigtung. Die alten Könige von Dänemark bewohnten Leire, die von Schweden Sigtuna. Die Söhne Odin's, des Gründers beider Monarchieen, hatten eine und dieselbe Wohnung, eine Burg neben einem Tempel. Die Werke des Heidenthums sind mit ihm selbst untergegangen. Man sucht Leire, und nicht einmal eine Ruine findet sich, welche die Spur desselben bezeichnet. Man sucht Sigtuna, und sieht kaum mehr als Gräber. Auf einer keck in einem Busen des Mälar hinausstrebenden Landzunge einst belegen, zeigt Letzteres heute nur noch vier Thürme, die als tausendjährige Riesen Wache halten, auf daß der Sturm der Zeit nicht die Erinnerung wegstäube, wie er bis auf wenige Trümmer den Ort selbst verweht hat, wo ein tiefernster Kultus jene nordischen Götterbilde errichtete, die endlich auch ihre Häupter vor dem mächtigen, die Erde strahlend überschwebenden Erlöserkreuze beugen mußten. Daß hier in Siggis-Tuna, d. h. Siegeehof, gewiß schon in vor⸗ christlicher Zeit die Gesittung in beachtenswerther, früher oft bezweifelter Ausdehnung Wurzel geschlageg, vermögen freilich die unscheinbaren Ruinen alter allerdings herrlicher Bauwerke nicht anzudeuten, wohl aber zeugt da⸗ für Manches, was der Schooß der Mutter Erde länger als ein Jahrtausend schützend verborgen und in den neuesten Tagen aus den zerstreuten Grab— hügeln eines entschwundenen Geschlechtes durch Forscher zu Tage gefördert wird. Schmuck, Luxusgeräthe. Waffen von ausgezeichneter Arbeit, oft in wunderbar schöner Gold- und Silberverzierung, beweisen, daß das Volk, das hier gelebt, mit der Tapferkeit auch den milderen Sinn für Kunstfleiß vereinte, und die Auffindung arabischer und griechischer Münzen deutet auf die Verbindung, die der Handel zwischen Skandinavien und weit entlegenen, in höchster Kultur stehenden Ländern geknüpft hatte. Der, Barbarismus zerstörte die hier unter rauhem Himmel emporgeschossene Blüthe. Es war im Jahre 1008, als Olaf der Heilige, Norwegens König, die Stadt Sigtung plünderte und in Asche legte. Doch erstand sie wieder und nahm ansehnlich zu, bis finnische Völker, Esten, Karelen, Ingrer, wüste, in Ver— heerung Befriedigung findende Seeräuberhorden, Skandinaviens älteste Haupt⸗ stadt zum letzten Male und auf immer zerstörten. Das geschah im Jahre 1189. Aber gleichsam, als wollte man sich nicht trennen von der Stätte erhabener Erinnerung, vegetirt Sigtuna jetzt als kleines, armseliges, zu Stock— holm's Lehn gehöriges Städtchen mit wenigen Einwohnern, die in größter Mehrzahl das kümmerliche Gewerbe der Töpferei betreiben. A. B.
Edmund Spenser, der bochberühmte Dichter des Epos:„The Fairy Queen“(geb. 1553, gest. 1599) kam zu Lord Sidney, um diesem, dem er gänzlich unbekannt war, ein Werk mit der Bitte anzubieten, es ihm widmen zu dürfen.„Wartet, mein Freund,“ sagte herablassend der Haushofmeister Sr. Herrlichkeit:„Wenn Eure Verse gut sind, wird es Mylord nicht auf 10 Pfund ankommen.“ Er trug das Manuscript in das Arbeitszimmer seines Herrn. Dieser schlug den Band auf und stieß auf eine Stelle, die seine Bewunderung erregte. Schon nach wenigen Minuten; blickte er auf und rief den Haushofmeister zu:„Gieb dem Dichter fünfzig Pfund!“— „Wie?“ fragte der Hausmeister, der glaubte, sein Herr habe sich versprochen: „Fünfzig Pfund dem armen Schlucker?“„Du hast Recht.“ erwiderte Sidney,„einen solchen Genius darf man die Kleinigkeit nicht anbieten. Gieb ihm hundert, nein zweihundert Pfund.“—„Eure Herrlichkeit pflegen zu scherzen; für eine Dedikation zweihundert Pfund!“—„Für die Dedikation eines solchen Dichters wäre das Zehnfache nicht zu viel; aber ich bin kein Krösus. Nein, das Letztere sage ihm nicht; denn ich werde es ihm selbst sagen, wenn er mir morgen Mittag die Ehre schenkt, mein Gast zu sein. Dem Koch aber befiehl, daß er das Mittagessen so bereite, als ob Ihre Masestät die Königin mich besuchte.“— Am folgenden Tage erschien Spenser bei dem Lord, der ihn umarmte, worüber der Haushofmeister den
Kopf schüttelte. Sidney blieb der Freund des Dichters, bis dieser starb. W. G.
Schlecht berathen hat Manchen gereut.(Aus dem Türkischen.) „Glaube nicht Alles, was man Dir räth“, sprach der Vater zu seinem Sohne,„daß Du nicht wie jener Dieb auf dem Dache Schaden leidest; denn schlecht berathen hat Manchen gereut.“„Was ist das für eine Ge— schichte mit dem Dieb auf dem Dache?“ fragte der Sohn, und der Vater erzählte:„Es war in Stambul ein schlauer Dieb, dessen Niemand habhaft werden konnte. Der war auf das Dach eines Hauses gestiegen, um von dort in dasselbe zu dringen. Er lauschte nur noch, ob Alles drinnen ruhig sei. Es war gerade Mondschein, und der zeichnete Alman⸗ surs Gestalt auf einer Mauer des Hofes ab. So gewahrte der Besitzer des Hauses, der mit seiner Gattin schon zur Ruhe gegangen war, den lauschen⸗ den Dieb und sprach flüsternd;„Fatme, Licht meiner Seele, frage mich doch recht laut, wie ich zu meinem Hab und Gut gekommen bin.“ Sie that, wie er gewollt und drang in ihn, als er sich Anfangs sträubte. Da begann er:„Ich bin einst Dieb gewesen, und alle meine Unternehmungen waren glücklich, da mein Zauberspruch mich stets beschirmte.“—„Ein Zauberspruch?“ fragte Fatme.—„Er ist sehr einfach. Spreche ich ihn dreimal aus, kann ich mich ruhig den Mondesstrahlen überlassen; die tragen mich sicher in jedes Haus und aus jedem Hause.“—„Wie das, Mann meines Herzens?“—„Ich rufe dreimal;„Muhammed ist Allah's Prophet und Ali sein Schwiegersohn, seid gerecht!“ Dann springe ich von dem Dach in die Luft.“—„Und die Mondesstrahlen tragen Dich?“— „Wohin ich will!“— Bald darauf vernahm der Dieb auf dem Dache lautes Schnarchen. Er trat zu dem Rande des Daches und dachte den Zauberspruch anzuwenden. Als er jedoch in die Luft sprang, fiel er auf die Straße und brach ein Bein. Hierauf ward er ergriffen, und der Kadi verurtheilte ihn zum Galgen“ Als der Vater die Geschichte beendet hatte, meinte der Sohn:„Du sollst nicht vergebens erzählt haben; ich werde jetzt jeden Rath prüfen, den man mir giebt; denn schlecht berathen und darnach gethan, hat Manchen gereuet; All' glauben ist Wahn.“ W. G.
Garderobe⸗Luxus. Die Königin Elisabeth von England und ihre Namensschwester, die Kaiserin von Rußland, zeichneten sich durch den Luxus ihrer Garderobe aus. Elisabeth von England hatte für jeden Tag im Jahre einen anderen Anzug. Das Verzeichniß der Garderobe der Kaiserin Elisabeth füllte einen dicken Band.— Sir John Arrundel, unter der Re— gierung Richards II. von England, litt auf einer Ueberfahrt nach dem Continente Schiffbruch. Er büßte hierbei seine Garderobe ein, welche aus 250 vollständigen Anzügen bestand, darunter viele von Gold- und Silber⸗ stoff.— Als Dresden den Preußen unter Friedrich II. seine Thore öffnen mußte, fand man in der Garderobe des sächsischen Ministers von Brühl 800 Paar Schuhe und Stiefel, 1200 Perrücken von verschiedener Form und Farbe und im Verhältniß dazu eine reiche Auswahl von Röcken, Westen, Strümpfen, Kravatten und dergleichen.
London zur Zeit Elisabeths. In den Tagen der Königin Elisabeth wurde das Dorf Holborn oder Oldbourn, jetzt zu dem bevölkertsten Mittel- punkt der Hauptskadt gehörend, zuerst mit der eigentlichen Stadt London vereinigt. High-Holborn existirte damals noch gar nicht und Saint⸗Giles war damals ein Dorf, das man aber noch nicht als zu London gehörend betrachtete. Westminster war nichts als ein kleiner Flecken, südwestlich von dem Saint-Jamespark. Auf den beiden Seiten des Strandes befanden sich Gärten und Haymarket hatte an der einen Seite eine Hecke und an der andern ein verwildertes Dickicht von Gesträuch. Im Jahre 1606 wurden die ersten Sterbelisten gedruckt und es ergiebt sich daraus, daß in den folgenden sechsundzwanzig Jahren die Bevölkerung nur wenig zunahm, denn in den Jahren 1606 und 1607 starben jährlich zwischen 6- bis 7000 Menschen und in den Jahren 1632 und 1633 nur 8 bis 9000. M.
Schnelle Multiplikation. Die Kaiserin Katharina von Rußland, welche ihren Haushalt selbst übersah, fand einmal 28 000 Rubel für Talglichter angesetzt. Diese Summe fiel ihr um so mehr auf, da sie den strengsten Befehl gegeben hatte, daß an ihrem Hofe kein Talglicht gebrannt werden sollte. Sie stellte Untersuchungen an, und da fand sich, daß der junge Großfürst, nachmals Kaiser Alexander, sich ein Talglicht hatte kommen lassen, um seine aufgesprungenen Lippen damit zu bestreichen. Der Lakai, der das Licht brachte, stellte vier Pfund in Rechnung. Sein Vorgesetzter machte 300 Rubel daraus und von Diener zu Diener ansteigend, schwoll die Summe immer höher, bis sie endlich an der höchsten Spitze bis zu 28,000 Rubel gestiegen war. M.
Essence d' Orient. Die silberglänzenden Schuppen vom Weißfische und vom Karpfen dienen zur Anfertigung künstlicher Perlen. Die Schuppen, auf dem Bauche dieser Fische silbern, auf deren Rücken dunkelblau gefärbt, sind sehr dünn und nur leicht anhaftend. Die perlenartig glänzende Sub⸗ stanz, welche die Wurzeln der Schuppen umgiebt, ist das einzig Nutzbare und dient zur Herstellung der sogenannten Essence d' Orient, der Grund— lage für die künstlichen Perlen. Zu diesem Zwecke werden die Fische über einem Gefäß mit reinem Wasser vermittelst scharfer Messer geschuppt— da das erste Wasser mit blutigem Schleim vermengt ist, so wird dieses weggegossen — die Schuppen werden in Wasser in einem Siebe, durch welches die Essenz hindurchgeht, gewaschen; in einem untenstehenden Gefäße, in welchem sie sich zu Boden setzt, wird sie gesammelt. Das Waschen wird zwei bis drei Mal wiederholt. Die Fischerei findet, hauptsächlich in der Seine, das ganze Jahr hindurch, am besten aber im Frühling, wenn es kühl ist, statt. Die Essenz wird leicht schwarz in Folge Zersetzung; um sie zu konserviren, setzt man ihr Ammoniak zu. 8
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