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hinter mir liegt. Ich konnte den Gedanken nicht los werden, Schuld an Deinem Unglück zu sein.“
„Mein Kind, so darfst Du nicht denken,“ Gottliebe strich zärt— lich mit der abgezehrten Hand über die blühende Wange,„ich habe gegen Dich nie einen bittren Gedanken Wurzel fassen lassen, Du bist so jung und schön, da zeigt das Leben ein anderes, freundlicheres Gesicht, als sonst wohl.“
„Wie gut Du bist, Gottliebe.“
„Nur gut! Es ist zu wenig!“ dachte sie still.
Als Marion später aus dem Krankenzimmer trat, versperrte ihr Roland den Weg, er sah ärgerlich und aufgeregt aus.
„Warum entfliehst Du mir mit solcher Konsequenz?“ fragte er sie, indem er zugleich ihre Hand festhielt.
„Du weißt, daß Du mir Dein Versprechen gabst, erst Gottliebe's völlige Genesung abzuwarten, ehe Du mit einer Silbe die Ver— gangenheit berühren wolltest,“ gab sie halb scheu, halb trotzig zurück. „Noch ist der Augenblick also nicht da.“
„Er soll aber da sein! Ja, noch mehr, ich verlange, daß Du den Verkehr aufgiebst, der Dich mir täglich entreißt, daß Du bei mir bleibst!“
„Den Verkehr, den Du selbst mir geschaffen?“ fragte sie erstaunt.
„Ja, Gottliebe's Genesung giebt den besten Vorwand dazu. Marion, weißt Du nicht, daß mir Deine Seele zu eigen gehört, Du hast kein Recht, ja nicht einmal mehr die Macht, sie mir zu entreißen.“
Das Mädchen schwieg. Es dämmerte schon so stark, daß er auch den Ausdruck ihres Gesichtes nicht mehr zu unterscheiden ver— mochte. Und dennoch beunruhigte ihn unwillkürlich etwas und ließ ihn die Nacht fast schlaflos verbringen. Am nächsten Mittag er— wartete er Marion vergebens bei Tisch, statt ihrer lag ein Brief neben seinem Kouvert, den er hastig aufriß, überflog, erblaßte, dann mit einer zornigen Bewegung zu Boden schleuderte. Einige Se— kunden verharrte er so in athemloser Erregung, dann bückte er sich, hob den Brief auf und las ihn noch einmal, mit einem häßlichen Lächeln um den Mund, aufmerksam durch.
„Lieber Roland!“ lautete er.„Was auch zwischen uns vor— gegangen sein mag, vergiß es wie ich. Die kurze Prüfungszeit während Gottliebe's Krankheit hat mir gezeigt, daß wir nicht zu einander gehören. Das bewunderte Modell zu Deinem Bilde reizte Dich, als Frau hätte mir bald dasselbe Loos geblüht, wie es meiner Schwester geworden: vergessen, unbeachtet neben Dir dahin zu leben. Ich habe aber keine solche Engelsnatur wie diese und ebenso wenig jene große unwandelbare Liebe im Herzen, wie sie Männer wie Du unausgesetzt beanspruchen. Um allen weiteren Erörterungen aus— zuweichen, theile ich Dir das Alles schriftlich mit. Seit heute Vormittag bin ich auf der Heimreise, von wo ich in ungefähr einem Vierteljahr als Lord Strattons Gattin in die Welt zurück— kehren werde.“
„Kaltes, berechnendes Weib!“ preßte er zwischen den Zähnen hervor. Aber so heftig auch sein Zorn war, mit Staunen wurde er sich bewußt, daß das Herz keinen Theil daran hatte, er hatte sich geliebt geglaubt, wie schon so oft in seinem Leben, denselben Augenblick indessen, wo er die Entdeckung des Gegentheils machte, war der Rausch verflogen. Roland Hartenstein war es nicht ge— wohnt, mit Frauenherzen zu rechnen, die sich ihm selbst entzogen. Er empfand es als Beleidigung, aber nicht mit Weh.
Und dann dachte er an Gottliebe, an ihre stille, demüthige Selbst⸗ aufopferung an seiner Seite. Wie tröstender Balsam berührte ihn die Gewißheit, daß es Jemand gab, dem er Alles war, ohne etwas dafür in die Wagschale zu werfen, Jemand, der ihn anbetete wie seinen Gott und zu dem er sich genau so wankelmüthig, gleichgültig und undankbar erwies, wie nur je einer der alten todten Götter
ethan. Mit schnellen Schritten eilte er zu seiner Frau; er brauchte eihrauch, wenn er es sich auch nicht eingestand, um sich wieder
als das zu fühlen, was er bieher gewesen.
Sie lag ganz still, als er eintrat und schaute in die sinkende Helle, dann wandte sie ihm angstvoll den Blick zu. Wie wirst Du es tragen, Roland,“ flüsterte sie.
„
„Du weißt es schon?“ 8 N „Ja, von Marion selber, sie nahm Abschied von mir.“ Er nagte an der Unterlippe. 2 0 „Gottliebe, laß die Vergangenheit vergessen sein. f Nun öffneten sich ihre Augen weit, dann sagte sie ruhig:
„Glaube nicht, daß ich Dir zürne, weder Dir noch Marion. Es hat Alles so kommen müssen, wie es kam, und deshalb ist es gut. Wenn ich erst gesund bin, kehre ich zu Doktor Armstrong zurück, da weiß auch ich, daß ich an meinem Platz bin, und das Bewußtsein ist nothwendig zum Leben.“
„Du willst mich verlassen?“ rief er betroffen.
Sie lächelte still.„Ich gehe, Roland, denn ich bin Dir über— flüssig; nicht aus thörichter Empfindlichkeit, sondern weil ich wirklich fühle, ich gehöre nicht mehr her.“
„Und das ist Deine Liebe?“ fragte er bitter.
„Das ist sie! Wärst Du arm, krank, oder verlassen, nichts auf Erden brächte mich von Deiner Seite. Aber Du bist jung, gesund, reich und ein Künstler, Du brauchst nur Bewunderung und eine andere Liebe wie die meinige Dir sein kann. Vergessen werde ich Dich nie! Aus meinem stillen Wirkungskreis heraus werde ich Deinen glänzenden Bahnen folgen und beten, daß Dir all das zu Theil wird, was Du erstrebst. Mit Stolz werde ich mir dann sagen: Es gab eine dunkle Zeit in seinem Leben, da war ich die einzige, die ihm etwas galt, aber diese meine Seligkeit mußte schwinden mit dem Moment, wo das Leben wieder in seine Rechte trat. Ich wußte das von Anfang an und klagte nicht. Aber zur Last werden kann ich Dir nicht; eine innere Nothwendigkeit ist jetzt da, die mich zwingt zu gehn. Du wirst glücklich werden, Roland, und ich— will für Dich beten.“
In dem Krankenzimmer war es dunkel geworden, nur ein matter Lichtschimmer drang noch von draußen herein, der die Kenturen wohl überall sehen ließ, aber Gottliebe's Züge verbarg. Er hörte nur noch die leise, süße Stimme, fühlte die schöne, kühle Hand in der seinen.
Roland Hartenstein wurde plötzlich von einem seltsamen Empfinden befallen, es war ihm, als wanke alles ringsum, als triebe ihn eine ungeheure Woge hinaus in's Unendliche und diese Hand allein wäre im Stande ihn festzuhalten, die süße Stimme beschwöre das Ungemach, das über ihn hereinbrechen wollte. Und er sank neben dem Bett auf die Knie, warf seine Arme um die kleine Gestalt und rief laut:
„Gottliebe, bleibe bei mir! gehe nicht fort!“
Sie legte ihm die Hand auf die Stirn.
„Roland, versuche nicht wieder anzuknüpfen, was zerrissen ist, es bringt kein Glück. Du wirst's besser überwinden, wie Du jetzt denkst.“
„Aber ich will nicht! Ich lasse Dich nicht!“ rief er außer sich über ihre abermalige Weigerung.„Du liebst mich, Gottliebe und darum wirst Du bei mir bleiben. Es soll anders werden zwischen uns, ich verspreche es Dir.“
Er belog sich selbst in diesem Augenblick und sie fühlte das. Er war dabei anspruchsvoll und tyrannisch wie immer. In dem Auf— wallen seines Gefühls lag nur Egoismus und Eitelkeit, nicht der kleinste Funke eines höheren Ideals; und doch— und doch—
„Roland,“ flüsterte sie angstvoll,„laß mir den so schwer er— kämpften Frieden.“
Er drückte seine Lippen zum ersten Mal auf ihren Mund.
„Du bleibst bei mir! Ich will es!“
Eine lange— lange Pause.— Dann kam ihre Antwort, leise, aber verständlich. „Wohlan! Ich bleibe!“
Er achtete nicht auf den beklommenen Seufzer, der ihre Brust hob, als das Bild des Friedens, das sie sich in ihrem alten kleinen Zimmer schaffen gewollt, in das Nichts zurücksank. Sie wußte nur zu gut, daß sie auf's Neue zu Kampf und Schmerzen zurückkehrte, daß das, was heute über die Seele ihres Gatten stürmte, morgen schon sterben, und nichts als Staub hinterlassen würde, aber die Liebe in ihrem Herzen war mächtiger als dies Bewußtsein. Auf's Neue war sie bereit, das Kreuz auf ihre schwachen Schultern zu nehmen und weiterzuschleppen, bis eine höhere Hand es ihr abnahm.
Der Rechte. Von M. Josephy. Gortsetzung)
Am anderen Morgen herrschte schon frühzeitig großes Geschrei und große Regsamkeit im Gasthaus zum weißen Roß, denn es war ein wichtiger Augenblick, als ein alter Hausgenosse, auf den man monatelang viel Pflege und Sorgsamkeit verwendet hatte, nun durch


