Ausgabe 
5.12.1886
 
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war leer, ebenso ihre Hände, dann fühlte sie, wie die Schwere ihrer Kleider sie hinabzog, wie sie allmählich, aber widerstandslos sank. In diesem Augenblick ergriff sie etwas, war es das Kind, ein Tau, Seetang, sie wußte es nicht mehr; konvulsivisch nur krallte sie ihre Hand in dies Etwas. Dann brauste es ihr vor den Ohren, Funken tanzten ringsum, sie sank und sank, ein Gefühl von eigenthümlichem Behagen durchströmte sie, ihre Sinne schwanden.

Mit einem letzten Sommerlächeln überfluthete die Sonne am nächsten Vormittag Roland Hartenstein's prächtige Villa. Er saß, in einem bequemen Sammtjacket, bei geöffneter Balkonthür, hielt die neueste Zeitung in Händen und blinzelte mit halbgeschlossenen Augen über die enggedruckten Spalten. Sein Ohr war thätiger wie die andern Sinne, es lauschte auf Marion's leichten Gang, den er jeden Augenblick zu hören erwartete, aber noch blieb alles still wie zuvor. Der Wind, der durch die geöffneten Fenster seines Ateliers hereindrang, koste mit den zartgefiederten Pampaswedeln und rauschte in den gebleichten exotischen Farren, daß es klang wie spukhaftes Zürnen, die seidnen Draperieen an den Wänden knisterten und blähten sich ein wenig, ein Sperling kam herbeigehüpft und drehte sein kluges Köpfchen nach rechts und links, nur Marion kam nicht.

Roland Hartenstein wurde trotzdem nicht ungeduldig. Er fand es eigentlich natürlich, daß die Schwestern sich erst gegenseitig aus⸗ sprächen, ohne ihn dabei als Zeugen zu haben.

Er hatte gethan, was er thun mußte, dem gebieterischen Zwange nachgegeben, den seine Gefühle an ihn gestellt: sich frei gemacht von sonst heiligen Banden, um dem Genius Gelegenheit zu geben, sich noch herrlicher zu entfalten. Durfte man ihm daraus einen Vorwurf machen? Bei Gott nein! Eine Uebereilung eingestehn und rückgängig machen ziemt großen Geistern eher, wie kleinliches Dulden und sich Fügen um der Welt willen. Er wollte Gottliebe reichlich bedenken, sie sollte ein Leben führen ganz nach ihrem Ge⸗ schmack, das war er ihr schuldig, und wenn man ihn auch vielleicht extravagant nennen würde, undankbar sollte ihn Keiner schelten.

Er hatte in der Nacht häßlich geträumt, als wäre er abermals erblindet und die einzige Hand, die sich nach ihm ausgestreckt, war jene Gottliebe's gewesen. Als er aber ihre Finger umklammern wollte, waren sie kalt wie Eis, und ihre Stimme klang ganz tonlos, als sie, sein Zurückschaudern gewahrend, sagte:Sieh, ich bin ja gestorben, und Du hast mich gemordet, aber meine Liebe ist stärker wie das Grab, ich bin zu Dir zurückgekehrt. Nun, er sah noch, Gott sei Dank, und alles Andere würde sich ebnen und sänftigen, wie er es wünschte.

Er blätterte weiter in der Zeitung, und seine Augen fielen auf eine enggedruckte Notiz, die am Kopf das Wort: Polizeibericht trug.

Gestern gegen Abend sprang eine, anscheinend den bessern Ständen angehörende Frau in den Kanal, um ein Kind zu retten, von dessen Geschick sie Zeuge war. Später herbeigekommene Schiffer fischten die Unglücklichen aus dem Wasser, das Kind war todt, die Frau wurde in die Charité geschafft, auch an ihrem Aufkommen zweifelt man. Ihre Identität festzustellen, gelang bisher nicht. Sie ist sehr einfach gekleidet, ohne irgend welchen Schmuck, nur der Trauring zeigt auf der Innenseite ein R. H. eingravirt. Sie trug

Roland Hartenstein warf die Zeitung bei Seite, was sollte er zu Ende lesen, was ihn nicht anging. Marion kam, augenblicklich hatte das allein für ihn Interesse. Sie sah blaß und verstört aus, wehrte seine ausgebreiteten Arme ab und fragte:Weißt Du es schon, Roland, Gottliebe ist heute Nacht nicht nach Hause gekommen.

Ah!

Und Dein Martin, der Laufbursche, hat sie am Kanal dahin gehn sehen, so blaß und elend, ganz wie eine Todte.

Närrchen, sagte er lächelnd und strich ihr über die Wange, welche Ideen hast Du ausgebrütet! Gottliebe ist keine Natur, die sich erlaubt, eine solche Macht über ihr Dasein zu besitzen. Zu solchen Entschlüssen gehört Muth und Thatkraft, Beides hat sie mie besessen. Eine Frau, die solche Seelenstärke besitzt, um sich selbst zum Sterben zu entschließen, war sie nicht, sie hätte dergleichen als etwas Unwürdiges betrachtet. Viel eher glaube ich, daß sie zu Dr. Armstrong zurückgekehrt ist, obgleich er runzelte die Stirn das sehr taktlos von ihr gewesen wäre.

Fahre hin Roland und frage nach ihr, ich bin unruhig und aufgeregt.

Das will alles reiflich überlegt sein. Uebrigens ist es Unsinn, Marion, Dich mit solchem Schattenbild zu quälen. 3

Mir ist so bange, Roland! Sie drückte die Hände auf die Brust und sah ihn angstvoll an.

Plötzlich griff er nach dem Zeitungsblatt.

Weißt Du, was Gottliebe trug, als sie von hier fortging?

Marie sagte, ihren dunkelblauen Regenmantel und den schwarzen Hut.

Er preßte heftig die Lippeu zusammen und faltete das Blatt, welches dieselben Kleidungsstücke angeführt hatte.

Ich werde mich erkundigen, sei nur ruhig, sagte er eilig.

Eine Stunde später stand Professor Hartenstein an dem schmuck⸗ losen Lager, auf dem seine Gattin mit dem Tode rang. Sie er⸗ kannte ihn nicht, und er fuhr fast zurück, als er in ihre entstellten, vergrämten Züge blickte, die das scharfe Licht hier mitleidslos ent⸗ hüllte, während das Halbdunkel in seiner eleganten Villa solchen Studien weniger günstig gewesen sein würde. Sie murmelte ununter⸗ brochen etwas vor sich hin und griff mit der Hand auf der Decke umher, als suche sie etwas festzuhalten.

Roland hatte von jeher einen Abscheu vor Kranken gehabt. Nur halb hörte er auf die Auseinandersetzungen des Arztes, verlangte aber ungestüm, daß man seine Frau in ihre eignen Räume trans- portire; es erschien ihm seines Namens unwürdig, bei der Sensation, die der Fall ohnehin erregen würde, sie in der Charite zu lassen. Wie immer, setzte er seinen Willen durch, und am Abend desselben Tages wurde die Bewußtlose empfindungslos die Stufen wieder hinaufgetragen, die sie mit soviel Bitterkeit im Herzen, und wie sie glaubte, zum letzten Mal hinabgeschritten war. Eine Diakonissin hielt, neben ihr gehend, die fieberheiße Hand und bettete sie sanft und sorglich in dem prächtigen Zimmer. Gatte und Schwester blieben ihr fern, halb aus Schuldbewußtsein, halb aus Angst vor der Ansteckung; die Aufregung und das kalte Bad hatten ihr den f Typhus zugezogen. 5

Wochen und Wochen schwebte Gottliebe zwischen Tod und Leben. Aber wie recht zum Hohn auf das öde, trostlose Dasein, dem sie entgegen ging und das ihr keinen Sonnenstrahl mehr zu bieten hatte, siegte das Leben in ihr. 2

Die Weihnachtslichter waren herabgebrannt, die ersten schmettern den Posaunentöne des Karnevals begannen ihren lustigen Reigen, 0 als Gottliebe zu genesen anfing. Mit einem tiefen Seufzer kam

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ihr diese Erkenntniß zum Bewußtsein. Ach, sie hätte sich nicht darnach gesehnt! 5

gewesen! Ihr allein? Wohl kaum! Roland war frei, seiner Neigung zu folgen, und Marion wurde gewiß auch mit leichterem Herzen sein Weib. Ueberall, wohin sie blickte, war allein sie überflüssig und unbegehrt; sogar der Tod hatte sie verschmäht. 1

Nun mußte also doch eintreten, was sie gefürchtet, jenes über 125 legte Losreißen von einander mit seinen schmerzhaften, blutenden. Wunden, aber hinter diesen schweren Stunden tauchten andere, ruhigere auf: die Klinik Dr. Armstrongs, die Kranken, denen sie Erleichterung und Ermuthigung zu bringen vermochte. Sie hatte es selbst in der letzten Zeit so recht empfunden, wie wohlthuend eine sanfte Stimme und sorgende Hand zu sein vermögen.

Hinter ihrem halb zugezogenen Betthimmel hörte sie leises Flüstern, dann glitt ein Schatten an der Gardine entlang, eine Gestalt neigte sich über sie, und Jemand rief leise:

Gottliebe! 1

Mit einer schwachen Bewegung wandte sich die Kranke herum.

Du, Marion? Wie lange habe ich Dich nicht gesehn! ö

Der Kopf des schönen Mädchens neigte sich fast ganz auf das Gesicht der Sprechenden und leise, kaum ihr selbst vernehmlich, be⸗

Der Tod wäre ihr ein so willkommener Erlöser

gann sie zu flüstern. Gottliebe schüttelte mehrmals den Kopf, ein schwacher Ausruf entfuhr ihren Lippen, dann blieb sie still, ganz. still liegen und hörte die lange Beichte der Schwester bis zu Ende. So bin ich fest entschlossen zu handeln, sagte Marion endlich N N und strich das Haar von der erhitzten Stirn.Versuche nicht, mich. umzustimmen und sage sage, daß Du mir verzeihen willst.* 0 Und wenn er Dich wirklich liebt? E Er liebt mich nicht, Gottliebe, glaube mir, ich habe gesehen, daß so keine wahre Liebe sein kann, dann habe ich mich auch über mich selbst und meine Gefühle getäuscht. Ach, zwinge mich nicht, U noch mehr zu sagen, es war so wie so eine schreckliche Zeit, die