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mir stets die Liebste!“
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Beilage
zu den
Oberhessischen Unchrichten. 1
Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.
Ur. 49.
Gießen, den 5. Dezember.
1886.
Künstlergewissen. Novelle von H. Schobert. Schluß.)
Als Marion nach einigen Stunden mit halb beklommenem, halb trotzigem Gemüth bei Gottliebe anklopfte, fand sie die Zimmer offen aber leer. Das Stubenmädchen sagte, daß die Frau Professor einiger Besorgungen wegen in die Stadt gegangen sei.
„Siehst Du,“ meinte Hartenstein spöttisch,„das nennt sich eine
pflichttreue, wirthschaftliche Natur! Wahrscheinlich fehlen einige Pfunde
Kaffee in der Wirthschaft und die Frau vom Hause gestattet sich nicht eher irgendwelchen Kummer, bis dergleichen besorgt ist. Tröste Dich, Gottliebe stirbt nicht an dem Wechsel in ihrem Leben.“
Er wollte, was er aussprach, glauben und es gelang ihm beinahe. Auch Marion wußte er zu beruhigen, seiner hinreißenden Dialektik widerstand selten Jemand. Sie war überzeugt, daß sie Roland liebe und daß die Liebe berechtigt sei, Schranken und Gesetze nieder— zureißen, ohne deshalb verdammt zu werden.—
Gottliebe hatte still das Haus verlassen und war in's Freie ge— flüchtet, die Luft, hoffte sie, würde den eisernen Reif um ihre Stirn sprengen, wenigstens mildern. Es war ihr zu Muth wie einer Gestorbenen. Ihr ganzes vergangnes Leben lag klar vor ihren Blicken und sie sah prüfend darauf zurück, aber es zeigte sich ihr nur immer dasselbe. Jeder Gedanke, jeder Pulsschlag, jede Regung ihres Herzens hatte ihm und ihm allein gehört, dennoch war es ihr nicht gelungen, auch nur den kleinsten Theil seiner Seele zu sich herüber zu ziehn, ihm unbewußt nur nothwendig zu werden. Vergebens all ihr Hoffen und Mühn, vergebens die stille Wunschlosigkeit auch, in die sie sich hineingelebt. Jetzt schrie Alles in ihr auf und haderte mit dem Schicksal. Eins stand fest in ihr, Roland Hartenstein und sie waren für immer von einander getrennt! Nicht etwa weil sie sich ihm gegenüber unversöhnlich fühlte— es hatte ja infolge innerer und äußerer Nothwendigkeiten so kommen müssen, wie es kam, denn trotz ihrer blinden Liebe zu ihm hatte sie doch die tiefen Schatten seines Charakters oft schmerzlich empfunden— sondern weil sie ihm die Berechtigung zugestand, eine Last abzuschütteln, die ihm unerträglich und ein Hemmniß dünkte. Sie zürnte nicht einmal der Schwester, die nur demselben Zauber erlegen war, wie sie, aber sie klagte bitter über ihre Machtlosigkeit, etwas zu ändern, was ihr ungerecht schien. Mußte sie immer und überall zum Entsagen verdammt sein? Ueber⸗ all dabei stehen, wo Andere genossen? Und dann schalt sie sich wieder, daß sie vielleicht doch zu viel begehrte; ihre Gedanken suchten das kleine Zimmer in der Armstrongschen Klinik und sie hörte noch einmal die freundliche Stimme des Doktors:„Sie waren Er würde ihr also seine Thüre nicht ver⸗ schließen, wenn sie wiederkam, um fortan bei denen zu bleiben, denen sie nothwendig zu sein verstand. Wunderbar nur, daß sie selbst bei diesen Gedanken kein rechtes Genügen, kein frohes, freudiges Be— wußtsein empfand, doch noch irgendwo etwas zu gelten. Leer und
kalt war es in ihrem Herzen geworden und ein Grauen überfiel sie vor der Zukunft.
Unbewußt faltete sie die Hände und setzte sich auf eine Bank an der Böschung des Kanals, der die Stadt durchschnitt und dessen dunkles Wasser unbeweglich und undurchsichtig wie Lava vor ihr lag. Magnetisch zog es ihre Blicke an sich. Wer dort drunten sich bettete, für den gab es fortan keine bittre Wahrheit mehr, kein Voraussehen der Zukunft, keine Schmerzen und Kümmerniß. Wenn diese dunklen Wasser sich über sie schlössen, deren Leben so werthlos, die nicht einmal etwas auf dieser Erde mehr zu lieben fand, wen würde es kümmern!
Auf einem Floß dicht zu ihren Füßen spielten zwei Knaben, ein,
größerer und ein kleinerer. Sie hatten Papierschiffchen, ließen sie schwimmen und jubelten auf, wenn es gelang, sie recht weit hinaus zu stoßen. Ihre hellen Jubelschreie brachten Gottliebe wieder ein wenig zu sich, schürten aber auch das brennende Weh ihrer Brust noch heftiger. Wenn ein solch junges Leben ihr gehörte, sich zärtlich und vertrauend an ihre Knie schmiegen würde, sie lieben und sich von ihr lieben lassen! Wäs hätte es wohl geben können, das sie nicht klaglos ertragen? Ihr umflorter Blick heftete sich auf die Kinder zu ihren Füßen und ein Gefühl des Neides auf die unbekannte Mutter derselben überfiel sie.
Der Kleinere war ein waghalsiges Bürschchen. Platt auf dem Bauch liegend, so daß sich der helle Krauskopf dicht von dem dunklen Wasser abhob, schleuderte es sein Schiffchen weit hinaus. Gottliebe erhob sich erschrocken, sie wollte rufen, warnen. Das Wort erstarb in einem unartikulirten Schrei. Die kleine Gestalt war vornüber geschossen, die dunklen Wasser spritzten auf und zogen mächtige, weit ausgreifende Kreise. Der Andere auf dem Floß erhob ein Zeter⸗ geschrei, angstvoll duckte er sich nieder auf die leise zitternden Bretter. Noch einmal tauchte der blonde Kopf auf, die Ringellocken gelöst durch die Nässe, das Gesichtchen so blaß, er schien den Mund zu öffnen, wie ein klagender Ton hallte es weit über das Wasser, ver⸗ zweiflungsvoll griffen die Arme noch einmal empor, dann verschwand der kleine Körper wieder.
In demselben Augenblick sprang Gottliebe die Böschung hinab. Sie konnte nicht schwimmen, ob sie also Hülfe brachte, war zweifel haft, viel eher gewiß, daß sie den Tod des Knaben theilte; aber daran dachte sie nicht. Es war ihr gewesen, als hätten die blauen Kinderaugen einen so verzweiflungsvoll flehenden Blick auf sie ge— heftet, daß er sie ohne weiteres Ueberlegen nach sich gezogen. Noch einmal spritzte das Wasser auf. Entsetzt verstummte das Geschrei des einzigen Zurückgebliebenen, mit starren Augen blickte er nur zitternd auf die unheimliche Tiefe, die nun zwei Menschen barg.
Auch Gottliebe kam noch einmal empor, die Wasserfläche ringsum
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