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zwischen Ihnen vorgegangen war, das sahen denn doch auch meine alten blöden Augen. So bin ich denn nun gezwungen, Ihnen die Aufklärung zu geben, die—“ sie zuckte die Achseln—„Sie wahr⸗ scheinlich nun doch veranlassen wird, mein armes Kind im Stiche zu lassen.“
„Sie unterschätzen meine Liebe, gnädige Frau,“ rief Heddenheim, „was es auch sei, das Sie mir mitzutheilen haben, 1%
„Oho, mein junger Herr, nicht so stürmisch, das Wort könnte Sie gereuen,“ unterbrach ihn Frau von Hartwitz,„wenn wir alten Leute auch für die Anzeichen der Liebe nicht mehr so scharfsichtig sind, über ihre Kraft und Opferfähigkeit hat uns die Erfahrung besser belehrt als Euch. Hören Sie mich erst an, und dann sprechen Sie das letzte Wort.
„Martina ist nicht mit mir verwandt, sie ist mein Pflegekind. Ich hatte schnell nach einander meine Tochter, das einzige Kind, das mir von vieren geblieben und herangewachsen war und meinen Schwiegersohn verloren, und hatte meine kleine Enkeltochter zu mir genommen. Ein Mann kann es nicht verstehen, wie ich das Kind liebte, das Letzte was mir geblieben war. Es war sehr zart und schwächlich und nach einer Krankheit trat das Lungenleiden, das die Kleine als Erbschaft von der Mutter überkommen hatte, so bedenklich hervor, daß ich mit ihr nach dem Süden, und zwar nach Cannes ging. Es war ein erfolgloser Versuch, denn nach einigen Monaten starb sie trotzdem.
„Ich hatte meine Häuslichkeit in B. abgegeben; Cannes war schön und ich mochte mich nicht so schnell von dort und dem Grabe meiner Kleinen trennen, so blieb ich vorläufig dort. Mit mir in demselben Hause lebte ein Ehepaar mit einem einzigen Kinde. Ich hatte mich um die Leute nicht viel gekümmert, obgleich sie versucht hatten, sich mir zu nähern. Doch entdeckte ich schnell, daß die äußere Bildung nur wie eine dünne Tünche die innere Rohheit deckte, es gab viel Zank und Streit, bei manchen argen Scenen schien es sogar zu Thätlichkeiten zu kommen. Das ganze Verhältniß war ein unklares, und des Mannes laute, sich öfter wiederholende Drohungen, die durch Fenster und Thüren zu mir drangen, daß er die Frau fortschicken, oder ohne sie davongehen würde, ließen mich, ihrer ganzen Form nach, daran zweifeln, daß man es überhaupt mit einem Ehe— paare zu thun habe. Zwischen diesen rohen Ausbrüchen kamen dann wieder Tage besten Einvernehmens, in denen sie zusammen ausgingen, und der Mann in seine schöne Blanche ganz verliebt schien.“
„Blanche?“ wiederholte Heddenheim unwillkürlich.
„Ja, die Leute waren Franzosen,“ fuhr Frau von Hartwitz fort.„Mir war diese Nachbarschaft so unangenehm, daß ich mehr— fach daran dachte, die Wohnung zu verlassen, doch war dort eben Alles besetzt, keine Auswahl vorhanden und die Lage des Hauses für meine kleine Kranke günstig. So blieb ich, vermied nur jeden Verkehr mit den Leuten, außer daß ich das etwa dreijährige Kind, um das sich die Eltern nicht viel kümmerten, öfter bei mir hatte, zumal meine Enkelin die Kleine gern hatte, und sie so gewisser⸗ maßen als lebendige Puppe behandelte. Nach meines Kindes Tode kümmerte ich mich um die Leute garnicht mehr, achtete auch kaum darauf, daß der laute Unfriede zuzunehmen schien.
„Da, eines Tages, ich hatte mehrere Stunden auf dem Kirch— hofe am Grabe meiner Kleinen gesessen, kam mir, als ich zurück⸗ kehrte, schon an der Gartenpforte meines Häuschens die Wirthin, die ein kleines Zimmer unter dem Dach bewohnte, heulend und jammernd entgegen. Ich konnte mich aus ihrem französischen Rede— strom zuerst nicht vernehmen, begriff dann aber zuletzt doch, daß Herr Renard von seiner Frau ermordet sei.“
Heddenheim sprang auf.„Renard sagen Sie?“
„Nun ja, was erschreckt Sie so?“ erwiderte Frau von Hartwitz.
Heddenheim setzte sich wieder nieder und fuhr mit der Hand über die Stirn.„Vergeben Sie— der Name— er war mir bekannt— ich möchte zu Ende hören.“
„Ich will Sie nicht mit den Details ermüden und kurz sein. Die Wirthin hatte lautes Geschrei gehört, doch da sie an dergleichen gewöhnt war, nicht weiter darauf geachtet; erst als ein Schuß gefallen, war sie herunter und in das offene Zimmer gestürzt; dort hatte sie Herrn Renard noch mit der Pistole in der Hand, im Blute schwimmend, mit einer tiefen Wunde am Halse gefunden, das blutige Messer in der Hand der Frau, ihre Verstörung und die Thatsache des vorhergegangenen ehelichen Unfriedens, ließ die Thäter—
schaft kaum zweifelhaft, obschon sie behauptete, das Messer dem Mörder entrissen zu haben, der durch das Fenster entkommen sei. Für die Wahrheit dieser Aussage sprach allerdings das geöffnete Fenster, doch da auch der Gemordete unmittelbar neben demselben lag, schien es möglich, daß er es, Hilfe rufend, aufgerissen hatte und da sich keine Spur eines Entflohenen fand, so hielt auch das Gericht die Schuld der Frau für wahrscheinlich und nahm sie natürlich sosort in Untersuchungshaft.
„Ich habe Ihnen da nur in kurzen Umrissen die ganze auf⸗ regende und abscheuliche Geschichte erzählt, die mir damals so wider⸗ wärtig war, daß ich im ersten Augenblick nahe daran war, Cannes sofort zu verlassen. Doch da ich nirgends eine eingerichtete Häuslich— keit hatte, mir eine solche erst irgendwo wieder schaffen mußte, forderte das eine ernste Ueberlegung und eine Energie, die mir augenblicklich noch fehlte. So blieb ich, und es fügte sich wie von selbst, daß ich mich des armen verlassenen Kindes annahm. Die Wirthin hatte die Sorge für dasselbe übernommen, doch war es ihr eine Last, sie betrachtete es wie ein Verbrecherkind und behandelte es schlecht. Da war es natürlich, daß ich das unschuldige Geschöpf vor Rohheit schützte und es in meine Obhut nahm. Die Mutter hatte das Kind, als die That geschah, mit andern Kindern zum Spielen fortgeschickt. Da dergleichen sonst kaum vorgekommen, war es belastend für sie, insofern aber ein Glück, als ihm nun das ganze schauderhafte Ereigniß verborgen bleiben konnte. Ich sorgte dafür, daß nichts von alle dem Abscheulichen das reine Gemüth des armen Geschöpfs vergiftete, sie war noch zu klein, um viel zu fragen und zu kombiniren, und da die Eltern, wie gesagt, sich wenig um sie gekümmert, sie jedenfalls nicht durch Liebe verwöhnt hatten, so vermißte sie sie kaum und ließ sich schnell durch die Mittheilung, daß der Vater gestorben und die Mutter verreist sei, beruhigen. Ich hatte natürlich zunächst nicht über die Gegenwart hinaus ge⸗ dacht; doch schon nach wenigen Tagen, in der Nacht vor dem ersten Verhör, war Frau Renard aus dem Gefängniß entsprungen. Sie hatte damit ziemlich unzweifelhaft ein Bekenntniß ihrer Schuld ab⸗ gelegt, da es, wenn sie das Verbrechen nicht begangen, doch in ihrem Interesse gelegen hätte, durch die Untersuchung sich von dem Verdacht zu reinigen; jedenfalls aber hatte sie sich der Strafe ent⸗ zogen, denn es gelang nicht, ihrer wieder habhaft zu werden.
„Das Kind hatte sich schnell an mich angeschlossen und es schien mir, als hätte das Schicksal mir einen Ersatz zugedacht und mir wieder einen Lebenszweck gegeben. Ich erklärte, die Kleine bei mir behalten zu wollen, und da Niemand Ansprüche an das verlassene Kind erhob, traten mir auch keinerlei Schwierigkeiten entgegen.
„Ich reiste nun natürlich sofort von Cannes ab, um die Kleine in eine andere Atmosphäre zu bringen und entschloß mich, Orns⸗ hagen, das Gut meines Schwiegersohnes, das bisher noch nicht ver⸗ kauft, sondern einem Verwalter übergeben war, selbst zu übernehmen. Unter dem Namen Weiß, den ich aus dem Namen ihrer Mutter, Blanche, bildete, habe ich Martina erzogen, sie glaubt ihre Eltern damals beide gestorben und die Erinnerung an ihre drei ersten Lebens⸗ jahre und jene Katastrophe, ist in der völlig neuen Umgebung, in der Niemand etwas von den dortigen Ereignissen und Verhältnissen wußte, schnell in ihr erloschen. Daß Martina meine Erbin wird, ist selbstverständlich; ich hätte sie, die mir dem Herzen nach, eine Tochter ist, gern längst auch dem Namen nach dazu gemacht, doch war das der Sachlage nach nicht gut ausführbar, jene unselige Ge⸗ schichte hätte dann zur Sprache kommen müssen und immerhin ist die Möglichkeit, ja die Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß ihre Mutter noch lebt; so blieb am besten Alles wie es eben ist.
„Sie werden nun einsehen, daß ich recht hatte, Martina's Herz vor der Liebe bewahren zu wollen; ich dürfte den Mann, der um sie wirbt, die Geschichte der Vergangenheit nicht vorenthalten, die ich am liebsten auch für mein armes Kind auf immer begraben hätte, und sah doch klar voraus, daß Keiner die Tochter einer Mörderin heirathen und sich der Gefahr aussetzen wird, diese achtbare Schwieger⸗ mutter einmal auferstehen zu sehen, denn Unkraut vergeht nicht, so lebt also das Geschöpf wahrscheinlich in irgend einem Erdenwinkel, zumal sie nach meiner Taxirung noch kaum ihr funfzigstes Jahr erreicht haben mag und jeder Tag kann sie— was Gott verhüten mag— als Ruhe- und Glücksstörer auftauchen lassen.“ i
Eine momentane Pause trat ein, in welcher Frau von Hartwitz, N mit einem beinahe höhnischen Blick, die verstörten Züge Heddenheiris
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