Ausgabe 
4.7.1886
 
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214.

II.

Trotz der Behauptungen ihrer Kammerzofe war Frau Klara nicht im Geringsten eitel und hatte diesen Fehler auch niemals ge⸗ habt; und doch war ihre Schönheit die Bewunderung Aller gewesen. Als Kind erschien sie wie ein kleiner Amor mit ihren zwei schönen, dunklen, großen Augen und ihren kastanienbraunen Löckchen, die ihr über die Stirn hereinfielen; als junges Mädchen ähnelte sie einer eben erschlossenen Rose, als Frau war sie eine Göttin. Sie hatte ihre Schönheit mit der größten Gleichgültigkeit getragen, von Kind auf war sie daran gewöhnt, von sich sagen zu hören, sie sei schön; man hatte es ihr in allen Tonarten gesungen, sodaß es ihr als das Natürlichste in der ganzen Welt erschien, und für sie keine Bedeutung mehr hatte. Sie wußte, daß das Kleid ihrer Schönheit nichts geben und nichts nehmen konnte, deshalb kleidete sie sich mit der größten Einfachheit und widmete niemals lange Stunden dem Spiegel. In ihrem jungfräulichen Alter hatte sie eine Welt von Anbetern, aber sie erwärmte sich für Keinen und heirathete endlich den, der am meisten nach dem Geschmack ihrer Familie war: den Advokaten Orlandi. Sie ließ sich von ihrem Gatten lieben, wie sie sich von ihren Eltern hatte liebkosen und von ihren Freunden loben lassen, aber ohne Erregung, ohne Leidenschaft von ihrer Seite, sie war gut, folgsam, zärtlich, aber nichts mehr. Es schien, daß ihr statt des Blutes Eiswasser durch die Adern rann, aber in ihrem Herzen gab es ein verborgenes Feuer, wie zwischen den Eingeweiden eines Vulkans und wartete nur auf eine günstige Gelegenheit, um mächtiger als je hervorzubrechen. Und die Gelegenheit fand sich bei der Geburt eines Sohnes. Er war wie die Lunte, welche die Mine springen läßt; Frau Klara erschien verwandelt und begann ihren Mario mit einer heißen, überschwänglichen, erhabenen Liebe zu umfassen. Zuerst wurde sie selbst zum Kinde, um mit ihrem Sohne zu spielen, sie erfand tausend Spiele, um ihn zu unterhalten, sie redete in einer halb kindischen Sprache, damit er sie nur verstand, lief, sprang auf und war ganz wieder wie ein Kind.

Sie hatte sich ein Ideal der Art, wie sie ihren Sohn erziehen wollte, gebildet, sie wollte seine Freundin, seine Genossin, Alles für ihn sein.

Zu ihrer Zeit lag die Frauenerziehung noch etwas im Argen; sie hatte deshalb alles Nöthige gelernt, um einen Brief ohne zuviel grammatische und orthographische Fehler schreiben zu können, sie wußte von Geschichte soviel, als sie aus den Kompendien des Herrn Lamé Fleury hatte lernen können, und schwatzte einige Brocken fran zösisch; aber als ihr Mario nun größer wurde, begann sie wieder Grammatik, Geschichte, Literatur zu lernen, nahm Unterricht in den fremden Sprachen, kurz: wurde ein kleiner Schüler, und Alles das aus Liebe für den Sohn, um ihm bei seinen Aufgaben helfen zu

können, um ihm etwas beizubringen, und endlich um nicht in seiner

Gegenwart erröthen zu müssen und von ihm auch geachtet zu werden.

Bis zu einem gewissen Punkte gelang ihr das zum Verwundern, aber als Mario anfing, die höheren Schulen zu besuchen, da sein Vater wollte, daß er sich der Mathematik widme, und sagte, daß dies die Wissenschaft des Fortschritts sei, stieß Frau Klara auf be deutsame Klippen. So viele Anstrengungen sie auch machte, so ge duldig sie auch den Unterrichtsstunden ihres Sohnes beiwohnte, es war keine Möglichkeit für sie vorhanden, um sich mitten in diesem Labyrinth von Zeichen und Ziffern zurechtzufinden, so daß sie immer die Mathematik als die schwierigste Wissenschaft betrachtete; und wenn es ihr nicht gelang, irgend etwas gut zu verstehen, so pflegte sie allezeit zu sagen: das ist gerade wie die Mathematik, davon kann man auch keinen Buchstaben begreifen!

Mario war noch nicht fünfzehn Jahre alt, als sein Vater starb und man kann sagen, daß Frau Klara seit jenem Tage dem Sohn auch noch jenes Etwas von Neigung widmete, das sie für ihren Gatten gehegt hatte, und daß nunmehr eine Ueberschwänglichkeit daraus wurde.

Von jetzt an lebte sie nur noch für den Sohn, sah nur noch durch seine Augen, und ihr Herz schlug nur noch für ihn. Das Wunderbarste war, daß sie ihn mit all' dieser außerordentlichen Liebe keineswegs verdarb. Sie wollte vor allem Andern nur sein Bestes, sie machte sogar übermenschliche Anstrengungen, um ihn nicht in Allem und durch Alles zu befriedigen, manches Mal weinte sie darüber, ihm irgend etwas abschlagen zu müssen, sie fühlte, daß ihr das Herz brach bei den Thränen ihres Sohnes, aber sie blieb hart.

So wuchs Mario heran, gut, fleißig, gehorsam und ganz Liebe für die Mutter. ö N

In dem Zeitraum unserer Erzählung war er bereits Ingenieur und er war ein schöner junger Mann mit großem Bart. Frau Klara dagegen, obgleich sie sich immer noch als schöne Frau kon⸗ servirte, begann an Frische des Aussehens zu verlieren und gewahrte bereits einige Silberhaare an den Schläfen hervorschimmern, und einige kleine Runzeln sich auf ihre Stirn zeichnen. Es kümmerte sie wenig, daß die Jahre vergingen und mit ihnen ihre Schönheit, sie bedauerte es nur um deshalb, weil sie fürchtete, daß, wenn die Entfernung zwischen ihr und ihrem Sohn zu groß erschiene, dieser sie auch nicht mehr als seine Freundin und Genossin betrachten würde und die Hochachtung und Verehrung für ihre weißen Haare der Zärtlichkeit und dem Vertrauen Eintrag thun werde. Und wären nun zum Wenigsten ihre Haare alle auf ein Mal weiß geworden, die Empfindung, die ein weißer Kopf einflößt, hat immer etwas Erhebendes; aber bevor man dorthin gelangte, mußte man durch alle die antipathischen Färbungen von eisengrau, bleigrau und silber⸗ grau passiren, und das war's gerade, was Frau Klara zu denken gab, die sich vor ihrer Seele alle die Megären mit grauen Haaren heraufbeschwor und fürchtete, ihrem Sohn nicht mehr zu gefallen. Das war's, weshalb sie, kaum daß sie die Silberfäden gewahrte, anfing, etpas mehr auf ihre Haartracht zu geben, um sie nicht sehen zu lassen; sie wollte kein Haarfärbemittel anwenden, da sie wußte, daß dieselben häufig für die Gesundheit schädlich seien, und wenn sie ein graues Haar hervorschimmern sah, begnügte sie sich damit, über dasselbe einen Schatten von schwarzem Rauch und etwas Oel hinstreichen zu lassen; auch auf ihren Anzug verwandte sie größere Sorgfalt, seitdem sie sich mit ihrer Jugend und Schönheit nicht mehr so hervorthun konnte; ihre Zofe sagte, daß sie jeden Tag eitler werde, aber statt dessen bewirkte es nur die Liebe zu ihrem Sohne, daß sie sich in etwas übertriebener Weise mit ihrem Anzug beschäftigte. Sie wollte um jeden Preis, daß ihr Mario stolz auf sie sei, wie sie es auf ihn war, sie hatte die sichere Ueberzeugung, daß junge Leute nur die jugendlichen Gesichter, die eleganten Kleider und die lächelnden Mienen lieben; das war's, weshalb sie sich elegant, jung und lächelnd zu erhalten suchte, und mit etwas Sorgfalt gelang ihr das auch in solchem Maße, daß ihr Sohn zu sagen pflegte, die seinige sei die schönste und liebste Mama auf der ganzen Welt.

(Fortsetzung folgt.)

Kleine Irauen-Zeitung.

Die Mode.

Niemals hat die Mode sich vielseitiger gezeigt, als in diesem Sommer! Das ist ein Ausspruch, den man mit mehr oder weniger Varianten fast in jeder Saison wiederholt. Und doch hat er stets seine Berechtigung. Denn die Auswahl in sämmtlichen Gegenständen der Toilette übersteigt regel mäßig die der vorhergehenden Jahreszeit an Reichthum.

Durch diese Verschiedenartigkeit von Stoffen und Formen, welche also die moderne Kleidung mit sich bringt, ist die Mode Gemeingut aller Frauen geworden, und jede Dame kann ohne große Kosten Dasjenige für 5 aus⸗ wählen, was ihr am besten gefällt, ihr am besten steht, zumal die Moden des vergangenen Jahres mit wenig Ausnahmen diejenigen von heute sind. Denn die Veränderungen machen sich mehr in den Garnituren, überhaupt in den kleineren Details fühl- und sichtbar, aber keineswegs in dem En semble der Toilette.

Wenn wir die Moden, welche für diesen Sommer festgesetzt, überblicken, werden wir jenen Eingang gerechtfertigt finden. Sie sind einfach bescheiden, einfach elegant, luxuriös, excentrisch, ganz nach Belieben. ir sehen Dra⸗ perien und Stickereien auf mehr faltenlosen Röcken, Draperien und abermals Draperien in Form eines oberen Rockes oder eines langen, vaguen Tunika⸗Arrangements auf flatternden Röcken mit breitem Saum oder auf lang und breit gefalteten Röcken, kurz geschürzte und bauschige Tunikas, lange Polonaisen und lange russische Blousen, knappanliegende Staatsroben, Renaissance, mit Perlen- und erhabenen Seiden⸗Stickereien bedeckt, Kleider Directoire mit breitem Gürtel, Schnebbentaillen, geöffnet über einem bauschigen, gefältelten oder glatten Plastron aus abstechendem Stoff, bauschige und gefältelte Chemisetts aus weichem Surah, Foulard oder Batist mit Gürtel und darüber ein offnes Jäckchen, ziemlich lang und zu rückweichend oder verkürzt und gerade bis zum Gürtel gehend und eckig, drapirte und kraus gezogene Schnebbenleibchen, Blousen, hin und wieder auch Amazonen- und richtige Jaquettleibchen, und zu Abendfestlichkeiten in den Casinos oder zu Gesellschaften: herzförmig geöffnete Schnebbenleibchen mit Draperie-Fichü aus Spitzen, Seidentüll, Krepp oder Gaze, und hohe Leibchen mit sehr eleganten bauschigen Plastrons nebst Stehkragen aus

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