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heute fassen könne. Herr Renard sprach von Diesem und Jenem und sagte plötzlich:„Eines aber dürfen wir nicht versäumen, wir müssen heute Abend in den Zirkus des Mr. White, um dort Blanche, die Löwenbändigerin, zu sehen.“
„Sie scherzen, Monsieur,“ lächelte Heddenheim,„das ist ein Schauspiel für das Volk.“
„Nein, nein, ich scherze nicht,“ beharrte Herr Renard,„es handelt sich ja nicht um das Schauspiel an sich, sondern nur um Blanche; sie ist ein Engel an Schönheit und von hinreißender Kühn— heit, ich kenne sie von Paris her und freue mich, Sie nun auch meinestheils auf eine Sehenswürdigkeit aufmerksam machen zu können.“
So gingen sie in den Zirkus. Sie kamen eben rechtzeitig zu dem Schauspiel, das sie hergeführt. Kaum hatten sie ihre Plätze eingenommen, als auch schon Blanche mit ruhigem Schritt herein— kam. Mr. White öffnete den Käfig des Löwen und sie trat in den— selben ein. Es wiederholten sich nun die bei solchen Gelegenheiten üblichen Vorführungen, welche auf den Geschmack der Menschen an dem Grausigen berechnet sind, und der Löwe gehorchte wie ein Lamm dem Blick des Mädchens und dem Wink ihrer Hand. Herr Renard hatte nicht zu viel gesagt; sie war berückend schön, der Gluthblick der großen Augen, die leicht gebogene Nase, die weichen vollen Lippen, zwischen denen, wie sie sich unwillkürlich zu öffnen schienen, die weißen Zähne hindurchschi. merten, das nachtschwarze Haar, das sich in sanfter Wellenlinie an die weiße Stirn legte und dann im Nacken zu einem griechischen Knoten aufgebunden war, die im herr— lichsten Ebenmaaß gebildete Gestalt und die üppigen Formen, welche das enganschließende Sammetmieder mehr hervorhob als verhüllte, alles vereinigte sich zu einem Bilde von unvergleichliche Schönheit.
Heddenheim fühlte sich wie gebannt; was ihm noch nie geschehen, begegnete ihm heute; er war berauscht, hingerissen von weiblicher Schoͤnheit. Er konnte den Blick nicht abwenden, und eine namen⸗ lose Angst erfaßte ihn bei dem Gedanken, daß dieses herrliche Weib eine Beute des Löwen werden könne, er sah diesen weißen Arm, diesen blendenden Hals, diesen schönen Busen von Blut überströmt, er schloß einen Moment die Augen; als er sie dann, tief aufathmend, wieder öffnete, wies sie den Löwen mit einer Handbewegung von sich, er zog sich in die hintere Ecke des Käfigs zurück, Mr. White öffnete die Thür desselben und sie trat heraus. Eine Beifallssalve überschüttete das junge Mädchen, sie dankte lächelnd und schritt mit derselben königlichen Grazie, mit der sie gekommen, hinaus.
„Nicht wahr, diese Blanche ist ein Götterweib,“ fragte Herr Renard Heddenheim.
„Ja, sie ist schön,“ entgegnete dieser kühl, in einem ihm selbst unverständlichen Verlangen, es seinem Nachbar zu verbergen, welchen Eindruck sie auf ihn gemacht.
„Ganz Paris sprach von ihr,“ fuhr Herr Renard fort,„und die Männer lagen zu ihren Füßen.“
„Ah!“ entschlüpfte es unwillkürlich den Lippen Heddenheims.
„Wundert Sie das?“ lachte Herr Renard;„o, wir Pariser sind sehr empfänglich für Schönheit, und diese— Künstlerinnen sind nicht prüde. Wollen wir gehen? Was weiter folgt, ist ja nur der Rahmen für das schöne Bild Blanche!“
Heddenheim erhob sich stumm.
„Sie sehen blaß aus,“ fuhr Herr Renard fort.
„Es war ein aufregendes Schauspiel,“ sagte Heddenheim.
„O, sehen Sie es erst ein Dutzend Mal wie ich,“ erwiderte der Andere,„und es läßt Sie kühl.“
Als sie in die Vorhalle des Zirkus traten, stand an einen Pfeiler gelehnt, neben Mr. Pierre, dessen Kunststücke am Trapez die Vor⸗ stellung beenden sollten, Blanche. Heddenheim meinte, sie sähe bleich und erschöpft aus und scheine auf die Worte des eifrig sprechenden Gefährten nicht zu achten. Als sie bei ihr vorüber⸗ gingen, sagte Herr Renard:„Sie sind noch reizender geworden, seit ich Sie zuletzt in Paris sah, schöne Blanche, ein Blick Ihrer schönen Augen und ich liege zu Ihren Füßen, wie die Bestie dort im Käfig.“
Blanche hob, ohne zu antworten, mit einer verächtlichen Be⸗ wegung die Schultern.
„Sie wollen mir diesen Blick nicht gönnen, Schönste,“ fuhr Renard fort,„so reichen Sie mir wenigstens die Hand, zum Zeichen, daß Sie das unvergleichliche Paris nicht vergessen haben.“
Heddenheim dünkte die Scene unerträglich, er hätte fort mögen und vermochte doch das Auge nicht von der schönen Gestalt loszu— reißen. Sie hob langsam die Hand, Renard ergriff sie und drückte
einen raschen Kuß auf den weißen Arm. Hatte sie Heddenheims heißen Blick oder sein momentanes Zusammenzucken bemerkt, genug, ihr Auge hing unterdeß unverwandt an dem seinen.
„Wie stolz sie zu thun versteht, wahrhaft königlich,“ warf Re— nard im Weitergehen hin, ohne zu bemerken, daß Heddenheim sich noch einmal umwandte. Auch Blanche's Auge war ihm gefolgt, und noch einen Moment ruhten ihre Blicke voll in einander.
Heddenheim empfand eine lebhafte Befriedigung darüber, daß Renard schon morgen London verließ und während der Abendstunden, die er noch mit ihm zusammen war, sah er fortgesetzt das Bild des schönen Weibes, den Gluthblick des dunkeln Auges, dem er be— gegnet war, vor sich. Am nächsten Morgen lächelte er über seine gestrige Erregung— er wollte Blanche nicht wiedersehen; dessen ungeachtet befand er sich am Abend im Zirkus.
Dieselbe peinvolle Aufregung ergriff ihn während der Scene im Löwenkäfig und doch hätte ihre kalte Sicherheit ihn beruhigen können. Als sie unter dem stürmischen Beifall des Publikums den Raum verlassen hatte, folgte ihr Heddenheim wie gestern und wie gestern stand sie draußen an den Pfeiler gelehnt und— er täuschte sich nicht — grüßte ihn mit einem Lächeln. Er glaubte nie etwas Reizenderes gesehen zu haben als das Lächeln dieser schwellenden Lippen! Heute redete er sie an und ihm antwortete sie freundlich, mit einem un⸗ aussprechlichen Blick dieser nachtschwarzen Augen und als sie ihm zum Abschied die Hand reichte, lächelte sie wieder so schalkhaft, als wolle sie fragen: weißt Du nicht, was der Andere gestern that? Und als dann wirklich seine Lippen den schönen Arm berührten, fühlte er einen Druck ihrer Hand.
Morgen kam er wieder, und dann übermorgen und am vierten und fünften Tage. Blanche's Augen suchten und grüßten ihn bereits bei ihrem Eintritt und jeden Tag fühlte er sich mehr in den Banden ihrer Schönheit!
Eine Woche war so vergangen; er hatte sich bereits an das grausame Schauspiel gewöhnt und dachte, wenn er Blanche im Löwenkäfig sah, nur noch an ihre Schönheit und an die Augen— blicke nach der Vorstellung im Vorraum des Zirkus, denn noch hatte er sie nur da gesprochen. Da geschah das, was er in den ersten Tagen mit Schauder gefürchtet hatte, der Löwe gehorchte ihrem Blick nicht, vielleicht daß sie ihn einen Moment von ihm abgewandt, vielleicht auch nur in Gedanken nicht fest auf ihre Aufgabe ge— richtet, genug er stürzte auf sie zu und seine gewaltige Tatze lag auf ihrer entblößten Schulter. Mr. White, der niemals den Platz neben dem Käfig verließ, stürzte hinein, die Peitsche sauste über dem Haupt des Thieres, ein gewaltiges Brüllen, noch ein Peitschen⸗ schlag, das Thier duckte sich vor seinem Meister, er schleppte Blanche heraus, die ohnmächtig in seinen Armen lag, während das Blut langsam von der weißen Schulter herabsickerte. Alles hatte nur einen Moment gewährt, doch lange genug, um Heddenheim in wahn— sinniger Angst und leidenschaftlichem Schmerz erbeben zu lassen. Er hatte sich durch die aufgeregte Menge Bahn gemacht und noch bevor man Blanche auf ein improvisirtes Lager in der kleinen Garderobe gebettet hatte, stand er bleich und erregt neben ihr.
„Sie lebt?“ fragte er stotternd M. White.
„O, die Verletzung ist eine ganz unbedeutende“, versicherte dieser,„vielleicht mehr durch meine Peitsche, die sie mittreffen mußte, als durch den Löwen hervorgebracht, eine kleine Wunde, etwas Anschwellung, weiter nichts.“
„Ist nach einem Arzt geschickt?“ fragte er weiter.
M. White bejahte.
Noch ehe derselbe kam, schlug Blanche die Augen auf und ihr Blick fiel auf Heddenheim.„Ach Sie!“ flüsterte sie und streckte ihm die Hand entgegen. 5
Er ergriff sie und bedeckte sie mit seinen Küssen, ohne der sie Umgebenden zu achten.„Gottlob daß Sie leben, Blanche!“
Sie lächelte. Der Haarknoten in ihrem Nacken hatte sich ge— löst und als sie den Kopf bewegte, rieselte die schwarze Haarwelle über Schulter und Brust herab. Er strich leise über dies seiden— weiche Gelock und drückte es dann an seine Lippen.
Der Arzt kam und erklärte, daß die Wunde ungefährlich sei, aber doch einen Verband bedürfe. Heddenheim bat Mr. White, da— für zu sorgen, daß Alles zu Blanche's Pflege und Bequemlichkeit ge— schähe, die Kosten werde er tragen.
Er hatte die Nacht kaum geschlafen, war immer wieder aus wilden und blutigen Träumen aufgefahren; am Morgen ging er zu
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