Ausgabe 
4.7.1886
 
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. 210.

er als Knabe von demselben Fenster das bunte Treiben beobachtet und jetzt ist er ein alter Mann. Warum hat er es vergessen, warum sich Rechte der Jugend anmaßen wollen.

Ein Klopfen weckte ihn aus seinem Sinnen.

Herein.

Er wandte sich um, Herr Kühlwetter trat über die Schwelle. Die Mittagsstunde sei gekommen, er habe indeß nicht gewagt, das Komtoir zu schließen, bevor er Herrn Heddenheim gefragt, ob er befehle, daß ihm das gesammte Personal vorgestellt werde.

Ich danke Ihnen, lieber Kühlwetter, erwiderte Herr Hedden heim,lassen Sie mir heute noch Zeit, mich hier im Hause einzu⸗ richten, ich bin auch ermüdet von der Reise, morgen komme ich dann in's Komtoir.

Die freundliche Miene und der Händedruck, welche diese Worte begleiteten, ermuthigten Herrn Kühlwetter. Die Neugier war zu groß, vielleicht ließ sich doch etwas erfahren.

Ja, ja, eine solche Reise ist sehr ermüdend, sagte er,wenn man so in einer Tour eine weite Strecke fährt, die ganze Nacht hindurch, das rüttelt und schüttelt, ich bedaure sehr.

Ich bin es gewöhnt, versetzte Heddenheim,Sie wissen, ich bin weit gereist, zu Wasser und zu Lande, und die Anstrengung ist für mich nicht groß. Ich wünsche nur, mich heute zunächst in meinem alten Hause umzusehen und einzurichten.

Herr Kühlwetter hüstelte leise, dann fragte er:Sie sind ganz allein gekommen?

Natürlich. Es war nur ein Wort, aber der Ton, in dem es gesprochen wurde, richtete plötzlich die Scheidewand zwischen dem Herrn und seinem Untergebenen auf, Haltung und Miene Hedden heim's belehrten Herrn Kühlwetter deutlich, daß er keine weitere Frage wagen dürfe. Er verbeugte sich, und bat um Entschuldigung, daß er gestört habe.

Sie hören morgen Weiteres von mir, lautete die Erwiderung, dann war Kühlwetter entlassen.

Heddenheim blieb einen Augenblick nachdenklich stehen; diese Frage des alten Kühlwetter hatte ihn belehrt, daß doch etwas von Gerüchten über ihn in die Heimath gedrungen war. Sie mußten zum Schweigen gebracht werden, nichts in seinem Wesen durfte verrathen, was er erlebt. Selbstbeherrschung also, um jeden Preis.

Er schellte und befahl dem eintretenden Diener, für ein Früh stück zu sorgen. Im Hause werde wahrscheinlich nichts bereit sein, dann sollte es aus dem nächsten guten Restaurant geholt werden. Ein Beefsteak oder dergleichen, sagte er,nur schnell.

Nachdem er gefrühstückt, ging er durch die Räume des Hauses, ließ Verschiedenes in den Zimmern ordnen und aufstellen, schrieb einige Briefe und trat dann doch am Nachmittag noch in das Komtoir, sprach mit Herrn Kühlwetter und dem ältesten Kommis und ver hieß dann für den nächsten Vormittag seine Wiederkehr zur Durch sicht der Bücher und Uebergabe des Geschäfts. Man sah, es han delte sich um ein dauerndes Bleiben, nicht nur um einen zeitweiligen Besuch in der Heimath.

Am Abend hatte er noch einige Briefe nach London geschrieben, er war so urplötzlich abgereist, daß die Ordnung seiner dortigen An gelegenheiten schriftlich besorgt werden mußte. Die Briefe waren dem Diener zur Beförderung übergeben und nun lehnte er sich in den Stuhl zurück und schloß die Augen. Er hatte in dem Augen blick, als er den Entschluß faßte, London zu verlassen, mit der Ver gangenheit abgerechnet, nun aber, in den alten Räumen, die mit unzähligen Kindheits- und Jugenderinnerungen auf ihn eindrangen, überkam es ihn noch einmal mit Zorn und Schmerz.

II Er hatte früh die Mutter verloren und unter dem Einfluß eines, nur dem Geschäft lebenden Vaters, ohne Geschwister, eine ziemlich freudlose Jugend verlebt. In den Jahren, in denen an dere Knaben noch den Kopf voll fröhlicher Spiele haben, dachte er schon an die Pflichten, die ihm dereinst obliegen würden und war erfüllt von kaufmännischen Interessen, die sein Vater durch Mit

seiner Thätigkeit, die ihn interessirte und vergaß darüber die Freuden und Genüsse der Jugend, die er sich nur nebenher hier und da einmal gönnte. Mit 21 Jahren schickte ihn der Vater auf Reisen. Er ging nach Rußland, Frankreich, England, endlich nach Amerika; so lernte er die Welt kennen, doch sah er zumeist Alles nur mit dem Auge des Kaufmanns, benutzte die Jahre vor Allem, um als solcher neue und erweiterte Anschauungen zu gewinnen.

Sein Vater war entzückt darüber und lobte den Eifer und das Talent seines Sohnes, die auch der Handlung förderlich wurden. So war er denn auch vollständig damit einverstanden, als Gustav schließlich den Wunsch äußerte, sich in London niederzulassen und dort eine mit der Handlung in D. in Verbindung stehende zweite zu gründen. Die Herren Heddenheim, Vater und Sohn, waren keine Gefühlsmenschen und so kam bei diesem Entschluß der Ge danke einer dauernden Trennung und der Vereinsamung des all mälig alternden Mannes nicht in Betracht.

Die Einrichtung erwies sich als durchaus vortheilhaft und die Handelsverbindungen erweiterten sich in der Art, daß die Firma F. R. Heddenheim nicht nur zu den bedeutendsten D.'s zählte, son dern einen weithin geachteten Klang in der ganzen Handelswelt ge wann. Erst nachdem wieder eine Reihe von Jahren verflossen war, fiel es dem älteren Herrn Heddenheim ein, wie eigenthümlich es sei, daß sein Sohn noch nicht geheirathet habe. Er schrieb in diesem Sinne an ihn und machte ihn darauf aufmerksam, daß schon im Juteresse der Aufrechthaltung ihres Hauses und ihrer Firma eine Eheschließung dringend nothwendig sei. Zum ersten Mal stieß er auf eine entgegengesetzte Anschauung bei seinem Sohn.Wenn ich auch bisher mich in meinem unverehelichten Stande durchaus wohl gefühlt habe, schrieb er,so würde ich doch nicht abgeneigt sein, mich, zumal es auch Deinem Wunsche entspricht, zu vermählen, wenn ich ein Mädchen kennen lernte, für das ich Liebe empfinde. Die Ehe ist nach meiner Ansicht, ein zu wichtiger Akt, um eine bloße Convenienzheirath zu schließen und ich würde es für ein Un glück halten, mit einem weiblichen Wesen für das ganze Leben zum innigsten Verein verbunden zu sein, wenn nicht das überwältigende Gefühl, das die Dichter Liebe nennen, mich mit demselben zusammen geführt hätte. Bisher habe ich dasselbe noch nicht kennen gelernt, da ich hier und da einen flüchtigen Sinnenrausch nicht dafür zu nehmen vermochte und so fange ich an, daran zu zweifeln, daß ich desselben überhaupt fähig bin. Der Mangel eines Erben läßt sich ja durch die Adoption eines jungen Menschen ersetzen, deren es ja sogar in unserer Verwandtschaft geeignete geben muß. Sei ver⸗ sichert, daß auch mir die Erhaltung unseres Hauses am Herzen liegt und ich dereinst wenn es nothwendig sein sollte die geeig neten Schritte nicht versäumen werde. Ich habe mich so ausführlich ausgesprochen, weil Dir die Sache wichtig zu sein scheint, und ich also meinte, Dich darüber orientiren zu müssen, daß ich eine Zweck mäßigkeitsehe niemals schließen werde.

So außerordentlich dieser Brief Herrn Heddenheim überraschte, da er seinen klaren, kühlen Sohn niemals idealistischer Anschauungen in diesem einen Punkt für fähig gehalten hätte, so kannte er doch Gustav's energischen Charakter zu gut, um eine weitere Beein flussung zu versuchen, die voraussichtlich nur die entgegengesetzte Wir kung haben würde. Er ermahnte ihn nur, sich weniger ausschließlich seinem Geschäft zu widmen und mehr die Gelegenheiten aufzusuchen, bei denen er die Bekanntschaften junger Damen machen könne. Eine solche reiche, schöne, blondhaarige Miß würde gerade die rechte Frau für Dich sein und eine Schwiegertochter, wie ich sie mir wünsche, schloß er seinen Brief.

Doch sie fand sich nicht; Gustav blieb unvermählt. Freilich befolgte er auch den väterlichen Rath nicht, da er im Ganzen wenig Lust verspürte, sein behagliches Junggesellenleben aufzugeben. Ohne Liebe wollte er nicht heirathen, doch sehnte er sich eben nicht nach den Emotionen dieses Gefühls und pries sich glücklich ob seiner Kaltherzigkeit, die er für unzerstörbar hielt war er doch 42 Jahre alt geworden, was könnte ihm da die Liebe noch anhaben!

Da geschah es, daß der Vertreter eines Pariser Handlungs hauses, mit dem er seit lange in Geschäftsverbindung stand, nach

theilungen und Gespräche zu wecken und zu fördern suchte. Er ver- London herüberkam. Er sah sich genöthigt, mit dem jungen, lebens ließ früh die Schule, um in das Geschäft einzutreten; sein Vater lustigen Mann allerlei Zerstreuungen mitzumachen, denen er sonst meinte, die praktische Thätigkeit sei für einen Kaufmann nützlicher fern zu bleiben pflegte. Sie hatten eben gemeinschaftlich in Hedden

als auf der Schulbank zu sitzen, nur in Sprachen empfing er neben her noch tüchtigen Unterricht. Er widmete sich mit glühendem Eifer

heims Wohnung das lunch eingenommen und dieser fragte höflich,

so überdrüssig er selbst der Dinge auch war, welche Pläne man für ig 9 0 1

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