Ausgabe 
4.4.1886
 
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Julia, theuere einzige Julia, flüsterte Lindners bewegte Stimme neben ihr. Ein Blick, in dem eine ganze junge hingebende Seele lag, suchte des Gutsbesitzers Auge und das schöne Mädchen lag bebend, erröthend an seiner Brust.

Die Spaziergänge nach dem alten Schloß wurden fortgesetzt; in des Obersten strammer strenger Gegenwart wurde kein Laut, kein Zeichen offenbar, daß es nun ein Brautpaar war, das ihn begleitete; seine suchenden Augen beobachteten jetzt erst die Liebenden mit un⸗ erbittlicher Wachsamkeit unter den buschigen Augenbrauen hervor. Kaum ein verstohlener Blick konnte hin und wieder ausgetauscht werden. So rückte der Hochzeitstag eiligst näher. Die übereilte Erfüllung der Wünsche wirkte verwirrend auf das Brautpaar. Julia sollte nicht mehr auf den Landsitz ihres Onkels zurückkehren, Alles ihr prompt zugeschickt werden das schien ihr so sonderbar, ja drückend allen den Menschen gegenüber, in deren stiller Mitte sie aufgewachsen war. Was sollten die Leute von dem Gutsfräulein denken, das auf eine kurze Reise gegangen war, um nie mehr wiederzukehren.

Auch Lindner fühlte sich in einer sonderbaren Situation. Seit zehn Jahren war seine Ehe durch den Tod seiner Frau gelöst. Der kurze Ehestand war dem jungen Manne schwer und bitter ge⸗ worden, nicht allein durch die Vereinigung mit einer Frau, die immer nur ein verwöhntes eigensinniges Kind geblieben, sondern mehr noch durch die immerwährende Kränklichkeit seiner Frau, die ihm das einsame Leben auf dem Gute sauer machte. Ihr Tod brachte ihm Erlösung aus einer Ehe, die nie, trotz seines besten Willens, den richtigen Ton gefunden hätte. Nun lebte er seit zehn Jahren einsam, mit der sorgfältigen Ueberwachung seiner beiden Kinder beschäftigt, und ihnen mit ganzer Zärtlichkeit zugethan. Der Knabe war etwas scheu und zurückhaltend; aber die Tochter, seine liebenswürdige Adeline, die im Sturm jedes Menschen Zuneigung eroberte, riß auch den mürrischen Bruder aus seiner Zurückhaltung und hatte dem Vater das Heim fröhlich und behaglich gemacht. Der Gutsbesitzer war zu jung, um das einförmige Leben für die Dauer ertragen zu können; seine Gesundheit litt darunter und eine Nervenüberreizung, deren Ursache er sich schlechterdings nicht erklären konnte, machte ihn krank und elend. Der Arzt rieth zu einem Aufenthalt in einer größern Stadt, und Lindner wählte Baden⸗ Baden. Baron von Manners lernte ihn schon in den ersten Tagen kennen und machte lange weite Spaziergänge in Lindner's Ge sellschaft. Das schöne blonde Mädchen, das immer an der Seite des Barons gesehen wurde, scheute zu Lindner's Staunen die weitesten Fußtouren nicht.

Aber das gnädige Fräulein, erinnerte Lindner anfangs un⸗ gläubig und erstaunt den Obersten, wenn der Oberst nach stunden⸗ langem Marsche die unmöglichsten Wege einschlug.

Ach, was da! antwortete der alte Soldat,es stände anders in der Welt, wenn das weibliche Geschlecht von alten Soldaten er zogen würde, statt von weinerlichen einfältigen Müttern; Julia weiß nicht, was Ermüdung ist.

Ihr feines zartes Gesicht lächelte so fröhlich und ihr kleiner schlanker Fuß schwebte so sicher über die Schwierigkeiten eines Weges und die edle Gestalt bewegte sich so leicht und elastisch nach einem stundenlangen Marsch, daß Lindner, im höchsten Grade ermüdet, die Nichte des alten Soldaten anstaunte. Sie war doch so zart und weiß, jeder Eindruck brachte das frische blühende Blut in ihrem lieben Angesicht in Bewegung, sie erröthete fast bei jeder Anrede. Die junge schüchterne Baronesse mit dem klaren reinen Blick aus den schönsten blauen Augen machte dem Gutsbesitzer einen über⸗ wältigenden Eindruck. Der alte Oberst war ein herzloser Egoist, der auf eine empörende Weise auf die Gesundheit des edeln Kindes sündigte. Er wollte täglich seinem Unwillen Luft machen; aber mit dem alten Manne war nicht zu spaßen und er hätte sich um die Welt nicht mit ihm verfeinden mögen.

Das gnädige Fräulein hat die Stimme heute ganz belegt, Herr Baron, wagte Lindner einmal zu sagen.

Julia's Stimme muß geschult werden; ich schlafe vor zwei oder drei Uhr nicht ein, sie wird mir nun Nachts eine Stunde länger vorlesen, antwortete der Oberst sehr kaltblütig und Julia nickte, ganz einverstanden, ihrem Onkel zu.

Er wird das zarte himmlische Mädchen tödten, dachte Lindner außer sich und ballte grimmig die Hände.

Er versuchte einmal, es Julia klar zu machen, daß ihr Onkel

und sie ihm die krassesten Gegensätze böten, wie er sie nie frap⸗ pirender im Leben gesehen: die äußerste Selbstsucht neben der äußersten Selbstlosigkeit. Die großen blauen Augen sahen kindlich ahnungslos zu ihm auf.Wie sind Sie im Irrthum, Herr Lindner, antwortete sie und strich langsam die hellblonden Locken aus der weißen Stirn;wenn Sie näher mit uns bekannt wären, würden

Sie einsehen, wie wenig wahr das Eine und das Andere ist.

Lindner fühlte sich nach wenigen Wochen jung, wie er sich nie vorher gefühlt. Ein heftiger Kampf begann; er liebte die reizende Baronesse mit einer ersten Leidenschaft und er war Wittwer! Sein Sohn, seine Tochter, besonders sie, sein verwöhnter Liebling, wie sollten sie sich an den Gedanken gewöhnen, eine jugendliche Stief mutter in dem Heim zu sehen, in dem sie sich zu Gebietern gemacht hatten? Und Sie, die junge Dame von hoher Schönheit und vor⸗ nehmer Geburt, wie würde sie das Geständniß der wahren Sach⸗ lage aufnehmen. Würde nicht die Zuneigung, die sich täglich sicht⸗ bar wie eine zarte Knospe für ihn entwickelte, wie vom Frost ge⸗ troffen plötzlich erstarren? Es mußte endlich sein; er wagte es, von seinen Kindern zu sprechen und er sah, wie eine feine Röthe plötz⸗ lich ihr Gesicht bedeckte und wie sie kurz darauf ängstlich nach ihm hinsah mit dem zaghaft fragenden Blick, ob der Mann, den sie ganz in jugendlicher Begeisterung dem einen Gefühl hingegeben sah, nun noch derselbe war, dessen erster Liebesfrühling schon längst ver⸗ blüht war. Als er so jung, in fast schüchterner Erregung vor ihr stand und um ihre Einwilligung flehte, da war Alles vergessen, sie sah nur den Mann, dem sie ganz ihr junges Herz zugewendet.

Der Hochzeitstag war da. Der Oberst führte stramm mit allen seinen Orden geschmückt, dem Bräutigam die Braut zu und verschloß sich nach einem kurzen barschen Abschied alsobald nach der Trauung in seinen Zimmern. So militärisch auch Julia von Manners erzogen sein mochte, dieser drastische Abschluß ihrer Ver⸗ gangenheit, dieses Einstürzen ihrer Welt, rief eine Art Bestürzung bei ihr hervor und mit lautem Weinen fiel sie an die Brust des treuen Mannes, der ihr nun Heimat, Beschützer und Alles auf der Welt sein sollte. Sie ruhte in seinem Arm, als der Wagen sie davon trug; ihr schönes blondes Haupt ruhte fest und sicher an Lindner's Brust und ihre Augen weinten nicht mehr.

Ich habe nur Dich, meine Welt, mein Alles, flüsterte sie. Gut ist er ja immer gewesen, der alte Onkel; aber Dir kann ich es ja nun sagen, was man so eigentlich Heimath nennt, das habe ich nie bei ihm gefunden. Ich denke mir es so himmlisch schön, ein Heim zu haben, wo man geliebt ist. Sie sah mit der ihr eigenen weichen Innigkeit zu ihrem Gatten auf und er drückte sie fester an sein Herz. ö

Mögest Du Dich wohl fühlen in Deinem neuen Heim, geliebte Julia, sagte Lindner zärtlich. Um nun auf der kurzen Hochzeits- reise gewissermaßen wieder gut zu machen, was er sich schon im Stillen vorgeworfen, fügte er hinzu:Wie wollen wir Dich lieben, meine Kinder und ich. Du wirst Freude an ihnen haben, dessen bin ich gewiß. Georg ist ein guter ehrlicher Junge, aber man muß sich die Mühe geben, ihn in seinen Freundschaftsäußerungen ein wenig zu ermuntern. Neben seiner Schwester Adeline erscheint er freilich etwas traurig, etwas von Mutter Natur verkürzt; aber Adeline ist auch wie ein überreicher Frühling, der mit vollen Händen nach allen Seiten ein Uebermaß von Freude und Herzensgüte ausstreut.

Die Augen der jungen Frau drückten etwas wie Verwirrung, wie Verlegenheit aus, als sie dem begeisterten Blicke des Vaters begegneten.Ich werde trachten, daß sie auch mich ein bischen lieb gewinnt, sagte sie leise und unterdrückte einen Seufzer. Ein Chaos von unverstandenen Gefühlen bemächtigte sich ihrer; sie versuchte die Lage der Dinge fest in's Auge zu fassen und mit Lindner eingehend über seine Kinder zu reden; sie vermochte es noch nicht, die Situation war ihr zu neu.

Die wenigen Wochen in der Schweiz wurden ihr jedoch zum ganzen völligen Liebesfrühling; sie vergaß, daß sie nicht ganz und ausschließlich des geliebten Mannes Herz besitzen konnte, sie vergaß, daß ältere Rechte existirten, er gehörte ihr in der völligen Hingabe ihres ganzen Wesens.

Der Wagen war vom Gute Mandsfelt zu der einige Stunden entfernten Station geschickt worden und das Paar näherte sich mit den verschiedensten Empfindungen der Heimath. Der Gutsbesitzer war freudig aufgeregt, reckte und streckte den Kopf nach allen Seiten,

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