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4.4.1886
 
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es interessirte ihn Alles nach der langen Abwesenheit und dabei fühlte er ein gewisses Mißbehagen bei dem Gedanken, wie wohl der erste Eindruck sein möge, den die jugendliche Stiefmutter auf Adeline machen werde. Und sie erröthete und erbleichte an seiner Seite, sie zitterte und bebte vor dem Eintritt in das neue Heim. D Die guten theuern Kinder! rief der Gutsbesitzer gerührt, als er des Thores zum Eingang in den Hof ansichtig wurde. Kränze von Laub und Blumen bildeten hohe Bogen, unter denen das Paar hindurch fuhr und sich der breiten Treppe zum Eingang in das große massive Wohngebäude näherte. Auf dieser Treppe stand ein junges zierliches Mädchen mit lang herabfallendem dunklen Haar im weißen Kleide und ein junger Mensch, der sie um einen Kopf über⸗ ragte, suchte sich linkisch und verlegen hinter das kurze weiße Kleid chen zu verbergen. Lindner stieg zuerst aus und ehe er Zeit fand, seiner jungen Frau aus dem Wagen zu helfen, hatte sich das zier liche Mädchen an seine Brust geworfen.

Du liebes theures Kind, flüsterte er, sie herzlich küssend, und Du, Georg, guten Tag, mein Sohn; komme nur herunter und umarme Deine Mama! Adeline warf einen überraschten Blick auf die jugendliche elegante Erscheinung, die eben leicht den Wagen verließ. Sie stand einen Augenblick wie geblendet und reichte dann anmuthig lächelnd der neuen Mama den frischen Mund zum Kusse hin. Auch Georg war in linkischer Verwirrung herangekommen und reichte Hand und Gesicht zu dem lieblichen Angesicht, dessen Augen sich mit Thränen füllten. Sie wollte sprechen, etwas Gutes und Herzliches zu den Kindern sagen; aber sie fühlte sich dem nied lichen Mädchen gegenüber, dessen zierliche Gestalt schon fast ganz ausgebildet war und dessen sonderbare, leidenschaftliche Augen sie zu durchdringen schienen, so gehemmt, so wenig befugt, die Würde einer Mama ihr gegenüber geltend zu machen, daß ihr das Wort auf den bebenden Lippen verstummte.

Ich werde Mama in ihr Boudoir führen, nicht wahr, Papa; sie wird der Ruhe bedürfen nach der langen Reise! sagte Adeline und nahm lächelnd den Arm der jungen Frau.

Der Gutsbesitzer lachte und versetzte mit Wohlgefallen:Siehe nur das kleine Hausmütterchen; sie thut, als sei die Mama hierher zu uns zu Besuch gekommen; nun, es wird sich schon Alles finden, ich denke auch, Du wirst ein wenig Ruhe nöthig haben, liebe Julia.

Des Gutsbesitzers erster Gang war in den großen wohlgepflegten Hausgarten, seine beiden Kinder gingen mit ihm.

Nun, wie gefällt Dir die neue Mama, mein lieber Georg? fragte er fröhlich und zog den Jungen zu sich heran.

Wie soll sie mir gefallen? antwortete er,ich glaube, ich habe sie gar nicht angeguckt.

Adeline kam mit eiligen Schritten herbei und sagte laut lachend: O, der dumme Junge! er hat nicht gewagt, sie anzublicken. Sie ist wunderschön, Papa; eigentlich so schön, daß Du uns in Deinen Briefen etwas darüber hättest sagen müssen.

Ich schrieb Euch nur, daß sie gut wie ein Engel sei, ent gegnete Lindner,wir werden recht glücklich zusammen sein, nicht wahr, meine guten Kinder!

Gewiß werden wir das, wir haben uns sehr auf die neue Mama gefreut; ich ärgere mich nur über Georg, daß er gerade heute so dumm und so linkisch sein mußte, erwiderte Adeline.

Ich wußte ja, daß ich in Dir, meine Adeline, immer meine treueste Verbündete finden würde. Vertrauen in die Einsicht Eures Vaters, das ist's, was ich von Euerm Alter zu erwarten hoffte und das ich mit Freude, wie immer, finde. Die unberechenbar wohl thätigen Folgen eines Schrittes, der Euch einigermaßen überrascht haben mag, werden Euch für Euer späteres Leben zu gute kommen; denn wie sollte der Einfluß von so viel Herzensgüte und einer so erstaunlichen Selbstlosigkeit nicht Nachahmung und Bewunderung finden?

Wir versprechen zu bewundern und nachzuahmen unserm Herrn Papa; komme Georg, neben mich auf die Kniee, sagte Adeline und bewegte in komischer Nachahmung einer Ablegung eines Gelübdes die Augen und faltete eifrig die Hände.

Gehe nur, Du kleine Hexe, rief Lindner lachend,mit Dir ist kein rechtes Wort zu sprechen.

Julia fühlte sich einsam im Boudoir, durch dessen dunkelrothe Vorhänge sich kaum ein Sonnenstrahl stahl. Sie schlug ein Buch auf, das mit anderen auf einem Lesetisch lag; es waren Lenau's

Gedichte. Ihr Blick fiel auf das Gedicht:Stille Sicherheit. Der letzte Vers war mit Rothstift angestrichen: 5 Sagen darf ich Dir allein, Daß mein Herz ist ewig, ewig Dein!

Meiner geliebten Braut, Adelina Hermann, stand vorn von Lindner's Hand geschrieben. Julia legte schnell das Buch bei Seite, es fuhr ihr wie ein eisiger Hauch über den bebenden Körper. Hatte Lindner die Strophe angestrichen, war es die Hand der todten Frau? Seine und ihre Kinder, an denen sein ganzes Herz hing, nahmen ihn wie ihr Eigenthum in Empfang bei seiner Ankunft, die ver storbene Frau hauchte ihr eine eisige Kälte aus dem Boudoir entgegen, das ihr Eigenthum gewesen, das für sie, die geliebte Braut ein gerichtet worden war. Der Kontrast zwischen den phantastischen Träumen, die ihrer erwachenden Jugend einen so süßen Reiz auf dem einsamen Rittergut ihres Onkels gegeben und der so plötzlich über sie hereinbrechenden Wirklichkeit erschütterte sie so gewaltig, daß sich ihre Brust schmerzlich hob und sie in ein heftiges Weinen aus⸗ brach. Sie liebte den Mann ihrer Wahl mit jedem Gedanken, mit jedem Blutstropfen in ihr; das junge Wesen, dem nie Zärt⸗ lichkeit geworden war, hatte die Schätze ihres überreichen Herzens dem Manne entgegen gebracht, der in jugendlicher Liebeswerbung ihr vom ersten Tage an so liebenswerth erschienen war. Und als sie sich ausgeweint,, da erschien sie sich plötzlich abscheulich und hassenswerth. Diese arme Mutter, die den geliebten Mann und ihre kleinen Kinder so früh verlassen mußte; ihr wurden nun ihre ehemaligen Rechte von einer Fremden mißgönnt, von einem jungen Wesen, das nie das Geringste gethan, sich die dankbare Liebe des geliebten Mannes zu erwerben. Alles Gute in Julia erwachte plötzlich, sie legte fest die feine bebende Hand auf den so erschreckt hingeworfenen Lenau und sprach langsam und feierlich:Arme Mutter, wenn ich Deinen Kindern auch nicht Mutter im eigentlichen Sinne des Wortes sein kann denn dazu bin ich zu jung und zu unerfahren, so will ich immer so gegen sie sein, daß Du zu frieden mit mir sein sollst.

Als der Gutsbesitzer kam, seine Frau zum Mittagessen zu holen, ging sie ihm mit leuchtenden Augen entgegen. Mit wohlwollendem Blicke und einem freundlichen Lächeln sah sie, wie Adeline die vor sorgliche Hausfrau spielte, wie sie dem aufwartenden Madchen sehr bestimmte Weisungen gab. Nach dem Mittagessen steckte Lindner den Arm seiner jungen Frau unter seinen Arm.Nun zur Be⸗ sichtigung Deiner neuen Heimat, liebe Julia, sagte er fröhlich. Noch ehe sie das Haus verließen, legte sich Adelinen's kleine Hand auf den Arm ihres Vaters und sie sah ihn neckisch an, als ob er denn vergessen könnte, daß der linke Arm dem Töchterchen gehöre. Julia hatte es sich anders gedacht, dieses erste Umfassen ihres wirk lichen Heim, dieses erste Einführen in das Paradies, das ihr Lindner so schön geschildert. Es war auch schön und reizend. Die September⸗ sonne schien so warm auf die üppige Vegetation, daß dieses Kind des nördlichen Deutschland freudig den Blumenflor und den Reich thum an edlen Früchten begrüßte.

Es verging ein Tag nach dem andern, eine Woche, und Julia konnte nicht anders, wie sich als Besuch in Mandsfelt fühlen; die kleine Gestalt Adelinens wirthschaftete und theilte Befehle aus von früh Morgens bis Abends spät.

Ich möchte mich mit Adeline in die Arbeit theilen, sagte Julia eines Tages schüchtern zu ihrem Gatten.

Das ist ja kaum der Mühe werth, liebe Julia; die Köchin und das Hausmädchen sind ja da, und die kleinen Beschäftigungen liebt sie und besorgt sie von Jugend anf! Lasse sie nur, es geht ihr Alles so leicht ab.

Ich bin aber an Beschäftigung gewöhnt, Eduard, sagte sie traurig.

Werde doch nur erst warm hier; im Herbste kommen die Ar beiten schon von selbst, entgegnete er, und strich ihr liebkosend über das herrliche blonde Haar.

Die beiden Kinder sind ohne Unterricht; der Onkel wollte, daß ich mein Staatsexamen bestand, ich könnte vielleicht Georg's und Adelinens Studien noch eine Zeit lang leiten, versetzte sie zögernd mit holdem Erröthen.

Es sind Ferien jetzt, liebe Julia, freilich schon seit Frühjahr; wir haben kein rechtes Glück mit den Hauslehrern. Ich dachte, Du solltest Dich den Winter über so recht innig mit den Kindern befreunden; aber ohne, daß Du ihnen Unterricht giebst, denn das

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