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zu den
Oberhessischen Machrichten.
Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.
Ur. 14.
Gießen, den 4. April.
1886.
Die Stiefmutter.
Roman von M. Elton.
„So soll denn doch gleich das Wetter dreinschlagen, mein Herr Lindner!“ rief der alte Baron von Manners und sah mit drohenden Augen, über denen sich die weißen Augenbrauen gefährlich sträubten, einem schönen, imponirenden Manne ins Gesicht, der solchen Empfang nicht erwartet haben mochte. Seine dunkeln Augen blitzten auf, er richtete sich stramm dem alten Manne gegenüber auf.
„Mir fehlt freilich das Adelsdiplom, Herr Baron,“ sagte er gereizt;„da nun Ihr Fräulein Nichte darüber hinaus zu sehen schien, da glaubte ich, auch Sie—“
„Dummes Zeug,“ fuhr der Baron wieder auf; und dann in einem Tone, der im höchsten Verdrusse fast weinerlich klang:„Ver⸗ lasse sich ein alter Mann auf seine Nichten! Das ist nun die fünfte, die mir hinweggestohlen wird. Ja freilich, immer mit der gütigen Erlaubniß dieser verdammten Mädchen, die das Onkelchen pflegen wollen bis zu seinem Ende, und die fahnenflüchtig werden, sobald nur Einer mit einem schöngewichsten Schnurrbart ihnen die Cour macht.“
„Herr Baron!“ rief Lindner in peinlicher Verlegenheit.
„Was wollen Sie? Ich meine nicht Sie damit,— Sie haben keinen Schnurrbart; aber was schlimmer ist: Sie sind Wittwer, haben zwei Kinder, Zwillinge, von vierzehn Jahren, und nun sehen Sie sich das schüchterne Ding an, meine Nichte, kaum sechs Jahre älter, wie Ihre Zwillinge, wie soll die als Stiefmutter dem trotzigen Volke gegenüberstehen?“
„Meine Kinder sind gut und wohlerzogen,“ rief der Gutsbesitzer Lindner, in seinem Vatergefühl gekränkt.
„Meinetwegen, das geht mich nichts an,“ sagte der Baron barsch. Nach einer Weile, während welcher er aufgeregt seine un—
ruhigen Hände auf dem Schreibtisch umherschweifen ließ, fuhr er,
wie zu sich selbst redend, fort:„Der Doktor, der Esel, mußte mich auch gerade hierher nach Baden-Baden schicken, und ich doppelter Esel mußte einfältig genug sein, anzunehmen, ein Wittwer sei so zu sagen kein Mann, und mußte dabei gewissermaßen noch selbst den Verkehr mit dem unglückseligen Menschen anbahnen. Wie kamen Sie dazu, meiner Nichte Albernheiten in den Kopf zu hängen?“ fuhr er den Gutsbesitzer barsch an.
„Erlauben Sie mir eine andere Frage?“ erwiderte Lindner. „Sind Sie berechtigt, Fräulein von Manners zum Cölibat zu ver— dammen?“
„Nein, das bin ich nicht,“ entgegnete er prompt.„Will das Mädchen Sie heirathen, sie ist frei, zu thun, was ihr beliebt. Sie kennt unser Abkommen: bleibt sie die zwanzig Jährchen, die einem alten Haudegen, wie mir, noch beschieden sein mögen, bei mir, so beerbt sie mich; heirathet sie vor dieser Zeit, so sieht sie niemals einen rothen Pfennig von mir. Es ist zu nehmen, oder zu lassen, Herr Lindner.“
„Ich nehme, Herr Baron,“ rief Lindner mit aufleuchtendem Blick.
„Ganz gut, Herr Lindner; regeln wir die Angelegenheit so— gleich. Von dem zweimonatlichen Aufenthalt hier bleiben mir noch drei Wochen, Zeit genug, Ihre Angelegenheiten zu ordnen. Meine Nichte ist Waise, kein Hinderniß ist vorhanden, das ihr in den Weg tritt, in drei Wochen Ihre Frau zu sein. Ich könnte in meiner Einsamkeit auf dem entlegenen Gute in Ostpreußen nicht gut das Liebesgedusel mit ansehen, deshalb machen wir die Sache kurz hier ab. Sie kennen mich und meine Ansicht über das Stückchen veraltete Sentimentalität, das sich auf die sogenannte Liebe über⸗ tragen hat. Vor fünfzig Jahren war es die Freundschaft, die ganz ins Wässerige gezogen wurde. Die Haarschwänze, wie der Klop— stock und die Andern, die lagen sich in den Armen und duselten und schluchzten vor lauter Freundschaftsseligkeit. Herr Gott, wo blieben da die Mänuer? Da mußte das Wetter dreinschlagen und die große Revolution mußte die Heuler an den Ohren kriegen. Ich bin in der harten Kriegszucht groß geworden und bin, Gott sei Dank! gesund aufgewachsen. Nichts von Ueberschwänglichkeit und Gewinsel in meiner Nähe! Heirathen Sie,— gut; aber sogleich und dann ins praktische prosaische Leben hinein.“
Lindner stürmte aus dem Zimmer des Obersten; er fühlte sich, als sei der erste Rausch eines unendlichen Glückes über ihn ge— gekommen,— das schönste, lieblichste Wesen war sein, in wenigen Wochen sein für's Leben. Es war zu viel des Glückes, seit gestern die Gewißheit, daß sie ihn liebe, heute ihm kurz und bündig zu⸗ gesagt. Er eilte in den Hausgarten der Privatwohnung, die der Baron mit seiner Nichte bezogen und sah die holde Lichtgestalt, wie sie sinnend vor einem Beet duftender Rosen verweilte. Bei seinen annähernden Schritten erbebte die hohe edle Gestalt und ihr feines Gesicht erblich zur Weiße des Alabasters. Es war Alles so schnell gekommen, erst seit einigen Tagen war sie sich klar, daß sie den Mann mit den schönen ernsten Zügen, mit seinem gütigen, Vertrauen erweckenden Wesen liebe, ganz ernstlich liebe und erst seit gestern wußte sie, hatte er es, wie zufällig auf dem Spaziergang nach dem alten Schloß, wohin die Drei täglich ihre Schritte richteten, erwähnt, daß er Wittwer sei und zwei schon heranwachsende Kinder besitze. Der achtunddreißigjährige Mann war ihr jung erschienen, seine so deutlich durchschimmernde Bewunderung für das reizende Mädchen hatte sich ihr in dem ganzen Zauber einer ersten Liebe offenbart. Und wenige Stunden nachher war es gewesen, als der Baron mit einem alten Bekannten den Weg fortsetzte, Lindner von einer Ruine geschützt, Julia's Hand faßte und ihr ein feuriges Geständniß seiner Liebe machte. Zitternd und erröthend gab sie ihm die Erlaubniß, bei dem Onkel die weiteren Schritte zu thun. Sie hörte ihn näher kommen, sie wußte, daß ihr Schicksal nun entschieden war; ein ernstliches Hinderniß von Seiten des Onkels war kaum zu erwarten.
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