Ausgabe 
3.10.1886
 
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hübsches Gesichtchen zufällig gesehen, hatte um sie gefreit und sie ohne große Mühe gewonnen, denn ihre Familie war arm, und sie war des armseligen Lebens unter den Fischersleuten müde.

Persönlich mochte sie Tasso Tassilo, einen häßlichen, trockenen, ältlichen Mann, der nur Sinn für Geld- und Mehlsäcke hatte, nicht leiden, aber das Geld, das er ihr für ihren Staat auszugeben ge stattete, gefiel ihr und das Müllerhaus war mit seinen buntgestrichenen Wänden, den Weiden vor der Thür und dem Leben und Treiben, das auf dem Platz vor dem Hause herrschte, wenn die Bauern mit Korn zum Mahlen kamen, auch kein übler Ort.

Guten Abend, Don Gesualdo, sagte die Müllersfrau jetzt in⸗ mitten des Nachtigallengesanges.

Gesualdo stand lächelnd auf. Er freute sich stets, sie zu sehen. Sie hatte für ihn etwas von der Jugendzeit, von der Heimath und von den sorglosen Tagen, ehe er Seminarist geworden, an sich. Weit entfernt davon, daß er es je bedauerte, sich dem geistlichen Stande gewidmet zu haben, dachte er doch manchmal der einstigen Ungebundenheit mit Schwermuth und sich wundernd, daß er je dieser leichtherzige Knabe gewesen sein sollte, der ausgelassen durch die Rohrgebüsche gedrungen und seinen Fuß in die rollenden Wogen der Brandung getaucht hatte.

Ist nicht Alles in Ordnung? fragte er sie, als er beim Auf⸗ blicken ihr hübsches Gesicht bewölkt sah. Ihre Tage waren leider nicht oft ruhige; sie litt unter der Eifersucht ihres Mannes. Die Mühle war der Lieblingssammelplatz für alle junge Männer auf Meilen in der Runde, und Tasso Tassilo konnte denselben, wenn anders er nicht aufhören wollte, ihr Korn zu mahlen, nicht seine Thür verschließen.

Es ist die alte Geschichte, Don Gesualdo, antwortete sie, gegen das Kirchportal lehnend,Sie wissen, wie Tasso ist und welch' saures Leben er mir bereitet.

Du bist nicht stets vorsichtig und klug, meine Tochter, meinte Gesualdo mit schwachem Lächeln.

Wer in meinen Jahren ist stets klug? gab die junge Müllers frau zurück.Tasso aber ist roh und dumm obendrein. Er wird mich eines Tages noch zum Aeußersten treiben. Ich sagte es ihm bereits.

Das wird die Sache leider nicht bessern, entgegnete Gesualdo. Es thut mir leid, daß Du das nicht einsiehst. Der Mann liebt Dich, er fühlt sich alt und weiß, daß Du Dir nichts aus ihm machst. Es sticht ihn stets wie ein Dorn in's Fleisch; er fühlt, daß Du ihn nicht magst.

Wie kann er das auch erwarten? rief Generosa leidenschaftlich. Ich mochte ihn nie. Er ist so alt wie mein Vater und er möchte mich am liebsten wie eine Nonne von der Welt abschließen. Wenn es nach ihm ginge, käme ich mit keinem Fuß aus dem Hause her⸗ aus. Verheirathet man sich dazu vielleicht?

Man sollte sich verheirathen mit dem Vorsatz, seine Pflicht zu thun, meinte Gesualdo zaghaft, denn er fühlte die Schwäche seines Rathes und seiner Gründe gegen die Stärke und den Trotz eines Weibes, das sich seiner Schönheit, seiner Macht und seiner Verehrer bewußt ist.

Wir hatten eine schreckliche Szene vor einer Stunde, sagte Generosa, des Priesters letzte Worte übergehend.Ich mußte mich zusammennehmen oder ich hätte ihn erstochen. Es war wegen Falko. Ganz ohne Grund. Ich weiß nicht, was ihm einfiel. Ich glaube, eines Tages wird er sich noch an Falko vergreifen. Angedroht hat er es ihm längst.

Das ist schwerer Ernst, meinte Gesualdo erbleichend.Schau, meine Tochter, Du bist mehr im Unrecht als er. Tassilo hat nach Allem doch seine Rechte. Warum schickst Du den jungen Menschen nicht fort? Er würde Dir folgen.

Er würde mir in allem Anderen folgen, nur darin nicht, sagte die Frau mit dem selbstbewußten Lächeln Jemandes, der seine Macht kennt.Er würde sicher doch nicht fortgehen. Warum sollte er auch? Er hat seine Beschäftigung hier. Was sollte er da fortgehen nur weil Tasso solch ein eifersüchtiger Thor ist! IFst er wirklich solch ein eifersüchtiger Thor? meinte Gesualdo, und er hob plötzlich seine Augen und blickte gerade in die ihrigen. Generosa erröthete durch ihre warme Haut. Sie schwieg.

So weit ist es noch nicht gekommen, wie Sie glauben, mur melte sie nach einer Weile. 5

Aber ich will mich nicht immer umsonst anklagen lassen, fügte

sie hinzu.Tasso soll bekommen, was er sich eigentlich einbildet. Was nahm er mich auch zur Frau! Er wußte, ich mochte ihn nicht. Wir waren unten in Bocca d' Arno freilich Alle arm, aber heiter und glücklich. Warum nahm er mich von da fort?

Die Thränen schossen ihr in die Augen und rollten ihre heißen Wangen hinunter. Es war wohl das hundertste Mal, daß sie ihr Leid Gesualdo im Beichtstuhl und außerhalb desselben klagte. Es war eine alte Geschichte, die sie nie müde ward zu erzählen. Ihre Angehörigen lebten weit fort an der Küste und befreundet hatte sie sich in Marca mit Keinem. Die Leute sahen auf dieFremde mit scheelen Augen und die Frauen waren eifersüchtig auf ihre Schönheit und das bequeme Leben, das sie im Vergleich mit dem ihren führte. Gesualdo schien ihr so als Landsmann und Jugend gespiele ihr einziger und natürlicher Freund und Berather. Zu ihm trug sie ihren ganzen Kummer. Einem Priester konnte man auch, dachte sie, am besten vertrauen.

Du bist undankbar, meine Tochter, sagte er jetzt und er gab sich Mühe, seiner Stimme einen strengen strafenden Ton zu ver⸗ leihen.Du weißt wohl noch, wie Du Dich freutest, einen so

reichen Mann wie Tassilo zu bekommen. Du weißt wohl noch, daß

Dein Vater und Deine Mutter ebenso glücklich waren wie Du. Gewiß, Du magst Dir einen andern Mann wünschen können, aber Du darfst nie vergessen, wieviel Du Tassilo schuldest. Ich spreche zu Dir jetzt nicht als Seelsorger, nur als Dein Freund. Ich bitte Dich, sende Deinen Liebhaber fort. Thust Du es nicht, so geschieht vielleicht ein Verbrechen, am Ende ein Mord, und die Schuld an alledem wäre Deine.

Sie machte eine Geste, die bezeugte, daß es ihr gleichgültig sei, was auch geschehe. Sie war in eigensinniger verzweifelter Stim mung, sie hatte sich ernstlich mit ihrem Manne überworfen und sie liebte Falko Melegari, den Verwalter des leeren, halb zerfallenen Schlosses, das am Ufer des Flusses stand und dessen Besitzer in fernen großen Städten lebte. Falko war ein blonder, hübscher junger Mensch mit Lombardenblut in sich, hoch, schlank, kräftig, verliebt und leichtherzig; der stärkste Kontrast in jeder Beziehung zu dem schweigsamen, schwachen, mürrischen Tasso Tassilo, der doppelt so alt war wie sie.

Von der Mühle bis zu dem verlassenen Schloß war es kaum eine Viertelstunde. Tassilo hätte es ebenso gut versuchen können, den Sirocco zu bannen, wenn er wehte, wie diesen von den Ver⸗ hältnissen derartig erleichterten und begünstigten Verkehr zu hindern. Der Verwalter hatte das Jahr über tausend Gründe, die Mühle zu besuchen und wenn der Müller ihn beleidigte und ihm seine Thür verbot, so konnte er ihm doch nicht verbieten, draußen im Fließ zu angeln, am Ufer spazieren zu gehen, von dem Schlosse her Zeichen zu geben und Rendez-vous in den Rohrbüschen und auf den Weinbergen zu verabreden. Kurz, nur eins hätte der Intrigue ein Ende zu machen vermocht, sein oder ihr gänzlicher Fortzug aus Marca. Das aber zu thun, den Ort zu verlassen, wo ihn Inter⸗ essen und Leidenschaft hielten, fiel Falko Melegari nicht im Traum ein, und dem Müller kam es auch nie in den Sinn, mit seiner jungen Frau eine andere Heimath zu suchen. Er hatte sein ganzes Leben in der Mühle zugebracht, die seiner Familie seit fünf Ge⸗ nerationen gehörte. Und den Wohnsitz zu ändern, fällt derartigen alteingesessenen Leuten nimmer bei, sie sind wie die Bäume mit dem Boden verwachsen und können sich eine andere Heimath überhaupt gar nicht denken.

Generosa fuhr fort sich auszuklagen. Sie lehnte gegen den Portalpfeiler und spielte mit einem Granatapfelzweig, dessen Blüthen kaum dunkelrother waren als ihr Mund. Und Gesualdo fuhr fort, ihr seinen guten Rath zu ertheilen, freilich wohl wissend, daß er ebenso gut zu den Spatzen auf dem Kirchendache hätte sprechen können; so wenig versprach er sich von seinen Ermahnungen Erfolg, auf die sie ihm allein in halb spöttischer Weise zu antworten hatte:

Pflicht hin, Pflicht her. Ein Heiliger wie der Herr Pfarrer mag sich schon für die Pflicht begeistern können, aber ich bin keine Heilige und ich will meine besten Tage nicht an der Seite eines alten siechen und verdrießlichen Mannes opfern.

Du sprichst lästerlich, verwies Gesualdo sie streng. Er er⸗ röthete. Er wußte nicht warum.Ich verstehe solche Leidenschaft nicht, fügte er mit Verlegenheit hinzu.Aber ich weiß, was Pflicht ist und Deine liegt klar auf der Hand.

Er wußte überhaupt nicht viel von der Menschennatur und von

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