Ausgabe 
3.10.1886
 
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Frauennatur gar N indeß begriff er dunkel, daß Generosa jetzt in der Krisis ihres Lebens stand. Sie hatte ein passionirtes, feuriges,

rücksichtsloses, wagehalsiges Temperament, und die Gefahren der In⸗

trigue, die sie spann, schreckten sie nicht, wogegen die Gleichgil tigkeit, die sie seit Jahren für ihren Gatten empfunden, sich in ihr nach und nach in Haß verwandelt hatte.

Man ist auch kein Stock und kein Stein, um sein ganzes Leben lieblos verleben zu wollen! rief sie. und verächtlich.

Sie zog die Zweige der Granate über die Hecke, blickte den Pfarrer halb verächtlich, halb mitleidig an und entfernte sich von der Kirchenthür.

Was soll er nach Allem auch davon verstehen! dachte sie,er ist ein Heiliger, aber kein Mann.

Gesualdo blickte ihr eine Weile nach, wie sie über den Kirchhof und zwischen den Cy pressenstämmen dahin ging. Die Sonne ging unter, ihr Glühen badete die elastische Gestalt in ein rosiges Licht; sie besaß jenen herrlichen Gang mancher italienischen Frauen, die in den ersten fünfzehn Jahren ihres Lebens nie Schuhe getragen. Das Licht schien auf ihr dunkles, kastanienbraunes Haar, auf ihre goldenen Ohrringe, auf den schlanken Hals und ihre kräftigen, üppigen Formen Gesualdo sah ihr nach, es ward ihm heiß und weh zu Muthe und heftiges Schuld bewußtsein überkam ihn. Er sah von ihr fort und ging in seine Kirche, um zu beten.

An demselben Abend wurde Falko Melegari, als er aus dem Sattel seines Apfel schimmels sprang, mitgetheilt, daß derTarrocco von San Bartolo auf ihn wartete und ihn zu sprechen wünschte.

Auf dem Schloß war es in vergangenen Tagen glän zend und hoch hergegangen, doch es bildete jetzt nur noch eine der vielen vernachlässig ten Besitzungen eines jungen lebenslustigen Edelmannes, der bei seinen Leuten der Baldo hieß, seine Einkünfte an allerhand fashionablen Orten außerhalb Italiens verzehrte, selten oder nie seine Güter besuchte und seine?! und Inspektoren wirthschaften ließ ganz wie sie wollten.

(Fortsetzung folgt.)

Coeurbube.

Verwalter

Gedantenlesen. Erzäblung nach dem Englischen von Jenny Hirsch.

Aber, mein liebes Herz, das ist ja unmöglich, dergleichen kannst Du nicht glauben! rief Hauptmann von Soden in einem Tone, wie ihn Clarissa von Burg noch nicht von ihm gehört und am wenigsten jetzt von ihm zu hören erwartet hätte, denn es war kaum eine halbe Stunde verflossen, seit sie ihm die kleine, weiße Hand, welche jetzt vertraulich in der seinigen ruhte, als sein Egenthum für das Leben zugesprochen hatte. Im ersten süßen Liebesgespräch, das sie allein mit einander führten, vertraute sie ihm, daß in einer vor

Nach einem Gemälde von W. von Czachorski.

einiger Zeit stattgehabtenSpiritistensitzung dasMedium ihr die seligen Minuten, welche sie jetzt genoß, genau so vorausgeschildert hatte, statt aber, wie sie gehofft, bei ihrem Verlobten Verständniß zu finden, begegnete sie einer entschiedenen Abweisung. Sie erhob den Kopf und sagte sehr ernst:

Ich gebe Dir die heilige Versicherung, daß sich Alles so zu getragen hat, Friedrich.

Unsinn, theuerste Clarissa!

Zu meinem Bedauern werde ich inne, daß in einer so wichtigen, so ernsten Frage eine zu große Meinungsverschieden heit zwischen uns herrscht

Aber, bestes Kind, wie kannst Du Dich doch um einer solchen Kleinigkeit willen so erregen, scherzte er, kam aber damit sehr übel an.

Der Spiritismus ist für mich keine Kleinigkeit, son dern eine heilige Sache, mit der ich nicht so leichtfertig umgehen lasse, versetzte sie.

Clarissa, mein Liebchen, besinne Dich, bat er und wollte ihre Hand ergreifen.

Das that ich soeben, erwiderte sie, ihm die Hand entziehend, in hochmüthigem, eiskaltem Tone,ich habe mich noch zur rechten Zeit besonnen, daß wir Beide im Begriff standen, einen gro ßen, verhängnißvollen Irr thum zu begehen, glücklicher weise ist es noch Zeit, davon zurückzukommen. Ich bitte Sie, alles, was heute zwischen uns verabredet ward, als nicht gesprochen zu betrachten. Leben Sie wohl, Herr Haupt⸗ mann.

Aber, liebe Clarissa, willst Du wirklich unser Lebens glück einem solchen Wahn zum Opfer bringen? Be⸗ denke

Leben Sie wohl, Herr Hauptmann von Soden, unterbrach ihn Clarissa mit der Miene und der Haltung einer Königin, die eine Au dienz beendigt, und wandte sich dem Nebenzimmer zu. Es blieb dem Hauptmann nichts übrig als den Rück zug anzutreten, was dem tapferen Soldaten, wie dem aufrichtig Liebenden gleich schwer ankam. Sobald die Thür hinter ihm zugefallen war, verließ auch Clarissa die so gut gespielte Kälte und Festigkeit. Sie brach in Thränen aus und warf sich auf das Sopha.Wie kann er behaupten, es sei Unsinn? schluchzte sie, ich habe mehr als einen Beweis von dem Hereinragen der unsicht⸗ baren Welt in die sichtbare. Noch heute dachte ich just in dem Augen blicke an ihn, als die Thür sich öffnete und er hereintrat.

Schade, daß das gute Kind nicht diesen Beweisgrund in Gegen⸗ wart des Hauptmanns angeführt hatte, war irgend etwas im Stande, den Ungläubigen zu überzeugen, so müßte es sicher dieser überaus wunderbare Vorgang gewesen sein.

Was fehlt nur Clarissa? fragte einige Tage später Lieutenant Otto von Burg seine Mutter, als er sich mit dieser bei einem Be⸗ suche, den er ihr abstattete, allein befand,sie hat sich ja seit der

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