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aber in dem Dorf außer dem jungen schlichten Priester Gesualdo Brasailo keiner dachte.
Die Liebe zur Natur ist eben den meisten Italienern fremd. Einen Italiener dünkt das Gaslicht schöner als der Sonnenschein. Er haßt die Berge und schwärmt für Städte. Indeß jede Regel hat ihre Ausnahmen. Auch in Italien giebt es wie überall poetische Naturen, wenn auch wie überall selten. Gesualdo war diese Aus— nahme in Marca, und des Dörfchens Umgebung sah ihn im Sommer Abend für Abend durch die Felder wandeln, das Brevier in der Hand, doch das Herz bei den tanzenden Feuerfliegen, den zitternden Pappelblättern, dem hohen grünen Rohr und dem über das weiße Geröll des seichten Flusses dahinschießenden Silberfischchen. Er hätte es kaum sagen können, warum er das alles so gerne sah; er meinte, weil es ihn an Bocca d' Arno und das Sandgestade und die Rohr— gebüsche daheim gemahnte.
Nach dem Abendbrot ging er in seine Kirche; ein kleiner mit rothen Ziegeln gepflasterter, weißgetünchter Gang verband dieselbe mit seinem Wohngemach. Die Kirche war klein und dunkel und alt, sie besaß ein, wie es hieß, sehr altes Altarbild von einem florentiner Meister, das einen beträchtlichen Werth hatte, doch Gesualdo verstand sich nicht darauf. Ein Raphael hätte dort hängen können und er würde sich ebenso wenig daraus gemacht haben. Er liebte die Kirche, so unschön und einfach sie war, wie eine Mutter ihr Kind liebt, einerlei ob es schön oder häßlich. Und dann und wann hielt er seltsame, leidenschaftliche, pathetische Predigten darinnen, von denen seine Kirchgänger kein Wort begriffen, die er selber kaum verstand. Er hatte eine klangvolle, weitreichende Stimme mit einem Accent eigenthümlicher Melancholie, und wenn seine mystischen, romantischen Phrasen über die Köpfe seiner Zuhörer hinrollten, ging doch das Pathos und die Musik seiner Töne ihren Herzen nahe. Er war gewiß, dachten sie, ein Mann, den die Heiligen gerne hatten. Candida aber, die nächst dem Altar saß und gesenkten Hauptes den Rosenkranz durch ihre Finger gleiten ließ, dachte, seine unverständliche Beredsamkeit vernehmend:„Gnädiger Gott, bei all' dieser Rede— gewalt und diesem Geistesreichthum zöge er ohne mich sein Hemde verkehrt an!“
An dem Abend fand in seiner Kirche keinerlei Gottesdienst statt, gleichwohl hielt er sich darin auf, mit zärtlichen Fingern dies oder jenes Stück berührend. Es duftete stets so lieblich an dem kleinen Ort, die Thür stand meist offen nach den Feldern zu, in deren Mitte die Kirche erbaut war, und der Duft des Weihrauchs, der Jahr— hundert auf Jahrhundert hier gebrannt worden, mischte sich mit dem Duft von Schlüsselblumen, frisch gemähtem Heu oder reifer, ge— kelterter Trauben, der je nach der Jahreszeit von draußen herein— drang. Candida hielt den Platz gewissenhaft rein, und die Skorpione und Spinnen hatten sich vor ihrem stets bereiten Besen längst andere Wohnsitze gesucht, so fest sie sich auch einst zwischen den alten Holz— bänken hier eingenistet hatten.
Seit er nach Marca gekommen, hatte sich wenig hier drinnen zugetragen. Ein paar Hochzeiten hatte er eingesegnet, Kinder eine ganze Menge getauft und auch schon so manchen begraben, aber das war auch alles.
Ein Jeder in Marca hielt große Stücke auf die Religion, das heißt, man baute auf sie in hilfloser, zuversichtlicher Weise wie auf einen Fetisch, der gehörig besänftigt, alles nach dem Tode zum Besten lenken würde. Um sein Leben hätte man keine Messe versäumen mögen, daß man während derselben schliefe und Nüsse knackte oder rasch einmal die Pfeife zum Munde führte, wenn man wachte, das that dem Glauben der Leute an die Wunderkraft derselben keinen Abbruch. Hätte man sie gefragt, was sie eigentlich oder warum sie glaubten, so hätten sie sich ihre Köpfe gekraut und wären verlegen geworden. Ihre Seelen wohnten in einem Zwielicht, in dem nichts bestimmte Gestalt hatte. Der klarste Begriff, den sie hatten, war noch der von der Madonna; sie dachten an sie wie an eine Allen gemeinsame Mutter, die für jetzt und immer das Beste der Gläubigen wollte, wenn nur die gehörigen Ceremonieen beobachtet wurden.
Gesualdo selber wußte trotz aller Schulkenntnisse nicht viel mehr als sie; er las seine Messen, ohne ein genaues Verständniß für die Bedeutung seiner Worte zu haben und glaubte im Uebrigen, daß jede Selbstverleugnung und jede Selbstaufopferung dreimal gesegnet sei. Er that sein Möglichstes, seine Seele und die Anderer zu retten. Doch damit hörte er auf zu denken. Darüber hinaus denken hieß Grübeln, und Grübeln war eine dreifache Sünde. Indeß, nach—
denklich und intelligent, wie er in seiner bescheidenen Weise war, mußte er es zu Zeiten beklagen, wie wenig Wirkung diese Religion, die er lehrte und die sie bekannten, auf das Leben seiner Beichtkinder hatte. Sein eigenes Leben ward vollständig von ihr geleitet. Warum
konnte es das ihrige nicht ebenso sein? Warum mußten sie das
ganze Jahr hindurch fluchen, trinken, lügen, zanken und stehlen?
Daran denkend, ließ er sich auf eine Marmorbank vor der Thür nieder und machte sein Brevier auf. Die Sonne sank hinter die Tannen auf den Berghöhen. Das warme, röthliche Licht strömte über den gepflasterten Weg vor der Kirche durch die Cypressenstämme, die vor der Thür standen, und fand seinen Weg über den ver⸗ nachlässigten Steinboden zu seinen Füßen. Eine Nachtigall schlug irgendwo in der Rosenhecke hinter den Cypressenbäumen; Eidechsen liefen von Spalte zu Spalte in dem Ziegelpflaster. Ein Süßklee⸗ Gäbelchen kam durch ein Loch in der Wand und strömte ihm seinen lieblichen Duft zu. Der ganze Eingang war in Wärme und goldenes Licht gebadet. Die Kirche erhob sich hinter ihm dunkel und finster.
Er hatte sein Brevier aus Gewohnheit aufgeschlagen, aber er las nicht. Er saß und starrte auf die Abendwolken, auf die blauen Hügel und in die schimmernde Luft und lauschte auf den Gesang der Nachtigallen mit jener stummen Verzücktheit, die seine Haus- hälterin so oft an ihm verlachte.
„Der Nachtigallengesang im Juni ist so ganz anders wie im April und im Mai,“ dachte der arme Priester, dem die Natur ein poetisches Herz und Augen zum Sehen und Ohren zum Hören ge— geben hatte.„Das ganze Lied ist ein anderes, der Ton nicht mehr derselbe. Im Frühling ist es ein Hohelied wie das des Königs Salomo, und im Sommer— was singt sie im Sommer? Klagt sie über den Sommer oder lehrt sie nur ihre Jungen, wie sie im nächsten Jahre singen sollen?“
Und er lauschte weiter auf den lieblichsten gefiederten Sänger des Erdballs. Die Nachtigall wiederholte geduldig ihren Gesang wieder und wieder, manchmal langsamer, manchmal schneller, wie wenn sie auf gewisse Sätze mehr Bedeutung legte als auf andere. Und eine andere Stimme, die schwächer und dünner als die ihre war, schlug ihr die Triller und die Läufe mühsam nach. Es war klar, sie lernte dort in der wilden Rosenhecke ihren Sohn an.
Nachtigallen genossen in Marca keinerlei obrigkeitlichen Schutz,
sie wurden gefangen, geschossen, eingesperrt und verzehrt wie jeder andere Vogel. Doch um die Kirche herum that ihnen Keiner etwas zu Leide. Die Leute wußten, daß der Pfarrer ihren Gesang gerne hörte. Und wie Gesualdo nun so dasaß, vertieft in die Weisen, die der alte Vogel dem jungen beizubringen versuchte, fuhr er plötz— lich zusammen. Ein Schatten war über die Schwelle gefallen und eine Stimme rief ihm zu:„Guten Abend, Don Gesualdo.“
Er blickte auf und sah eine ihm wohlbekannte Frau vor sich; eine junge, hübsche Frau von allerhöchstens achtzehn Jahren mit einem Gesicht voller Wärme und Farbe, mit großen blitzenden, manchmal treu dareinschauenden Augen und schönem, rothen Mündchen mit blitzblanken Zähnen. Es war Generosa Fe, die Frau des Müllers Tasso Tassilo. In Marca waren die meisten Frauen von der Arbeit in der Sonne verbrannt wie die Mohren und sahen mit ihrem un— gepflegten Haar, den losen Formen und den Säuglingen an der Brust alt und runzlich aus, fast ehe sie noch eigentlich jung ge⸗ wesen. Generosa glich ihnen nicht. Sie arbeitete wenig, sie hatte klassische Formen, sie pflegte ihre Schönheit, und sie hatte keine Kinder, obwohl sie seit ihrem fünfzehnten Jahr verheirathet war. Sie war befreundet mit Gesualdo, sie stammten beide aus Bocca d Arno. Die Kette gemeinsamer Erinnerungen verband sie. Sie liebten es, sich ins Gedächtniß zurückzurufen, wie sie zusammen als Kinder durch das hohe Rohr gelaufen oder durch die Brandung gewatet.
Er entsann sich ihrer, wie sie als ein Mädchen von wenigen Jahren auf dem Sand um ihn herumsprang und über ihn lachte, wenn er als wohlbestallter Seminarschüler zu seinem Unterricht ging. „Gesualdo, hei Gesualdo,“ hatte sie dann gerufen,„welch schönen Beichtiger wir einmal an Dir haben werden!“ Und dabei hatte sie vor Jubel laut aufgekreischt und ihr hübsches Gesichtchen leuchtete wie die Wogen der See unter dem Sonnenschein.
Er hatte so oft an sie gedacht und sich gefreut, als Tasso Tassilo, der Müller von Marca, sich diese Frau aus Bocca d Arno in seine Mühle an dem kleinen Fluß des Dörfchens holte.
Tasso Tassilo hatte auf einer Geschäftsreise an die Küste ihr 1
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