Ausgabe 
3.10.1886
 
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zu den

Gberhessischen Uuchrichten.

Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.

Gießen, den 3. Oktober.

1886.

Don Gesualdo. Von Ouida, deutsch von Arthur Noehl.

Es war ein Junitag.

Die Grillen zirpten, die Eidechsen glitzerten, die Schmetterlinge spielten über dem reifen Korn, die Schnitter waren draußen im Weizen und die hohen Halme senkten sich und fielen unter der Sichel. Durch die kleinen Fenster seiner Sakristei blickte Don Gesualdo, der junge Pfarrer von San Bartolo im Dorfe Marca, mit sinnenden Augen auf die Bergseite, die sich vor ihm erhob und die er durch einen Rahmen von Kirschzweigen in voller Frucht sah. Die Berg seite war mit Korn, mit Wein und Maulbeerbäumen bepflanzt. Männer und Frauen regten zwischen den Bäumen die Hände. Es war der erste Erntetag. Ein blauer Himmel breitete sich über ihnen aus, und ihre Stimmen drangen heiter über das wogende Getreide meer mit heiteren, aber von der Luft und von der Entfernung ge dämpften Klängen an sein Ohr. Er seufzte, und doch hätte er auf Befragen sicher geantwortet, daß er glücklich sei und daß ihm weiter nichts fehle.

Er war ein schmächtiger, bleicher junger Mensch, fast noch ein Jüngling, mit einem zarten, bartlosen Antlitz, und braunen, guten und ernsthaften Augen. Er war der Sohn eines Fischers aus dem fernliegenden Bocca d' Arno, wo der Fluß zwischen Rohr und Kaktus büschen in's Meer geht. Doch wer wollte sagen, wieviel altes Etrusker- oder Lateinerblut in seinen Adern rollte? Die Bauersleute an der tyrrhenischen Küste wie in den Marschen haben gar klassische Züge und gar klassische Formen.

Jedenfalls war es der letzte friedliche Tag, den der Priester in Marca verleben sollte. e

Er wandte sich mit Widerstreben und Bedauern von dem Fenster ab, als die Alte, die ihm als Wirlhschafterin und Kirchenkehrerin diente, ihn zu seinem frugalen Abendbrot rief. Er hätte zu jeder ihm beliebigen Stunde zu Abend speisen können, es hatte ihm keiner etwas zu sagen; indeß es war einmal Sitte in Marca, in der drei undzwanzigsten Stunde zu Abend zu essen, und er war nicht der Mann, um Sitte und Herkommen zu verletzen. Gewohnheit ist in allen italienischen Gemeinden eine gewaltige Macht. Zuweilen hätte sich Don Gesualdo lieber draußen unter dem purpurroth erglühenden Horizonte befunden als drinnen vor seiner bescheidenen Mahlzeit; gleichwohl hatte er noch stets den Ruf der alten Candida zum Abendessen ruhig befolgt. Die Essensstunde ändern zu wollen, hatte ihm ein revolutionäres Beginnen geschienen.

Candida war eine kleine alte, von der Sonne schwarzgebrannte Frau mit sauber gekämmtem und aufgebundenen grauen Haar und im Ganzen reinlicherem Aussehen, als es sonst in Marca die Regel. Sie war aus einer Stadt des Nordens gebürtig und ihr Leben lang Wirthschafterin in Pfarrershäusern gewesen, und wenn der Küster krank oder abwesend war, wußte sie ebensogut wie er, wo

jedes Buch lag und jede Kerze stand, und sie hätte, wäre sie keine Frau gewesen, ganz ebenso gut das Küsteramt verwalten können. Sie besaß eine ungemein scharfe Zunge, und insgeheim war sie ge waltig stolz auf ihre Macht. Der Priester war der erste Mann in dieser kleinen, armen Gemeinde, aber der Priester stand so manches Mal vor ihr wie ein gescholtenes Kind, wenn sie zum Beispiel ent deckte, daß er sein bestes Hemd einem Bettler geschenkt hatte, oder wenn er achtlos mit schmutzigen Schuhen den ziegelgepflasterten Boden betrat, den sie eben gescheuert und mit Sand bestreut hatte. Es war die alte Geschichte so vieler irdischen Größen; er hatte wohl die Macht zu binden und zu lösen, zu segnen und zu fluchen und die sündigen Seelen der Menschen zu reinigen, aber darum war er doch in seiner Dienerin Augen nur ein täppisches, vergeßliches Kind.

Don Gesualdo war keineswegs ein kluger oder gelehrter Mann. Er hatte sich nur die nöthigen Kenntnisse gesammelt, um für den Eintritt in den Priesterstand die vorgeschriebenen Prüfungen zu bestehen. Darin bestand seine ganze Wissenschaft, indeß war er für Marca, das herzlich wenig eigenes Hirn besaß, noch immer klug genug, und er verrichtete jederzeit, soweit er sie begriff, seine Pflicht. Irgend welche Zweifel über die Natur seiner Pflicht kamen ihm nie. Dergleichen schwache Stunden kannte er nicht. Sein Glaube schien ihm so einfach und sicher wie die Sonne, die am Himmel strahlte; er war so treu und schlicht wie die Seele eines gefügigen Schäferhundes.

Er besaß eine poetische, in sich gekehrte Natur, und seine Seele war ganz von der Religion eingenommen. Seine Mutter war eine deutsche Magd gewesen, die sich aus einem kleinen Gasthof in Pisa mit einem Italiener verheirathet hatte, und etwas von dem träumerischen langsamen, ernsten Teutonen-Temperament hatte sich auf ihn ver⸗ erbt, so sehr er sonst als Typus des Italieners der Westküste gelten konnte.

Er führte ein recht monotones Leben in seinem Amt. Ver⸗ änderungen kamen in der Gemeinde selten vor. Leute, die in Marca geboren, blieben meistens auch dort, und neue kamen nicht hinzu. Marca war ein gesunder, freundlicher Ort auf dem Abhang eines abgelegenen Berges, auf dem seine Söhne und Töchter das ganze Jahr lang arbeiten konnten, ohne dem Fieber zu verfallen, höchstens daß oft zu Ende des Herbstes der reiche Weinsegen das Gleich gewicht der Bevölkerung zu gefährden drohte. Marca war weder historisch noch pittoresk, es that sich in keiner Weise hervor. Fünf hundert, fünftausends ganz ebensolche Dörfer stehen zwischen Korn feldern, Maisfeldern und Maulbeerbäumen mit ihren kleinen schwarzen Kirchen, weißgestrichenen Pfarrhäusern und ziegelgedeckten Bauern⸗ häusern allüberall in Italien. Solch kleiner ruhiger, von Städten und von Eisenbahnen ferner Ort war es, der, staubig und unschön an sich, doch mit einer herrlichen Umgebung gesegnet war, an die