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zu übergeben; aber wie erschreckt fuhr sie vor dieser Idee zurück. In die Hände dessen, der wie zu ihrem Unglück geschaffen schien, in seine Hände das Familienkleinod, das nur reine, unbefleckte Hände berührt,— nein, nein— Geld mußte er haben, Geld! Ihre unruhig verschleierten Augen unterschieden ein bekanntes Ge⸗ sicht auf der Straße und schon war Eduard van Mossel an ihrer Seite. Wie ein Retter erschien er ihr in ihrer Verlegenheit; sie fühlte, daß sie in ihrer Noth und Herzensaugst dem Juwelenhändler gegenüber durchaus nicht geeignet sei, das Collier zu verkaufen.
„Wie dankbar würde ich sein, wenn Sie mir Ihren Beistand in einem Geschäfte leihen wollten, das so ganz besonderer Natur ist, das ich kaum im Stande bin zu besorgen,“ sagte sie zu dem jungen Manne und sah ihn flehend an, so daß er ganz betreten über den Ausdruck ihres bleichen Gesichtes war.
„Mit Vergnügen bin ich bereit, gnädige Frau, unterrichten Sie mich nur, um welches Anliegen es sich handelt,“ antwortete er mit Bereitwilligkeit.
Zögernd, stockend, theilte sie ihm mit, um was es sich handle; sie erröthete, sie erbleichte, als sie ihm eine Erklärung geben wollte, warum sie das Geld haben müsse. Eduard erleichterte ihr die peinliche Situation, indem er schnell verständnißvoll darauf einging, als sie ihm mit bebenden Händen das Etui reichte. Er führte Julia zu einer Bank auf der nahen Promenade und versprach, das Geschäft nach besten Kräften zu besorgen.
Als er bei dem Juwelier angekommen und die klaren, blitzenden
Steine in der sonderbaren Fassung erblickte, entfuhr ihm selbst ein.
Laut der Bewunderung. Wo hatte er nur seine Gedanken gehabt? Da stand er nun vor dem Manne, der die Augen groß aufmachte und das Halsband und auch den Ueberbringer prüfend ansah. Es war zu spät, sich schweigend zurückzuziehen, etwas mußte Eduard doch sagen.
„Sehen Sie sich einmal dies Halsband an,“ begann er un— befangen;„es ist seit Jahrhunderten in seiner jetzigen Fassung ge— blieben; die Steine müssen von einem großen Werth sein.“
Der Juwelier prüfte, untersuchte und sagte dann achselzuckend: „In dieser Fassung ist es nicht mehr zu tragen; in einer neuen Fassung aber würden die Diamanten erst ihren ganzen Glanz ent—
falten, sie sind wirklich von außerordentlich reinem Wasser.“
„Welchen Werth hat das Halsband?“ fragte van Mossel rasch.
„Sie wollen es verkaufen?“ fragte der Juwelier mit einem sonderbaren Blick.—
„Nein,“ antwortete Eduard bestimmt.
„Es kann immerhin seine sechs- bis siebentausend Thaler werth sein,“ antwortete der Juwelier.„Wenn Sie die Steine ganz genau taxirt haben wollen, so müßte ich mich mit einem andern Juwelier benehmen.“
„Bemühen Sie sich nicht, es genügt mir schon Ihre Schätzung,“ sagte van Mossel und verließ schnell den Laden. Die bewegte junge Frau, die ihm so dringend ihre Bitte vorgetragen, und auch die Eigenart ihrer Bitte, ließen ihn im ersten Moment ganz über— sehen, was er hier eigentlich zu thun hatte,— nun aber eilte er zu seinem Banquier und hatte mit ihm eine kurze Besprechung: er mußte sogleich zehntausend Thaler haben für irgend einen Versuch in der Landwirthschaft. Nach einer Viertelstunde verließ er das Bureau und hatte die Summe bei sich.— Julia ging unruhig auf und ab, die Zeit dünkte ihr eine Ewigkeit. Endlich erschien Eduard mit fröhlichem Gesicht am Ende der Allee und sie eilte auf ihn zu.
„Alles besorgt, gnädige Frau,“ sagte er mit einem wohlthuenden, beruhigenden Lächeln.„Es ist Alles ganz nach Wunsch gegangen; hier sind die zehntausend Thaler,— kann ich Ihnen sonst noch einen Dienst leisten—“
„Ich danke, danke herzlich,“ flüsterte sie und ergriff seine Hände, die sie warm drückte.„Es wurde mir so schwer,“ sagte sie und die Thränen stürzten ihr aus den Augen;„und nun drückt es mich zu Boden, daß ich Ihnen nicht einmal sagen darf, zu welchem Zweck ich eine so bedeutende Summe augenblicklich brauche; aber es weiß es niemand, selbst mein Mann nicht. Es giebt traurige Nothwendigkeiten im Leben, und ein falsches Licht fällt dann auf den, den eine trostlose Verpflichtung zum Handeln zwingt.“—
Sie war so ergriffen und erregt, daß van Mossel sie zu der nahen Bank führte. Er setzte sich nicht neben sie; die Promenade war ganz menschenleer und Julia überließ sich nun ganz ihren
Thränen, einer Erleichterung, die ihr in der nervösen Spannung, in der sie die letzten Tage zugebracht, wohlthat. N
„Gnädige Frau, Sie zürnen mir nicht,“ fing van Mossel zögernd an, als Julia ihre Thränen getrocknet und dankbar zu ihm auf: blickte,—„hier ist das Halsband; es ist so schön und eigenartig und liebe, traute Erinnerungen knüpfen sich gewiß daran; es wäre unwiederbringlich verloren gewesen, wenn der Juwelier es in seine Hände bekommen hätte und ein Stein hierher der andere dorthin gewandert wäre. Es war für mich eine Kleinigkeit, die Summe beim Bankier aufzunehmen.“ 1 0
„Was haben Sie gethan?“ rief die junge Frau erschrocken. „Wie soll ich je ein solches Kapital abtragen, es nur verzinsen können; und wenn mein Mann es erführe—“
„Das Geld ist auf meinen Namen eingetragen,“ beruhigte er sie;„Sie haben mit der Angelegenheit nichts zu thun, gnädige 0 Frau; nur erlauben Sie mir, Ihnen das Kollier wieder zurück- zuerstatten.“
Sie sah ihn zweifelnd an, als hätte sie ihn nicht verstanden. Sie schüttelte langsam den Kopf und sagte:„Das ist nicht recht von Ihnen, lieber Freund; das ist zu viel, dies drückt mich ganz nieder. Das Kollier gehört selbstverständlich Ihnen. Einer solchen Handlungsweise gegenüber reichen Dankesworte nicht aus,“ flüsterte sie so leise, daß die letzten Worte kaum über ihre zitternden Lippen kamen. i
All' seine Bitten, das Halsband zurückzunehmen, waren umsonst.
„Nun ja,“ sagte er endlich,„so muß ich es wohl bewahren; aber nur als Ihr Eigenthum.“ N
Als sie sich trennten, war bereits die Dämmerung des kurzen Wintertages angebrochen. Frau van Mossel erwartete ihren Sohn bei einer Bekannten, und als er sich von der Promenade dahin begab, folgte ihm Lindner vorsichtigen Schrittes. Sein Gesicht war bleich und verzerrt, und als er langsam durch die Straßen schlich, sah er bedauerlich alt und hinfällig aus. Er wartete, bis Frau van Mossel mit ihrem Sohne eingestiegen war und erst dann ging er ins nahe Gasthaus und ließ sich sein Pferd vorführen. Der Gutsbesitzer hatte kaum eine Stunde nach seiner Frau Mandsfelt verlassen, weil ihm ihre Fahrt nach der Stadt Verdacht einflöͤßte; 1 er glaubte schon, ihre Spur ganz verloren zu haben, als er sie plötzlich sah, wie sie sich von der Bank erhob, und auf Eduard van Mossel zustürzte. Bleich, schwerathmend blieb Lindner an den Platz gefesselt und starrte die leidenschaftliche Bewegung seiner Frau an und die ganze Innigkeit, die sie dem jungen Manne zeigte. Um was mochte es sich handeln? ihre Protestationen, ihre Bitten ihm gegenüber, was mochten sie bedeuten? Eins stand fest, er war ein unglücklicher betrogener Mann; und der kalte Schweiß stand auf seinen Schläfen und der rauhe Ostwind fuhr durch seine ergrauenden Haare. Einen Augenblick lang mußte er sich an einem Baumstamm festhalten, der Boden wankte ihm unter den Füßen.— 5
Als er in der Abenddämmerung Mandsfelt zuritt, fühlte er sich unbeschreiblich elend. Ein Duell mit seinem jugendlichen Nachbar, daran war kaum jetzt zu denken. Was würde die Welt sagen, gerade jetzt, wo er im Begriff stand, seine Tochter an den Lord zu verheirathen? Würde es nicht wie Verdruß aussehen, weil van Mossel nicht längst dem Lord zuvorgekommen war? Oder wußte man um seine Schande, war er nur allein der Unwissende geblieben? Aber das Weib mit dem unschuldigen Kinderblick, das ihn so offenkundig. betrog, das mochte er nicht mehr vor Augen sehen. So kam er nach Hause und schloß sich in sein Arbeitszimmer ein. a
Julia stand unschlüssig mit der Hand voll Banknoten und über- legte, wie sie dieselben dem Lord konnte zukommen lassen. Sie mußte sie ihm selbst geben, das stand fest; der unheimliche Gang nach den Fichten mußte wieder spät Abends gemacht werden; vielleicht lag Georg auf der Lauer, und wenn Alles gelungen war, dann war sie in einer Lage ihrem Manne und ihren Stiefkindern gegenüber, die ihr nicht wohl erträglich erschien. Nein, nach dem Fichtenwald ging sie nicht wieder! Noch war vielleicht Alles gut;. Georg konnte nichts gesehen haben, nur ihren auffallenden Spazier- gang im Mondschein um 9 Uhr Abends; ihre Angst, ihre Ueber reizung hatten sie am Morgen allerlei eingebildete Gefahren sehen lassen,— ihr Mann war nicht anders gewesen als sonst.— War es nicht Eduard van Mossel, der auf der andern Seite der


