Ausgabe 
13.1.1847
 
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häuslichen Kreiſe, und keiner mit dem Abende beſchloſſen ohne ein herzlich dankendes Abendgebet, und ſo brachte Morgen⸗ ſegen und Abendſegen den rechten Tages- und Arbeitsſegen, und in die Herzen hinein ſchien der Friede Gottes, wie die Sonne in die Welt.

Wo ſolch ein Leben im Hauſe herrſcht, da gedeihen die Kinder innerlich und äußerlich, und nehmen zu wie an Jahren, ſo an rechter Weisheit und Wohlgefallen bei Gott und den Menſchen.

So wuchs in rechtem kindlichem Frohſinn, lieblich wie eine Saronsroſe, Eliſabeth heran, und wie der fromme Glaube in ihrer reinen Seele wohnte, ſo auch die ſegnende Liebe zu den Menſchen, ihren Brüdern und Schweſtern.

Ihr Vater war ein ſehr reicher Mann und verwandte, wie ein rechtſchaffener Vater ſoll, allen Fleiß auf den Unter⸗ richt ſeiner Tochter. Und dieſer Unterricht war nicht um⸗ ſonſt. Ihr lebendiger Geiſt faßte die Lehre ſchnell und klar auf und hielt ſie recht feſt. Bei ihr gings nicht, wie leider bei ſo vielen leichtſinnigen Knaben und Mädchen, zum einen Ohre hinein und zum andern hinaus. Daher kam es denn auch, daß ſie frühe ſchon den Werth eines guten Schul⸗ unterrichts ſchätzen konnte und mit tiefem Schmerze erkannte, wie in England ſo viele Kinder ohne Unterricht in dem, was zu einem nützlichen Leben gehört, aber vornehmlich in dem, was zu der Seele Seligkeit dient, dahinlebten und allem Unheile preisgegeben waren, das aus Rohheit und Gott⸗ loſigkeit hervorgeht.

Gott ſei Dank! ſagt da der Gevatter, da iſt es denn doch bei uns, in unſerm lieben Deutſchland, anders. Da wird doch jedes Kind in einer guten Schule unterrichtet, und wenn die Eltern verblendet und roh genug wären, das nicht zu wollen, ſo würden ſie geſetzlich dazu angehalten.

Ja wohl, Gevatter, was ihr da ſagt, iſt eine Wahr⸗ heit, die doch ja von Jedermann ſollte beherzigt werden. Darum aber ſegnet Eure gute Landesherrſchaft, die's ſo gut mit Euch und Euren Kindern meint, und die Männer, die in ihrem Rathe ſitzen!

Der Schulzwang mag wohl einmal dieſem oder jenem laſtig ſein, der ſeine Kinder ſchon benutzen möchte zur Ar⸗ beit, wie Laſtthiere, aber wenn er dann doch ſelber ſieht, wie ſie rechnen, ſchreiben und ihm am Sonntag Mittag aus Gottes wort ſo ſchön vorleſen können, vielleicht beſſer, als er ſelber, ſo muß er doch ſagen, eine gute Schule ſei ein reicher Schatz für Dorf und Stadt, und ein wackerer, pflichttreuer Lehrer ſei ein hochzuehrender Mann!

Doch, um wieder zu unſerer Eliſabeth zu kommen, ſie erkannte, wie geſagt, das Elend ſo vieler Kinder, die ohne allen Unterricht aufwuchſen(denn in England iſt's nicht wie bei uns), und faßte einen Entſchluß, der Gott und guten Menſchen, beſonders auch ihrem wackeren Vater, wohlgeſiel, ſie wollte nemlich eine Stube zu einer Schule einrichten und ſoviel arme, verwahrloſte Kinder aufnehmen und unterrichten, als eben die Stube faſſen konnte.

Das heiß' ich Menſchenliebe! Sie war reich. Da hätte ſie Geld geben können zu einer Schule, und das wäre ſchön und dankenswerth geweſen, und wäre zu wünſchen, unſere Reichen gäben aks nur Geld zu edlen Anſtalten; allein ſie legte ſelber Hand an und unterrichtete vier und zwanzig arme Kinder in Allem, was ihnen nützlich und gut war, beſonders aber in der Religion, die den Menſchen heiligt und ſelig macht. Und Elisabeth war damals erſt

achtzehn Jahre alt! Da mochte man wohl dem Morgen anſehen, wie der Tag werden wollte! Sie war eine ſo treue Lehrerin ihrer kleinen Zöglinge, daß dieſe die ſchönſten Fortſchritte machten, und eine ſo gute und liebevolle, daß die Kinder an ihr hingen mit gauzer Seele und ihr ge⸗ horchten auf den Wink.

445. Wer aber glauben wollte, daß mit dem Schulunter⸗

richte der Kinder Alles gethan geweſen ſei, wozu Eliſabeth's

frommes Herz trieb, der wuͤrde irren Wie ein tröſte

5 nder und helfender Engel Gottes trat ſie mit ihren Liebesgaben und Troſtesworten in die Hütten der Armuth, an das

Krankenbette der Elenden, und zu manchem verſtockten Her⸗

zen redete ſie ſo kräftig, daß es Buße that und das Leben beſſerte. Kein Bittender ging ungetröſtet weg von ihr, und wenn ihre Kaſſe leer war, ſorgte der gute Vater Gurnay, daß ſeiner lieben Tochter die Mittel nicht fehlten, wohlzu⸗ thun und mitzutheilen, weil ſolche Opfer Gott wohlgefallen.

Im Jahre 1800 verheirathete ſich Eliſabeth an Joſeph Fry, einen Kaufmann in London, der aber kein Pfennig⸗ zähler war, wenn's ans Wohlthun ging, und ſeiner leben Frau nicht nur freie Hand ließ, nach ihrem Herzen Gutes zu thun, ſondern ihr Geld genug dazu darbot und ſelber half nach Zeit und Kräften.

In London wird außerordentlich viel für gottgefällige Zwecke gethan. Da war denn auch ein reiches Feld des geſegneten Wirkens für Eliſabeth Fry; denn in London iſt auch erſtaunlich viel Elend, Rohheit und Gottloſigkeit. Da war etwas zu thun!

Eliſabeth Fry erkannte und überſchaute ſchnell das weite Gebiet, wo ihr Herz ſie wirkſam ſein hieß. Bei einem Beſuche des großen Strafgefängniſſes von Newgate blutete ihr Herz; denn da hinein wurde der Auswurf von London geſteckt, allein es geſchah auch nichts weiter für dieſen unglückſeligen Theil der Menſchheit.

Und wenn die Väter und die Mütter ruchloſer Hand⸗ lungen wegen im Gefängniſſe ſaßen, da kam, wie Ihr Euch leicht vorſtellen könnet, ein reiches Maaß des Elendes über die verlaſſenen Kinder, die nun bettelten und allem Ver⸗ derben preisgegeben waren.

In Eliſabeth's Seele ließ da der Herr, der da will, daß Niemand verloren werde, einen recht herrlichen Ge⸗ danken reifen. Sie ſtiftete zunächſt fuͤr die Kinder der Ge fangenen im Gefängniſſe Newgate eine Schule und Verſor⸗ gungsanſtalt. Da wurden ſie unterrichtet und verpflegt, dem Gift der Gaſſe, das im böſen Beiſpiel fortwucherte entzogen und ihre Seelen gerettet. Sie erkannte aber ſchnell, daß jenes Gefaͤngniß, wo Hunderte zuſammenleben, eine Schule der Laſter war und die Leute weit ſchlechter heraus

kamen, als ſie hinein gingen; ſie ſah ein, daß, wenn ſie

auch die Kinder auf gute Wege geführt habe, ſie, wenn nun die Eltern aus dem Gefängniſſe wieder herauskämen und die Kinder wieder zu ſich nähmen, wieder dem Ver⸗ derben hingegeben ſeien, und das lag ihr recht zentnerſchwer auf dem liebenden Herzen. Als ſie nun im Gebete dieſes Elend vor dem Herrn bedachte, kam ihr ein herrlicher Ge danke. Den Zuſtand des Gefängniſſes wollte ſie beſſern und zunächſt auf die weiblichen Gefangenen einwirken. Welch ein Gedanke für die Seele eines Weibes! Aber die Liebe iſt reich und der Glaube überwindet die Welt. Eliſabeth legte die Hände nicht müßig in den Schooß. Ein Aufruf von ihr erging an alle edle Frauen und Mädchen Londons. Zu gemeinſamem Werke lud ſie ſie ein. Die Worte aber, die ſie an ihre Schweſtern richtete, waren aus dem Herzen gekommen und gingen auch wieder zu Herzen. Die Gleichgeſinnten fanden ſich zuſammen, und Eliſabeth Fry's raſtloſer Eifer brachte einen Frauenverein zuſammen, der es ſich zur Pflicht machte, den Zuſtand des Gefängniſſes zu verbeſſern. die edlen Frauen und Mädchen das Gefängniß; hielten die weiblichen Gefangenen durch ihre Anſprache, durch Vor⸗ leſen aus der heiligen Schrift und andern erwecklichen, guten Büchern von dem Böſen zurück; veranlaßten ſie zur nütz⸗ lichen Thätigkeit. Ermahnung, Bitte, Zuſpruch, nichts

Täglich beſuchten abwechſelnd