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Eins iſt es, was mich hierbei betruͤbt, daß man ſo gerne die Lebensregel vergißt: Ein Jeder ſtrecke ſich nach
ſeiner Decke. Ich vergönne Niemanden das Verlangen
nach den Freuden dieſer Welt, ebenſo wenig tadele ich den Sinu für ſchöne Kleider und dergl. Ein jeder Menſch, wer er auch ſei, ſoll ſein Vergnügen haben. Nur den Grundſatz möchte ich einem Jeden zu beherzigen geben, welchen ein Pfarrer vor dem Preußenkönige Friedrich Wil—⸗ hem III. geäußert hat. Als dieſer ihn fragte, wie er mit ſeiner geringen Beſoldung die Haushaltung beſtreite, erwie— derte er: Ich folge der Regel, daß ich nicht mehr ausgebe, als ich einzunehmen habe. Ein goldener Spruch. Warum ſollte ich in einer kleineren, einfacheren Wohnung nicht zufrieden leben, wenn mir eine andere zu theuer iſt? Warum ſollte ich mit wohlfeiler Nahrung mich nicht ſättigen können, da doch Millionen bei ihrem Schwarz brod und ihrem ländlichen Gemüuͤſe des Lebens ſich freuen? Und wenn ich ſeltener die Vergnügungen beſuche, genieße ich dieſelben nicht um ſo mehr, weil ſie mir nichts Gewöhn— liches ſind? Iſt es denn uöthig, gerade Aufwand zu treiben, wenn ich einmal mich mit den Meinigen erhole? Soll ich denn ebenfalls einſtimmen in das Wort: Kleider machen Leute! Sollte ich nicht meine Perſönlichkeit höher achten, als daß ich ſis zu einem lebendigen Modejournal herab— würdigen möchte, zumal wenn mein Beutel Einſprache thut? Iſt es nicht ehrenwerther, ein beſcheidenes Gewand zu tragen, und für das Wohl der Familie zu ſorgen, als mit erborgtem Putze ſich zu ſchmücken? Und wenn ich meine Freunde zu mir lade, muß da aufgetiſcht ſein mit koſtbaren Weinen und Confitüren? Wäre es nicht ſchöner, wenn die Familien in Freundſchaft ungenirt und nicht genirend ein⸗ ander beſuchten, als bei unſeren Viſiten, wo die Etiquette gebietet, die Nachahmung herrſcht und die Langeweile nicht ſelten zu den Gäſten ſich geſellet. Ueberhaupt geſtehe ich ein, daß das ausländiſche Wort: Viſite, meinem deutſchen Sinne wiederſtrebt, und daß ich es gerne mit dem heimiſchen: Freund⸗ ſchaftsbeſuche vertauſchen möchte. Möchte doch die Eitel⸗ keit die Menſchen verlaſſen, daß es Einer dem Andern gleich, ja zuvor thun will, gewiß die Klagen würden weniger werden in dieſer Welt. Erſt das Nothwendige, dann das Entbehrliche. Erſt das Nützliche, dann das Angenehme, ſo ſollte Jedermann denken, beſonders in dieſem Jahre. Doch ich habe bisher hauptſaͤchlich der Städte gedacht, wo der Aufwand verbreiteter iſt als in den Dörfern, dennoch aber auch in dieſen das Jammern über die böſe Zeit. Die Landwirthe behaupten, mit ihrem reinen Gewinne nicht mehr auszureichen. Die Taglöhner nun gar, daß ſich Gott erbarm, bei ihnen herrſcht Hunger und Kummer. Wie aber läßt ſich dieſes Trauergemälde mit der Behauptung ſachverſtändiger Leute vereinen, daß der Wohlſtand im Wachſen wäre? Das Feld hat ſeit einigen Jahren faſt einen doppelten, wo nicht höheren, Werth erhalten! Iſt damit nicht auch das Vermögen der Beſitzer gewachſen? Ich bin ſelbſt in andern Gegenden geweſen, wo faſt all— gemeine Zufriedenheit unter den Landleuten zu finden war. Sie freuten ſich der Erleichterungen, welche ihnen durch
Verwandelung der Zehnten und Entfernung anderer Laſten gewehrt worden ſind. Sie behaupteten auf ihrem kleineren Gute mehr zu erziehen, als ihre Väter auf dem größeren. Auch die Landwirthſchaft hat Fortſchritte gemacht, und der Bauer ſelbſt darf hinter den Anforderungen der Zeit nicht zurückbleiben. Iſt nicht in unſerer geſegneten Wetterau in dieſer Beziehung noch Manches zu wünſchen? Einzelne Dörfer ſind mir bekannt, welche ſich ſeit 20 Jahreu außer- ordentlich gehoben haben. Ich denke z. B. an Pl, Om u. a. Hier haben tüchtige Oeconomen ein gutes Beiſpiel gegeben und Nachahmung gefunden; könnte es nicht ander— wärts eben ſo ſein? Warum hängen denn noch ſo Viele am Alten?„Warum verſchlafen Manche während des Sommers die beſten Arbeitsſtunden? Warum heißt es bei ihnen: Kommſt du heute nicht, ſo kommſt du morgen? Wa⸗ rum werden die Wieſen nicht gewäſſert, wo es geſchehen könnte? Warum fließet die beßte Dungkraft aus den Höfen weg, die Straßen zu verunreinigen? Warum noch wuͤſte oder unbebaute Aecker in bevölkerten Gegenden? Warum noch immer die Dreifelderwirchſchaft in ihrer Strenge mit ihren Fehlern und Gebrechen? Nicht die Zeiten ſind anzu— klagen, ſondern die Menſchen, wenn es in ſolchen Orten nicht beſſer wird. Und wie könnte ich mir verhehlen, daß auch manche ärmere Familie auf dem Lande die Bratpfanne oder den Kaffeetopf oft zur Unzeit gebraucht. Ich kenne deren nicht wenige, welche durch Naſcheceien und gutes Eſſen ihren Untergang beſchleuniget haben. Und nun der Branntewein— doch ich will ſchweigen davon. Leider liefert jedes Dorf Warnungsexempel in Menge. Es iſt ſchon ſo häufig in dieſem Blatte davon die Rede geweſen, daß der Gegenſtand anfängt langweilig zu werden. Wer hören will, hat genug gehört.
Aber auch ſchuldlos,(wer wollte es läugnen?) geht manche rechtſchaffene Haushaltung dem Verderben entgegen. In dieſem Winter beſonders iſt Mangel und Noth vorhanden. Dürften wir zögern mit der Hülfe? Manches geſchieht in unſern Tagen, die Leiden der Menſchheit zu mindern. Un⸗ glücksfälle erwecken Erbarmen und erweichen das Herz des Begüterten; doch die Fürſorge für die Armen könnte und ſollte noch beſſer werden. Wie ſelten wird doch den Duͤrf⸗ tigen, welche ſich des Bettelns und Bittens ſchämen, von freien Stücken die nöthige Gabe gereicht? Wie ſelten greift man zur gehörigen Stunde dem Bedrängten unter die Arme,
wenn er ſich zwar nicht durch ſich ſelbſt, aber mit einiger
Beihülfe wieder erheben könnte! Und ſollte man nicht ſo weit als möglich für Beſchaͤftigung ſorgen? Könnte nicht in der verdienſtloſen Zeit durch Anrottung einer Wüſte, durch Anlegung eines Weges u. ſ. w. manchem rüſtigen Arbeiter geholfen werden? Ueberſteigen auch bisweilen die Koſten den ſichtbaren Gewinn in ſolchen Fällen, ſo ſollte die Communalbehörde es als eine Unterſtützung für die Armen betrachten. Das iſt eine heilige Pflicht, den Duͤrf— tigen Gelegenheit zum Verdienſte zu bieten. Doch gegenwärtig reicht der Taglohn nicht aus. Man bedenke 24—30 kr. Einnahme und 20 Kreuzer für den Leib Brod. Iſt ein einziger hinreichend für 6— 8 Perſonen! Woher


