Mitglieder mit ihren blauen Scharpen, um einen Aufbrau⸗ ſenden zu beruhigen, hier bleibt einer mit ſeinem Toaſt ſtecken, dort läßt einer den im Hals ſtecken geblie⸗ benen Togſt hoch leben, hier laſſen ſie Jemand hoch leben, der für einen Pietiſten gilt, bei dem aber dieſen Abend die Natur zum Durchbruch kam, dort läßt einer die Flamme hoch leben, die eben der Feuerwerker entſtrömen läßt, hier ſteht der Wirth und kratzte ſich hinter den Ohren wegen der Gäſte, die ihre Plätze verlaſſen und das Bezahlen vergeſſen hatten und dort gehen die Lichter aus— und Feuerwerk und Böllerſalven und Muſik und Geſang und Jubel verurſachen einen ſolchen Lärmen, daß der Mond aufwacht und empor ſteigt. Sein glänzend Licht blendete Manchen ſo ſehr, daß er ſeinen Nachbar nicht erkannte. In derſelben Nacht ſollen manche Stimmen verloren gegangen und auch den folgenden Tag nicht mehr zum Vorſchein gekommen ſeyn.
Am Sonntag(20. Juli) Morgen wurde, wer noch um 6 Uhr ſchlief, durch einen Choralgeſang geweckt, der auf dem Marktplatz mit Muſikbegleitung ausgeführt wurde.
Gegen 8 Uhr wurden die Saͤngervereine von Fran— keuberg, Kirchhain, Rauſchenberg und Wetter auf dieſelbe Weiſe empfangen, wie Tags zuvor Butzbach, Dillenburg, Friedberg und Herborn. Im Ganzen mochten nun mit Marburg's Sängern an 500 Sänger in Marburg ſeyn, die gegen 11 Uhr in die Kirche zogen, wo das Conzert ſtattfand. In dem Conzert wirkten außer den Marburger Sängern und den erwähnten acht Sänger— vereinen noch von Caſſel mit: 1 Hofſänger(Föppel), 1 Muſik⸗Lehrer, 1 Organiſt, 14 Muſiker, 1 Lehrer und 3 Dilettanten. Die Chöre wurden, wenn man die Zuſammen⸗ ſetzung und die nur einmalige Probe in's Auge faßt, ſehr gut, und die Solis, welche von Herrn Föppel und einigen Marburger Herrn ausgeführt wurden, vortrefflich vor getragen. Das Publikum, welches ſich ſehr zahlreich ein— geſtellt hatte, verließ die Kirche ſehr befriedigt.
each 3 Uhr zogen nun ſämmtliche Sängervereine, auch die oben erwähnten Caſſeler Herrn, auf den Kampf⸗ raſen, wo eine Tribüne hergerichtet war, auf welcher einige Lieder gemeinſchaftlich geſungen wurden und die zugleich auch den Kampfplatz bildete, auf welchem die Wettgeſänge ausgeführt werden ſollten. Der Preis war eine Fahne, welche Marburger Damen gefertigt hatten und welche verhüllt auf der Tribüne ſtand und von einer Deputation Marburger Damen den Siegern überreicht werden ſollte.
Die Reihenfolge der Wettgeſänge wurde verloost und und dabei bemerkt, daß jeder Verein nur Ein Lied ſingen dürfe. Es waren 9 Looſe: Caſſel trat auch als Concurrent auf. Man wunderte ſich ſehr, daß Muſiker vom Fach bei den Wettgeſängen von Dilettanten-Ver⸗ einen aus kleineren Städten ſich Lorbeeren errin— gen wollten. Man hätte auch wohl gegen dieſe Concurrenz proteſtiren können; allein das wäre eine Undankbarkeit gegen die Marburger Damen geweſen, die einen Banner fur hochherziges edles Streben, aber keinen Zankapfel, gefertigt hatten; es wäre eine Undankbarkeit gegen die Gaſt⸗ freunde und gegen die Marburger Sänger geweſen, hätte
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man in ihr heiteres Feſt Disharmonie gebracht; nein, weder die Kampfrichter noch die Sänger konnten die Caſſeler zurück— weiſen, wenn dieſen ihr Zartgefühl nicht gebot, von ſelbſt auf den Wettgeſang zu verzichten.
Friedberg zog Nr. 1.— Im Felde ergraute Krieger erzählen oft, daß der erſte Kanonenſchuß vor einer Schlacht ſie erzittern gemacht habe, daß ihnen aber mit dem Feuer der Muth und mit dem Muth die Kampfesluſt und mit dieſer der Sieg geworden ſey;— und doch galt es da nur einen phyſiſchen Kampf. Hier aber ſollte ein geiſtiger eröffnet werden, wo das ängſtliche Zittern der Stimme den Sieg zweifelhaft machen konnte. Ihr aber habt nicht gezittert, den Kampf zu eröffnen; mit feſtem Fuße ſeyd Ihr auf den Kampfplatz geſchritten und habt, hinter Euch die Preisfahne, vor Euch die Preisrichter, Piano mit Forte ver— mählt und ein Lied hinaus geſungen, leicht und klar und des Kampfes würdig, ſo daß Siegesahnung in Eure Bruſt zog und hätte man Euch nochmal in's Feuer geführt, der Sieg wäre entſchieden Euer geweſen, denn trotz daß die Caſſeler Muſiker vom Fach waren und einen Hofſän⸗ ger bei ſich hatten und ſpäter als Ihr in's Treffen ge— führt wurden, ſangen ſie doch nicht beſſer, ſondern wurden Euch und Herborn gleichgeſtellt!
Caſſel, Friedberg und Herborn wurden von den Preisrichtern für gleich erkannt und ſollten um die Fahne looſen, nicht noch einmal kämpfen. Herborn traf das glückliche Loos und ließ die Damen Marburgs hoch leben.
Euch, Ihr lieben Herborner, mißgönnen die Friedber⸗ ger die Fahne nicht, obgleich ſie die feſte Ueberzeugung haben, daß Ihr bei fortgeſetztem Kampf nicht Sieger ge⸗ blieben wäret und daß Ihr jetzt ſchon in Eurem Herzen ihnen den Preis zuerkennt; ſie wünſchen nur, daß die Fahne ein Talisman für Euch ſey, der Euch anfeuert auf der guten Bahn fortzugehen, die Ihr betreten habt.
Die Friedberger ſangen noch einige Lieder, denen großer Beifall gezollt wurde, bis der Ruf zum Aufbruch erſcholl. Die Sänger zogen in die Stadt zurück und beeil⸗ ten ſich auf den Ball zu kommen, der im Engliſchen Hof ſtatt fand. 5
Montag, den 21., Vormittags, wurden die Sehens— würdigkeiten von Marburg betrachtet, wo denn die Eliſa— bethenkirche obenan ſteht. Eine Beſchreibung derſelben zu liefern, iſt die Zeit und auch der Raum dieſes Blattes zu beſchränkt, nur das Eine ſey erwähnt, daß an dem Ein— gang der Kirche ſo künſtlich in Stein ausgehauenes Laub⸗ werk iſt, daß in daſſelbe die Vögel ihre Neſter gebaut haben und in dem Laubwerk herum hüpfen.
Den Nachmittag nahm der Friedberger Verein auf dem Marktplatz Abſchied von allen übrigen Vereinen, die ſämmtlich auf Spiegelsluſt zogen. Als gegen 5 Uhr die Friedberger mit Geſang abzogen, hatten die Studenten auf dem Marktplatz Spalier gebildet und ſchloſſen ſich dem Zug mit Geſang an. Einer aus ihrer Mitte ſtellte ſich neben den Fahnenträger und blies auf einem Klappenhorn einen Marſch bis ans Ende der Stadt. Hier ſetzte ſich der Horniſt auf eine Gartenmauer und blies die Melodie:


