Ausgabe 
19.7.1845
 
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Das fünfte wetterauer Sängerfeſt zu Hel⸗ denbergen.

Wie angenehm und förderlich Geſang⸗Vereine an und fur ſich ſind, iſt längſt ſchon durch Erfahrung anerkannt worden; ebenſo wie dieſelben nicht allein zum geſelligen Ver⸗ gnügen, zur Erholung, zur Unterhaltung beitragen, ſondern vielmehr auch ein großes Rad in dem Werke bilden, welches die Volksbildung aufzuſchwingen beabſichtigt; und gewiß aus keinem andern Grunde beſchützt und befördert unſere weiſe Regierung das Gedeihen derſelben in dem erfreulichen Maße, wie wir es ſeit zehn Jahren wahrzunehmen Gelegenheit haben. Und abgeſehen davon, welche Vortheile gewährt es nicht dem Einzelnen, ſich bei einem Geſang-Verein zu betheiligen? Wie mancher Unbeholfene lernt hierbei etwas Takt beobachten; wie mancher auf ſeiner graden Linie Fortwandelnde wird nicht durch die dazwiſchenliegenden Räume zum Nachdenken angeregt! Der Ungeduldige lernt nach Noten aushalten; dem Schwätzer wird durch Pau⸗ ſen Schweigen beigebracht; und will Einer gar über ſeinen Horizont(die 5 Linien) hinaus, da geht's ihm an den Hals, und ſteigt er noch weiter, dann verſetzt man ihm Eins durch den Kopf. Selbſt der Duckmäuſer wird hier durch den Sechs⸗achtel⸗Takt eben ſo gut curirt, als der Maikäfer durch das Drücken ſeiner Füße luſtig wird. Kurz faſt ein Jeder kann ſich hier etwas ad notam nehmen. Jedes Temperament wird hier gleichmäßig zugeſtutzt, alle Ecken müſſen weichen, Alles muß ſich runden und ſich zu einem har⸗ monirenden und harmoniſchen Ganzen bilden, und auf dieſe Weiſe eben wird dann auch der Hauptzweck eines ſolchen Ver⸗ eines, die ſittliche Ausbildung, erreicht.

Doch uns liegt heute zunächſt die Verpflichtung ob, allen denen, die nicht Gelegenheit hatten, dem am 13. Juli ſtattgefundenen Sängerfeſt zu Heldenberg beizuwohnen, eine möglichſt getreue Beſchreibung deſſelben zu liefern, und wollen daher ausſchließlich dieſem Bericht dieſe Zeilen widmen.

Nachdem die berittenen Comitee-Mitglieder von Hel⸗ denberg nach den verſchiedenen Richtungen hin, von welchen die erwarteten Sänger-Vereine eintreffen mußten, denſelben entgegen geritten waren, geleiteten ſie dieſelben zu einem Sammelplatze außerhalb des Ortes. Hier wurden nun die Mitglieder der betreffenden Vereine erſucht, ihre meiſtens ſchön mit Eichenlaub bekränzten Wagen zu verlaſſen, und ſich in einen Zug, je 4 Mann, unter Vorantragen ſämmt⸗ licher Fahnen, zu ordnen. Böllerſalven verkündeten den

Beginn des Feſtes und unter kräftiger Muſikbegleitung ſetzte ſich der Zug etwa gegen 12 Uhr in Bewegung. Von un⸗ geheuren Menſchenmaſſen umgeben, durchſchritt derſelbe die mit einemWillkomm geſchmückte Ehrenpforte und begab ſich auf den geräumigen Hof des Schulgebäudes, wo die Fahnen einſtweilen aufgelegt wurden, und die Probe abge halten werden ſollte. Herr Neeb, der Dirigent der vorzu tragenden Geſangſtücke, beſtieg ſodann die Tribüne, und redete die Verſammlung ungefähr folgendermaßen an: Meine Herrn, ſeien Sie mir herzlich willkommen. Wo die deutſchen Sänger ſich verſammeln, da reichen ſie einander

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brüderlich die Hand; da ſind ſie frei von aller Philiſterei, und es herrſchet nur Eintracht und Friede; und ebenſo laſ⸗ ſen Sie uns auch heute dieſes Feſt begehen! Ein freudiges Lebehoch erwiederte dieſe Rede, und nun begann die Probe. Am Ende derſelben wurde dann noch den verſchiedenen Ver⸗ einen von einem Comitee-Mitgliede angezeigt, daß für je einen Verein ein beſtimmtes Gaſthaus zum Mittagsmahl gewählt ſei, für welche gute Anordnung man dem Comitee nur Dank wiſſen, und dieſelbe auch bei ähnlichen Gelegen heiten ſehr empfehlen kann. Ungefähr gegen 3 Uhr wurde durch Trommelſchlag und Trompetenſtoß das Zeichen zum Sammeln auf dem Probeplatze gegeben. Hier ordnete ſich nun der Feſtzug in alphabetiſcher Ordnung nach den Ortſchaften der Vereine, ſo daß jeder Verein ſeine Fahne mit ſich führte. Das Comitee und die Feſt⸗Muſiker ſchrit⸗ ten voraus, dann folgten die übrigen bis zu den Hanauer Vereinen, die ihre mitgebrachte Muſik vor ſich herſchreiten ließ, denen ſich hierauf die ubrigen wieder anſchloſſen. War auch bisher das Wetter ziemlich trübe geweſen, ſo hatte es ſich jetzt aber zu dem eigentlichen Beginne des Feſtes ganz aufgeklärt, und einen herrlichen Eindruck gewährte der ſchön geordnete Feſtzug, aus ungefähr 12 Vereinen be⸗ ſtehend, umgeben von wogenden freudigen Menſchenmaſſen und unter fortwährenden Böllerſchüſſen. An dem ſehr gro⸗ ßen Feſtplatze angekommen, wurden die Sänger von dem Hrn. Neeb und dem Comitee unter der dort errichteten Ehrenpforte begrüßt, auf welche die Vereins-Fahnen nieder⸗ gelegt wurden, und in den Sängerkreis geführt, wo als⸗ bald die Muſik⸗Aufführung ihren Anfang nahm. Die Muſik⸗ ſtücke wurden recht gut ausgeführt, und nach dem Schluß der erſten Abtheilung nahmen die Volksbeluſtigungen, als Maſtklettern und Sacklaufen zum Ergötzen des Publikums ihren Anfang. Nachdem die zweite Abtheilung zu Ende war, nahm Hr. Neeb nochmals das Wort und charakteri⸗ ſirte namentlich den deutſchen Sänger: wie es demſelben eben nur um die Kunſt des Geſanges, dieſes erhebenden Lebensgenuſſes zu thun ſei, daß er ſich fern von allen poli⸗ tiſchen und religiöſen Wirren halte, und die Muſik nur als die Würze des Lebens betrachte. Hierauf folgte noch ein Vortrag, den ein Mitglied des Friedberger Geſang-Vereins hielt, in welchem ſich des Sängers Liebe zum Vaterlande und zum angeſtammten Fürſtenhauſe kund gab, und ſich gegen den Schluß zu einem kräftig unterſtützten Lebehoch auf die Landesregierung entwickelte. Alsdann ſetzte ſich der Zug nach den aufgeſchlagenen Zelten zu in collegialiſcher Weiſe in Bewegung. Bei Glaͤſerklang und in Geſellſchaft recht netter Damen öffnete ſich nun erſt vollends des Sün⸗ gers Bruſt, und Jubel und Luſt und Liebe und Freundſchaft waren jetzt Beherrſcher dieſer Fröhlichen geworden. Einzelne Geſang⸗Vereine trugen nun Lieder vor, und belebten die Unterhaltung, und Tanzluſtige ſchwebten mit ihren Mädchen im brauſenden Walzer daher. Jung und Alt, Groß und Klein, Alles hatte freundliche Geſichter und weder Welt ſchmerzler, noch Hungerleider waren zu erblicken. So ging es denn auch bis zum ſpäten Abend bei Tanz und Sang und Gläſerklang in lobenswerther Aufrechthaltung der ge⸗