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ſchon daran gewohnt wäre; wenn ich ſeine Ohren naher betrachtete, ſo würde ich finden, daß ſie wie ein Sieb durch—⸗ lochert waͤren. Das änderte dann meine Geſinnungen in ſeinem Betreff durchaus; er hatte noch anderthalb Stunden zu ſtehen und das war mehr als genug für mich, um ihn zu zeichnen.
Es war ein vollſtändig componirtes Bild. Der Bäcker, welcher mit dem Ohre angenagelt war, hielt ſich ſteif und unbeweglich auf den Spitzen der großen Zehen, und neben ihm ſaß auf der Schwelle der mit der Execution beauftragte Gerichtsdiener, ſeine Pfeife rauchend, deſſen La— dung auf die Strafzeit berechnet zu ſein ſchien. Um dieſe Perſonen her hatte ſich ein Halbkreis von Zuſchauern ver— ſammelt, welcher enger oder weiter wurde, je nachdem neue Zuſchauer hinzutraten oder die älteren weggingen. Wir poſtirten uns an eins der äußern Enden und ich fing meine Arbeit an.
„Als der Bäcker nach etwa zehn Minuten ſah, daß er von den Umſtehenden, unter denen er auch wohl einige Kun⸗ den bemerken mochte, keine Erleichterung zu erwarten hatte, wagte er es, ſeinen Aufſeher anzureden:
„— Freund, ſagte er, ein Geſetz unſeres heiligen Pro—⸗ pheten befiehlt, daß die Menſchen einander beiſtehen ſollen.
„Der Wächter ſchien gegen die Richtigkeit dieſer Lehre nichts einzuwenden zu haben und rauchte ruhig fort.
„— Bruder, ſagte der Patient weiter, haſt du mich verſtanden?
„Der Wächter gab kein anderes bejahendes Zeichen, als eine große Dampfwolke, welche ſeinem Nachbar in die Naſe ſtieg.
„— Bruder, fuhr dieſer fort, einer von uns beiden konute dem andern beiſtehen, und ſich dadurch vor dem Propheten angenehm und wohlgefällig machen.
„Die Dampfwolken folgten einander mit einer fur den Unglücklichen verzweiflungsvollen Regelmäßigkeit.
„— Bruder, fuhr er mit kläglicher Stimme fort,— wenn du mir einen Stein unter die Ferſen legſt, dann will ich dir einen Piaſter(ohngefähr 9 kr.) geben,—(gänzliches Stillſchweigen),— zwei Piaſter,—(Pauſe),— drei Piaſter, —(Dampfwolke),— vier Piaſter.
— Zehn Piaſter, ſagte der Wächter.
„Das Ohr und die Börſe des Bäckers beſtanden einen Kampf mit einander, welcher ſich auf ſeinem Geſichte ab— ſpiegelte; endlich ſiegte der Schmerz, und die zehn Piaſter fielen neben dem Gerichtsdiener nieder, welcher ſie aufhob, einen nach dem andern zählte, in ſeinen Beutel ſteckte, die Pfeife an die Mauer lehnte, aufſtand, einen Stein ſo dick wie ein Spatzenei aufhob und ſeinem Nachbar unter die Ferſe legte:
„— Bruder, ſagte der Patient, ich fühle nichts unter den Füßen.
— Es liegt aber doch ein Stein darunter, ſagte der Gerichtsdiener, indem er ſich wieder ſetzte, ſeine Pfeife nahm und zu rauchen fortfuhr; nnr iſt er ſo groß, wie er für ein ſolches Geld ſein kann. Gieb mir einen Talari(2 fle 20 kr.) und ich will dir einen Stein unterlegen, ſo ſchön
und ſo paſſend, daß du noch im Paradies mit Luſt an den Platz vor deiner Ladenthür denken ſollſt.
„Das Ende davon war, daß der Gerichtsdiener ſeine 2 fl. 20 kr. und der Bäcker ſeinen Stein erhielt. Wie übrigens die Sitzung endigte, weiß ich nicht, ich war in einer halben Stunde mit meiner Arbeit fertig.“
Zur Wetterauer Chronik.
Im Jahr 1838 wanderten zwei der brayſten und rechtſchaffenſten Jünglinge unſers Dorfes Beyenheim, Karl Rühl und Friedrich Maul, von Jugend auf gute Kamera⸗ den als Bergknappen in die Fremde, begleitet von den Segens⸗ wünſchen ihrer Verwandten und der ſämmtlichen hieſigen Einwohner.„Ihnen ruhten noch im Zeitenſchooſe die ſchwar⸗ zen und die heitern Looſe.“ In der Gegend von Aachen nahmen ſie auf einem gewerkſchaftlichen Erzbergwerke Arbeit, wo es ihnen gefiel und ſie bald beliebt wurden.
Ein tiefes Gefühl der Rührung und der Freude ergriff die hieſigen Einwohner, als ſie zwei Jahre ſpäter, am Vorabend des heiligen Pfingſtfeſtes zuſammen zum Beſuche hier angekom⸗ men, an genanntem Feſte das heilige Abendmahl mitfeierten, und ihr Erſcheinen in jeglicher Beziehung das deutlichſte Zeugniß ihres ſittlich guten und ſinnigen Lebens war. Nach mehrtägigem Aufenthalt in der lieben Heimath kehrten ſie wieder zu ihrer Arbeit zurück, wo bald darauf Karl Rühl zum Steiger des Werks befördert zu werden das Glück hatte. Das Glück? Ach, das war ihm ſeine Beförderung nicht! Beim erſten Mal, als er als Steiger in einen Schacht gefahren war,— entſetzlich!— machte eine hinabſtürzende Fördertonne ſeinem jungen, unentweihten Leben ein Ende. Er hinterließ einen armen, am Stabe gebückt gehenden Vater, den er aus der Ferne her mit anſehnlichen Unter⸗ ſtützungen erquickt hatte, und der jetzt noch den Verluſt eines ſo edeln Sohnes beweint.“
Friedrich Maul kehrte bald nach dieſem traurigen Vor⸗ falle erkrankt in ſeine Heimath zurück, erfreuete ſich jedoch bald einer völligen Geneſung und konnte auf dem Dorhei⸗ mer Bergwerke wieder Arbeit nehmen. Er erkannte eine wohlthuende Pflicht in der Unterſtützung ſeines ſeit längerer Zeit bettlägerig kranken Vaters, bis auf den Augenblick, wo er, wie ſein Freund Rühl, einen ſchauderhaften Tod finden ſollte. Am vergangenen Donnerſtag, dem 23. d. M., als er kaum Morgens früh das älterliche Haus verlaſſen hatte, wurde er bewußtlos wieder dahin zurück getragen. Er hatte dem Wirth Friedrich Huber dahier keltern helfen, beim Zudruͤcken der Kelter brach ihm der Hebel, in Folge deſſen er mit der ganzen Gewalt ſeiner Kraftanſtrengung mit dem Kopfe wider eine Schwelle des Kelterhauſes ſtürzte und in erwähntem Zuſtande nach Haus getragen werden mußte.„Herr Jeſu, dir leb' ich, dir ſterb' ich!“ waren die einzigen Worte, die er noch zu ſtammeln vermochte. Zehn Stunden ſpäter war er verſchieden. Die große Theilnahme bei ſeinem Begräbniſſe am verfloſſenen Sonntage, wo wir, beiläufig bemerkt, gerade Kirchweihe hatten, zeugte genug— ſam, wie er gelebt hatte, und es war wohl kein Ange thrä—


