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Mahnungen und Rathſchlaͤge in Bezug auf die dieß jaͤhrige Kartoffelernte.
I. Die Behandlung der angefaulten oder der Fäule verdächtigen Kartoffeln.
Vor Allem muß der hin und wieder verbreiteten An⸗ ſicht, als ſeyen Kartoffeln dieſer Art für den menſch⸗ lichen Genuß überhaupt, ja nicht einmal für Thiere ohne Benachtheiligung der Geſundheit zu gebrauchen, als durchaus unbegründet widerſprochen werden. Einestheils haben die mit der Trockenfäule behafteten Kartoffeln nicht nur faſt denſelben Gehalt an Slärkemehl, ſondern es läßt ſich darin auch nicht der mindeſte Stoff von Schädlichkeit auffinden. So verhält es ſich auch bei den naßfaulen Kartoffeln; das Einzige aber, was ihnen entgegen ſtünde, der faul gewordene Eiweißſtoff, läßt ſich ja durch Ausſchneiden oder Abſtoßen mit ſtumpfen Beſen ganz leicht entfernen.
Das einfachſte Mittel zur Nutzbarmachung angefaul— ter oder der Fäule verdächtiger Kartoffeln für den menſch— lichen Gebrauch iſt wohl das, daß man ihnen das Element der Vergänglichkeit, nemlich die Feuchtigkeit, alsbald benimmt und ſie in ganz trockenen Zuſtand bringt.
Denn ob man ſie in ihrer gewöhnlichen Form, oder in der von Grütze ꝛc. verſpeiſt, das gilt ja in der Hanpt⸗ ſache ganz gleich. Die Wege dazu ſind verſchiedener Art: entweder verwandelt man ſie in gedörrte Schnitzen ꝛc, oder in Mehl. Erſterer Weg iſt der einfachſte und hat noch den beſonderen Vortheil voraus, daß man dabei auch noch die übrigen feſten Beſtandtheile der Kartoffeln, die Faſern, be⸗ hält, während dieſe, bei der Verarbeitung der Kartoffeln auf Mehl ausgeſchieden werdend, für ſich weniger gut zur menſchlichen Nahrung verwendbar ſind.
Zur Verwandlung der Kartoffeln in Stärkemehl be— dient man ſich gewöhnlicher Reibeiſen, indem man das Stärke— mehl aus dem zerriebenen Faſerſtoff mit friſchem Waſſer, dieß mehrmals wiederholend, ausſchwemmt. Sehr fördern laßt ſich dieſe Arbeit, wenn man das Reibblech flach machen und darüber ein in Nuthen laufendes Käſtchen, wie bei den Krauthobeln, anfertigen läßt, nur etwas ſchmäler, um die zu reibenden Kartoffeln leichter feſthalten zu können.“) Der ausgeſchwemmte Faſerſtoff iſt, mit Salz gegeben, ein außer— ordentlich beliebtes Viehfutter und läßt ſich, mit ſolchem wie Sauerkraut behandelt, lange Zeit aufbewahren.
Will man die Kartoffeln, was, wie geſagt, immerhin das Einfachſte iſt, in Schnitzen ꝛc. ſchneiden, ſo werden dieſe im Back— ofen getrocknet und dann in Mahlmühlen zu Mehl gemahlen.
Das Schwarzwerden der Kartoffeln bei dieſer Manipu— lation läßt ſich ganz einfach durch folgendes Mittel ver— meiden. Man bringt nämlich die geſchälten und in Scheib— chen geſchnittenen Kartoffeln in ein hölzernes Gefäß und übergießt ſie mit Waſſer, zu welchem auf 99 Maas eine Maas engliſche Schwefelſäuere gemiſcht worden iſt, bis die Brühe darüber geht.(Mit der reinen Schwefelſauere muß übrigens ſehr vorſichtig umgegangen werden. Das Waſſer darf nicht in die Säuere, ſondern dieſe muß lang⸗ ſam in das Waſſer geſchüttet werden.) In der oben be— merkten Flüſſigkeit bleiben die Schnitzen ſtehen, bis ſie eine mehr weiße Farbe angenommen haben und die natürliche Farbe verſchwunden iſt, was gewöhnlich in 24 Stunden der Fall. Nun wird das geſäuerte Waſſer ab- und die Kar— toffeln ſo lange mit reinem Waſſer übergoſſen, bis der ſauere Geſchmack ganz abgewaſchen iſt. Die Kartoffeln werden als— dann, wie vorbemerkt, getrocknet. In dieſem Zuſtande laſſen ſie ſich ſehr leicht aufbewahren, leicht bröckeln und zerſtoßen, und geben, auf der Mühle gemahlen, ein ſchönes weißes Mhel.
*) Bei Schreinermeiſter Feiling und Spenglermeiſter Heidt in Friedberg werden dieſe Reibmaſchinen aufs Zweckmäßigſte gefertigt.
Die im Vogelsberge in Fällen vorliegender Art ge— bräuchliche Manier, die Kartoffeln zu dämpfen und die ge— dämpften, zuvor ausgepreßten, Kartoffeln im Backofen zu dörren, wobei ſich eine recht ſchmackhafte Grütze erzielen läßt, gehört ebenfalls hierher.
Sind die Kartoffeln der Fäule nur verdächtig, man will aber Kartoffeln dieſer Art in ihrer eigenthümlichen Form aufbewahren, ſo läßt ſich dieß durch Behandlung mit Chlor oder mit Schwefel nach ſicheren Erfahrungen recht gut bewerkſtelligen. Bei der Behandlung mit Chlor werden die kranken wie die geſunden Kartoffeln während einer hal— ben Stunde in Waſſer gelegt, worin auf je 25 Maas 1 Pfund Chlorkalk aufgelöſt iſt; hierauf bringt man dieſelben während 20 Minuten in Waſſer, worin auf 25 Maas 1 Pfund Soda aufgelöſt iſt. Die nun herausgenommenen Kartoffeln werden mit kaltem Waſſer abgeſpült, an der Luft getrocknet und auf gewöhnliche Weiſe aufbewahrt. Ein Pfund Chlorkalk(10 kr. koſtend) und ein Pfund Soda (koſtet 9 kr.) reichen hin, um 500 Pfund(eiren 2% Mltr.) Kartoffeln auf dieſe Art zu behandeln.
Will man die Kartoffeln mit Schwefel behandeln, was ſich auch ſchon bei uns, nach Verſuchen des Herrn Weinhändlers Heckler zu Bensheim, bewährt hat, ſo ge— ſchieht es entweder im Freien, oder in Fäſſern. Im letzte— ren Falle nimmt man ein nicht zu kleines geſundes Wein— faß(da die kleinen keine Thürchen haben), kehrt es um, ſo daß der Spunden nach unten kommt, ſchuͤttet die Kartoffeln durch das dann oben befindliche Thürchen ein und verbrennt dann den Gewürzſchwefel hart unter dem Spunden, ſo daß der ganze Schwefeldampf in das Faß kommt und durch die ſammtlichen Zwiſchenräume der Kartoffeln dringt.
Beim Schwefeln im Freien verfährt man auf folgende Weiſe: Der Boden, auf den der Kartoffelhaufen zu liegen kommen ſoll, wird gut zuſammengetreten; dann nimmt man zwei ſtarke Bord, ſtellt ſolche ſchräg gegen einander, ſo daß ſie eine Rinne bilden. In dieſe legt man einen Schwefel ſpahn nach dem andern der Länge nach durch, befeſtigt die Bord mit Latten und legt Kartoffelkraut darüber; auf dieſes läßt man nun die Kartoffeln ſchütten, ſteckt den Schwefel an und läßt ihn ſo verſchloſſen unter dem Kar— toffelkraut durchbrennen. Die Kartoffeln werden hierbei vollkommen trocken und zeigen ſich im Frühjahre noch ſchöner, als andere nicht ſo behandelte. Bei Kartoffeln, welche ſchon Fäulniß angeſetzt hatten, war ſogar bei dieſem Verfahren die Wunde ausgetrocknet und der übrige Theil ganz geſund.
Sind die Kartoffeln bereits in einen Grad von Faͤul— niß übergegangen, daß ihre Benutzung zum menſchlichen Gebrauch(was vor Allem das Wünſchenswertheſte bleibt) nicht mehr möglich gemacht werden kann, dann laſſen ſie ſich immer noch als Viehfutter benützen. Pferde, Schaafe, Rindvieh und Schweine freſſen ſie, zumal mit Salzwaſſer übergoſſen, ſo gerne wie ſonſten. Iſt der Vorrath zu groß, um ſie auf dieſe Weiſe ſchnell genug verbrauchen zu können, ſo iſt das Einſalzen derſelben ein ganz entſprechendes, längſt bewährtes Auskunftsmittel. Zu dem Ende läßt man die Kartoffeln ſo viel wie möglich reinigen, dann zerkleinern, und ihre wäſſerigen Theile ausdrücken, worauf das Einſal⸗ zen derſelben in Kufen, Erdgruben mit ſeſten Wänden ꝛc. ſo vorgenommen wird, daß das Salz ſchichtweiſe darüber hergeſtreut, das Ganze mit einem Deckel oder mit Brett— ſtücken bedeckt und beſchwert wird.
Den letzten Ausweg, der aber immer nur im größten Nothfalle betreten werden ſollte, damit die Kartoffeln zur menſchlichen Nahrung ſo viel als thunlich erhalten werden— was auf dem oben angedeuteten Wege auch ganz leicht möglich iſt— bietet die Verarbeitung der Kartoffeln auf Branntwein, Stärkemehl und Hefe; denn der Stärkemehl⸗


