Ausgabe 
1.2.1845
 
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Intellige

für die

nz3-Blatt

Provinz Oberhbeſſen

im Allgemeinen,

die Kreiſe Friedberg, Grünberg und Hungen

und die angrenzenden Bezirke im Beſonderen.

M10. Sonnabend, den 1. Februar r AAA

Eine Geſchichte, wie's viele gibt.

Nath. Gott grüße Dich, mein lieber Nachbar Jere mias, mein theurer Bruder in dem Herrn!

Jer. Die Liebe Gottes ſei mit Dir, in dem Herrn geliebter Nathanael, und die Gnade des Lammes Jeſu Chriſti. Amen!(Blickt demüthig nach oben und dann zur Erde.)

Nath. Deine Augen ſehen ſtets zu dem Herrn; Du Begnadigter, und deine Reden ſind Honig. Wie geht es in dem niederen Lande der Erde?

Jer. Schlecht, mein Bruder, ſchlecht, denn Wenige nur findeſt Du, die ihre Seligkeit ſchaffen mit Furcht und Zittern, nirgends keine Religion, kein Chriſtenthum, kein Glaube. Viele ſind berufen, aber Wenige ſind auserwählt, und mit dem Propheten Jeremias muß man ſagen: mein Volk iſt wie eine verlorene Heerde, und mit dem Propheten Jeſaia: es iſt ein ungehorſames Volk und verlogene Kinder. Täglich flehe ich für die Verſtockten zu meinem Heiland mit den Worten des 28. Pſalms: hilf deinem Volk und ſegne dein Erbe! aber Er erhört mich nicht, Er, der durch den Propheten Hoſea ſpricht: Ihr ſeid nicht mein Volk, ſo will ich auch nicht der Eure ſein.

Nath. Du machſt mich betrübet im Geiſte, mein Bru⸗ der in Chriſto! Was iſt's, das Dich zu ſolcher Klage ſtimmt? hat doch das Kirchlein des Herrn erſt neuerdings in deinem Nachbar Wohlgemuth, wie Du mir ſagteſt durch deinen Eifer einen neuen Zuwachs erhalten

Jer. O ſchweige, wecke nicht durch dieſen Namen die ſchmerzlichſten Erinnerungen in mir, die Erinnerung an viele vergebliche Mühe, an viel Nachtwachen und Gebet bei Tag und Nacht

Nath. Wie ſo? iſt Dir das heilige Werk der Be kehrung nicht gelungen?

Jer. Ach nein! unſer lieber Heiland iſt nicht einge zogen in jenem Hauſe und es wird an ihm in Erfüllung gehen, was in der Offenbarung des Johannes geſchrieben ſteht: weil du aber lau biſt und weder kalt noch warm, ſo

Ach!

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werde ich dich ausſpeien aus meinem Munde. Was nützt all das Allmoſengeben und Gutesthun, wenn man es nicht thut im Namen Jeſu Chriſti? was nützt all das Kirchgehen und Singen und Beten, wenn keine chriſtlichen Geiſtlichen des Herrn Wort verkündigen? was nützt die ganze Erzie hung des jungen Geſchlechts, wenn der angeerbte Schand fleck der Sünde nicht mit dem koſtbaren Blute unſeres lie⸗ ben Heilandes abgewaſchen wird? So und ähnlich habe ich hundertmal zu Wohlgemuth geſagt und habe ihn gebeten, mit mir zu gehen in unſere chriſtlichen Verſammlungen, damit er Gott recht erkennen lerne und den, den er geſen det hat, aber immer hat er geſagt:laß mir den Schnick⸗ ſchnack; ich glaube auch an Jeſum Chriſtum, nur daß ich ihn nicht immer im Munde führe; ich tröſte mich auch der Gnade Gottes, nur daß ich glaube, es gehöre mehr dazu, ſie zu erwerben, als daß man es ſaget, man troͤſte ſich ihrer; ich glaube auch, daß es kein höheres Gut gibt, als einen echten rechten feſten Glauben, nur daß ich ihn mir nicht denken kann ohne die Werke der Liebe in den ver ſchiedenſten Verhältniſſen; ich halte auch etwas auf chriſt liche Gemeinſchaft, nur daß ich ſie in der ſchon beſtehenden

Kirche ſo, wie ich ſie wünſche, finde darum beſuche ich die Kirche, darum zeige ich mich als Chriſt in meinem Wan

del, darum halte ich gute Werke, in Liebe geuͤbt, nicht fuͤr unnöthig, viel weniger gar fur ſchädlich, darum gebe und helfe ich, wo ich kann, denen, die mir am nächſten ſind, am liebſten, aber auch den fernen nach meiner Kraft und wie die unchriſtlichen gottesläſterlichen Reden noch weiter lauteten. Ich aber ſchüttelte, wie der Apoſtel, den Staub von meinen Füßen und dankte dem lieben Heiland, daß er bei mir die Gnade hat zum Durchbruch kommen laſſen.

Nath. Ja! Du biſt in Wahrheit reichlich begnadigt, Du Gebenedeiter des Herrn, und über Dir ausgeſchüttet iſt das Füllhorn ſeiner Erbarmung.

Jer. Wohl wahr, aber dafur iſt auch das Wort vom Kreuze allezeit in meinem Munde und ſtets bin ich geſtig felt zu treiben das Evangelium des Friedens. Ich habe e