Ausgabe 
12.3.1841
 
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76.

Trauerfall.

In der Nacht vom 8. auf den 9. März ſtarb an einem Lungenſchlage Herr Franz Kleberger, großh. heſſiſcher Dekan, Mitglied der Bezirks⸗ Schulkommiſſion und Pfarrer zu Melbach. Der Staat verliert an ihm und zwar viel zu frühe einen treuen Diener, einen ausgezeichneten Seelſorger von acht chriſtlicher Weihe, unſere Wetterau einen ihrer biederſten Männer, die Familie einen liebevollen Gatten und Vater, ſeine Freunde einen treuen, ge⸗ müthlichen Freund.

Der Tod eines ſolchen Mannes iſt ein Verluſt für die Provinz. Um ſo mehr iſt es unſere Pflicht, ihm in unſerem Blatte ein Denkmal zu ſtiften. Sobald wir im Beſitze der nöthigen Ma⸗ terialien ſind, werden wir eine kurze Biographie und Charakteriſtik von ihm unſern Leſern mitthei⸗ len. Ein ſchöneres und bleibenderes Denkmal grün⸗ dete ſich derſelbe ſelbſt und zwar in den Herzen ſeiner Gemeindeglieder, ſeiner Angehörigen und ſei ner Freunde. Friede ſeiner Aſche!

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Zur wetterauer Chronik.(66)

Am 6. März ſoll ein junger Menſch, welcher mit einem jungen Mädchen aus Homburg ein Lie⸗ besverſtändniß hatte, dem aber die Eltern ihre Einwilligung zu einer ehelichen Verbindung verſag⸗ ten, plötzlich in dem Hauſe derſelben angekommen ſeyn und eine Piſtole nach dem Mädchen und eine zweite nach deſſen Mutter abgeſchoſſen haben. Er⸗ ſtere wurde an der Schulter verwundet, letztere gar nicht. Auf ihren Hülferuf eilten die Nachbarn herbei und bemächtigten ſich des jungen Mannes, der ſich unterdeſſen mit zwei Dolchſtichen verwundet hatte, die aber beide nicht tödtlich ſeyn ſollen. Zu welchen Thorheiten und Verbrechen verleitet die ju gendliche Leidenſchaft nicht!

Erinnerungsfeſte zu Butzbach.)

In unſerer Nachbarſtadt Butzbach wurden vor Kurzem zwei Feſte gefeiert, deren wir in unſerm Blatte Erwähnung thun zu müſſen glauben. Zur beſſeren Verſtändigung ſenden wir folgende hiſto riſche Notizen für unſere Leſer voraus.

2) Vergl. großh. beſſiſche Zeitung Nro. 61.

Landgraf Georg I., Philipps des Groß müthigen vierter Sohn, der Stifter unſeres er⸗ lauchten Fürſtenhauſes, hatte 10 Kinder. Von dieſen überlebten ihn drei Söhne, Ludwig V., Philipp und Friedrich. Zwiſchen dieſen kam es im Jahre 1606 zu einem Hauptvertrage, der Grundlage des noch geltenden Primogeniturrechts, wonach dem älteſten als eigentlichem Regierungs- nachfolger das Ganze zufallen, den beiden Nachge bornen aber eine Appanage von 24000 damaligen Gulden zugetheilt werden ſollte. Friedrich wurde der Stifter der noch blühenden homburgiſchen Linie, da ihm die Einkünfte des Amtes Homburg nicht nur, ſondern auch ſpäter dieHoch- und Obrigkeit, auch oberherrlich Recht- und Gerechtigkeit dieſes Amtes, jedoch mit Vorbehalteiniger Reſervaten zugetheilt worden war. Philipp dagegen nahm ſeinen Sitz zu Butzbach, welches damals nur zum dritten Theile dem fürſtl. Hauſe gehörte. Die Ein⸗ künfte des Amtes Butzbach mit ſeinen 4 Dörfern Oſtheim, Hochweiſel, Fauerbach und Mün⸗ ſter reichten aber bei Weitem zur Appanage nicht hin. Nach einer Kammerrechnung vom Jahre 1615 hatte Philipp vom Kammerſchreiber zu Darmſtadt in dem Einen Jahre die Summe von 17,500 Gul⸗ den erhalten, um die Appanage vollſtändig zu machen.

Es iſt bekannt, daß Philipp nicht nur ein ſehr gelehrter, ſondern auch ein ſehr thätiger und menſchenfreundlicher Fuͤrſt war. Seine koſtbaren Inſtrumente für höhere Mathematik, Aſtronomie und Geographie wurden bis auf die neuere Zeit in der Univerſitätsbibliothek zu Gießen aufbewahrt. Er verſtand acht Sprachen, und überſetzte die Bibel alten und neuen Teſtamentes aus dem Urtexte. Soviel uns bekannt iſt, beſitzt die Hofbibliothek zu Darmſtadt dieſes Werk noch. Außerdem befchaͤftigte er ſich mit Mathematik, Geſchichte, Genealogie und andern damit verwandten Wiſſenſchaften. Einen beſondern Eifer legte er bei Erbauung des neuen Sch loſſes zu Butzbach an den Tag. Es galt dieſes in damaliger Zeit und noch lange nachher fur ein wahres Wunderwerk, in welchem vorzüglich der große Saal mit ſeinen akuſtiſchen Einrichtungen, ſeiner koſtbaren Thür und ſeinem Ofen ſich aus⸗ zeichneten. Einen andern kunſtreichen Bau ließ er bei Munſter auffuͤhren; es iſt dies das nach ihm benannte und nach ſeinem Plan erbaute Schloß