Ausgabe 
9.1.1841
 
Einzelbild herunterladen

F

EN

* 10

Stätte gelobt haben. Der Schulzwang hört auf; die Freiheit winkt, es winkt die Sinnlichkeit; es rufen die Kameraden, und wo die eingeprägten Lehren der Religion 1 W da reißt ſie der Spott derſelben gewaltſam aus.

Ihr Eltern 95 ihr Männer, denen das Wohl der Eurigen am Herzen liegt, ihr ſeht recht gut ein, daß jetzt eine gefährliche Zeit für den Menſchen be⸗ ginnt. Ja, das iſt in der That die gefähr- lichſte Zeit! Oder hattet ihr noch nicht bemerkt, wie das Kind, welches bis zum vierzehnten Jahre zum biederen und braven Knaben, zum frommen und zarten Mädchen ſich heranbildete, nun bald, wo es zum edeln Jüngling und zur ſinnigen Jungfran heranreifen ſoll, alles Schöne, alles Große verliert, was Gott in ſie gelegt, was Eltern und Lehrer zu entwickeln ſuchten?

Die Confirmation unſerer Kinder findet zu frühe ſtatt. Im vierzehnten Jahre ſind ſie noch nicht reif, noch nicht vorgebildet genug, um die herrlichen Lehren des Chriſtenthums in ihrer Tiefe und Bedeutung ſo recht verſtehen und in ſich auf⸗ nehmen zu können. Die Lehren werden Samenkör⸗ nern gleich, welche auf den Weg und unter die Dornen fallen; ſie werden erſtickt vom Unkraut oder verzehrt von den Vögeln. Laßt euch, ihr Eltern, darum den wohlgemeinten Rath ertheilen und eure Kinder wo möglich nicht vor dem 15. Jahre con firmiren.

Unſere Verhältniſſe ſind aber nun einmal ſo, ſagt ihr, und nach dieſen Verhältniſſen mußten ſich die Verordnungen richten.

Wir geben das Alles gern zu. Gebt uns aber auch nur dagegen wiederum zu, daß die Jugendzeit vom vierzehnten bis etwa zum achtzehnten Lebens- jahre die allergefährlichſte iſt, daß bis zum vierzehn⸗ ten Jahre der Unterricht nicht vollendet werden kann, und daß der Menſch in dieſem Lebensalter noch nicht ſo geiſtes- und willensſtark iſt, um ſeine Erziehung ſelbſt übernehmen zu können. Man macht ihn ja erſt im 21ten Jahre zum Herrn über ſein irdiſches Vermögen; warum will man ihm ſchon im 14ten Jahre das Wichtigſte, die Bildung ſeines Geiſtes und Herzens anvertrauen?

Nein, das geht durchaus nicht, und wenn die Confirmation fort im 14. Jahre ſtattfinden ſoll, ſo wird bei uns immer fühlbarer werden der Mangel an ſogenannten Fortbildungs-Anſtalten, d. h. an ſolchen Einrichtungen, worin der junge Menſch nach ſeiner Confirmation gehörte überwacht, vorm Ge⸗ meinen und Schlechten gewarnt, für das Beſſere je mehr gewonnen wird, worin er ſeine Kenntniſſe erwei⸗ tern kann, worin ſein Geiſt eine ihm angemeſſene Nah rung erhält, das Denkvermögen gehörig geübt, das Herz erwärmt, der Wille erſtarkt wird.

Eure Kinder ſollen euch aber in dieſer Zeit ſchon etwas verdienen helfen, ſagt ihr dagegen.

Das können ſie doch dabei. Sie können acht

und mehr Stunden ihrem Beruf widmen, und es bleiben ihnen immer noch etliche Stunden übrig, um ihren Geiſt weiter zu bilden. Man braucht ſie ja nur in den Abendſtunden, die ſie nur zu oft in ſchlechter Geſellſchaft zubringen, zu unterrichten. Und damit nicht durch übermäßiges Sitzen der Körper nothleide, der gerade in dieſer Periode am leichteſten den Keim des Verderbens erhält, ſo wird ſich ja wohl ein halbes Stündchen zu körperlichen Uebun⸗ gen für Solche herausbringen laſſen, welche eine ſitzende Lebensart gewählt haben. Andere, wie der künftige Landmann, der Schreiner, Schloſſer, Dach⸗ decker, Maurer, Zimmermann, Metzger u. ſ. w. be⸗ dürfen das weniger. An dem Schneider- oder Schuh⸗ macherlehrlinge ꝛc. könnt ihr dagegen gar zu oft ſehen, wie er den Keim zu einem ſiechen Körper in den Jahren zwiſchen 14 und 18 legt.

Aber woher denn die Lehrer, oder vielmehr das Geld nehmen, um die Lehrer für ſolche Fortbildungs⸗ Anſtalten zu beſolden?

Nun, ihr habt ja ſo viel Geld, um euch die nöthigſten Kleidungsſtücke anzuſchaffen, um im Wirths⸗ hauſe Bier und Schnaps zu trinken, um Karten zu ſpielen, um Tabak zu rauchen, Pfeifen euch zu kau⸗ fen, zu den Seiltänzern zu gehen, Tänze zu beſuchen; ſo werden ſich auch ein Paar Kreuzer fuͤr das Wich tigſte, das geiſtige Wohl junger Leute in der gefähr⸗ lichſten Zeit ihres Lebens auftreiben laſſen. Fehlt es aber durchaus an aller Unterſtützung, ſo wird wohl eine milde Anſtalt oder ſonſt eine weiche Seele daſeyn, welche für ſolche Arme gerne bezahlt.

Dem Zufalle dürfte es aber nicht überlaſſen blei⸗ ben oder der Willkür eines jungen Menſchen an heim geſtellt, ob er die Anſtalten, die zu ſeinem Beßten errichtet werden, auch beſuchen wolle, oder nicht. Die Obrigkeit müßte gerade hier ſcharf con troliren; es müßten Männer beauftragt werden, welche die Verzeichniſſe von ſolchen aufſtellen, die die Abendſchulen zu beſuchen haben. Wer ſie ver ſaumt, verfällt in Strafe. Dieſe trifft entweder die Eltern, oder die Vormünder, oder die Meiſter. Man kann ja die Eltern und Vormünder zwingen, ihre Kinder zwiſchen dem(ten und 14Aten Lebensjahre zur Schule zu ſchicken. Die Strafe muß aber auch die jungen Leute ſelbſt treffen. Wenn Handwerks- burſche und Mägde nicht angenommen werden duͤr fen, ohne ſich ausgewieſen zu haben, wo ſie früher in Arbeit ſtanden, und wie ſie ſich bisher betrugen, ſo bedarf es ja nur eines Zuſatzes zu der Verord nung von Seiten unſerer Polizeibehörde, daß kein junger Menſch überhaupt bei einem Andern in Arbeit treten dürfe, der ſich nicht ausgewieſen hat, daß er eine ſolche Anſtalt fleißig beſucht habe.

Wenn man bisher von dem Menſchenfreunde haͤufig die Klage hörte, daß, trotz der beßten Schu len und der ſorgfältigſten Erziehung von Seiten der Eltern, junge Leute ſo häufig mißrathen; ſo ſind wir überzeugt, dieſer Klagen werden nach und nach(das

r

33