Ausgabe 
9.2.1839
 
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wohl noch Eins nebſt einer Bettſtelle zum Leihen vorräthig. Die Beſoldung könnte ich nicht eher beziehen, als bis das Quartal zu Ende ſey. Als er dies geſagt hatte, wandt' er ſich wieder zu ſeinen Gäſten. Vielleicht wär's gut geweſen, wenn ich ein Glas Bier oder Schnaps bei ihm getrunken hätte; mein Durſt war mir aber ganz vergangen. Ich fragte nach des Juden Moſes Wohnung und empfahl mich. Eh' zwei Stunden vergingen, ſtand meine geliehene Bettſtelle nebſt dem Bette in meiner Stube und ich legte mich hinein, ohne etwas zu Abend gegeſſen zu haben, als den Reſt meines Butterbrodes, das ich von der Reiſe noch übrig hatte.

Endlich war der Morgen erſchienen, an dem ich zum erſten Male die Orgel zu ſpielen hatte. Ich ging zum Herrn Pfarrer, um das Lied zu holen. Als ich anklopfte, rief mir's aus der Stube zu. Wart Er noch ein Bischen. Ich wartete einige Zeit, bis ich herein gerufen wurde. Der Herr Pfar⸗ rer war ein alter, ehrwürdiger Mann mit grauem Haupte, der redete mich mit den Worten an:Iſt Er der neue Schulmeiſter? Nun das muß ich ſagen, Er iſt gar ein vornehmer Herr lich hatte meine neuen Kleider an, die noch nicht bezahlt waren) wo will denn das hinaus? Werd' Er ein Bischen demüthig! Dieſe Rede war zwar gut gemeint und mit freundlicher Miene geſprochen; mich kränkte ſie aber gar tief. Ich hoffte mit dem Orgelſpiel Alles wieder gut zu machen. Ich gab mir auch alle erſiunliche Mühe; je mehr ich indeſſen mich ab arbeitete, deſto weniger wollte es glücken. Die Züge wollten nicht gehen, die Claves blieben hängen, ſo daß gerade die ſchreiendſten Pfeifen nachpfiffenz kurz die Leute ſahen mich eine Zeit lang an, und ohne das Ende meines Vorſpieles abzuwarten, fingen ſie das Lied an, und ſchrieen ſo fürchterlich durch einander, daß an eine Melodie nicht zu denken war und mir Hören und Sehen verging. Als die Kirche aus war, kam der Herr Bürgermeiſter, und ſagte,ich hätte gewaltig viel Schnick-Schnack auf der Orgel gemacht; das gefiel den Leuten nicht; für das viele Geld, das ich bekäme, konnte ich auch wohl beſſer ſpielen. Da ſtand ich, wie vom Don ner gerührt, und wünſchte mich klaftertief unter die Erde oder hundert Meilen von hier entfernt. Ich ging ſpäter wieder zu dem Herrn Pfarrer, erzählte ihm, was der Herr Bürgermeiſter mir bemerkt hatte, und entſchuldigte mich, ſo gut ich konnte. Ich hätte, ſagte ich, die neueſte und ſchönſte Compoſition ge wählt und einſtudirt.All nichts, all nichts, be merkte der Pfarrer;hätte Er das Lied durchgeleſen und ſich daran erbaut, ſo würde Er gefunden haben, daß dazu ein einfaches und ſanftes Vorſpiel gehört. Was Er aber ſpielte, das verſtand weder die Ge meinde, noch paßte es zu dem Inhalte des Liedes. Ich war wiederum gedemüthigt; da aber der

Herr Pfarrer mit gar herzlichen Blicken mich anſah, da faßte ich einiges Vertrauen zu ihm. Ich fand auch, daß er ſo ganz Unrecht nicht gehabt hatte; nur wollt' ich's nicht geſtehen, und machte, daß ich ſo bald als möglich fort kam. Was ſoll das werden, dachte ich, wenn's ſo anfängt? Hier iſt niemand, der kunſtvolles Orgelſpiel verſteht; wer wird's verſtehen, wenn ich die Schule nach den neueſten Prinzipien umgeſtalte? wenn ich die Kin der Orthographie und Geographie und Anthropolo gie und Feldmeßkunſt und Buchſtaben Rechnenkunſt lehren will? Hatte ja der alte Pfarrer ſelbſt ge ſprächsweiſe die Bemerkung hingeworfen:mach Er die Kinder nicht zu Gelehrten!

Troſtlos und kummervoll wandelte ich durch das Feld und von da in dem Wald herum, und nirgends konnt' ich mich ſammeln und Ruhe gewinnen. Ich hatte eine Rede ausgearbeitet und auswendig gelernt, die ich am erſten Schulmorgen vor den Kindern zu halten gedachte. Es wäre mir nicht moͤglich ge weſen, ſie unter den jetzigen Umſtaͤnden nochmals für mich aufzuſagen.

Als ich des Abends in meine Wohnung zurück kam, und die vier leeren Waͤnde anſchaute, da wurde mir ganz ſonderbar, daß ich faſt geweint hätte; nur der Gedanke an meine abweſenden Freunde und an eine abweſende Freundinn hielt mich davon zurück. Iſt das das Glück des Lehrers, rief ich Einmal über das andere Mal aus, ſich ſo herab geſetzt und gedemüthigt zu ſehen? Die ganze Ge meinde hätte dem Manne entgegengehen müſſen, der künftig der Lehrer ihrer Kinder iſt und kein Menſch fragte nach mir, als ich herein kam! Und jetzt bin ich einſam und verlaſſen und fragt mich wieder niemand, ob ich Hunger habe und etwas eſſen wolle oder nicht? O Lehrerſtand, Lehrerſtand, wie biſt du ein unglückſeliger und armſeliger und freud loſer Stand! Dann kam mir wieder der Gedanke an meine erſte Schule morgen; wie wird mir's da ergehen? Hat ſich doch heute und geſtern niemand um mich bekümmert, wer wird ſich morgen um mich kümmern?

Unter dieſen und ähnlichen Gedanken kleidete ich mich aus. Der Mond in ſeinem erſten Viertel leuch tete mir nothdürftig, um meine Kleider anhängen zu können und das Bette zu finden, denn ich hatte weder Lampe noch Kerze und auch nichts zum Sitzen, als eine alte Schulbank. Das war der zweite Abend, an dem ich nichts zu eſſen bekam. Im Bette warf ich mich lange Zeit hinüber und herüber, und konnte keinen Schlaf finden; meine Gedanken dage gen wurden immer düſterer und ſonderbarer. End lich kam mirs vor, als befänd' ich mich in der neuen Schule, und wollte vor einer zahlreichen Ver ſammlung von Kindern meine auswendig gelernte Rede aufſagen. Das war aber ein erſchrecklicher