Ausgabe 
7.1.1837
 
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tthume der Sittlichkeit eine Lobrede halten.

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Gedanken uber den Verfall der Sittlichkeit.

Staaten, Völker, Gemeinden und Familien können nur durch Sittlichkeit gedeihen: Unſittlichkeit richtet ſie früher oder ſpäter zu Grunde. Wer da⸗ her zur Förderung der Volks⸗Tugend beiträgt, oder auf deren Hinderniſſe aufmerkſam macht, der macht ſich verdient um das allgemeine Beßte und verdient den Dank der Beſſeren.

Auch der nachſtehende Aufſatz hat ſein Entſte hen in der Liebe zur guren Sache. Der Verfaſſer deſſelben fürchtet nicht den Vorwurf, daß er nichts Neues geſagt habe: denn das Gute und Wahre muß ſo lange wiederholt werden, bis es Gehör und Beachtung findet.

Daß die Sittlichkeit im Allgemeinen auch im deutſchen Vaterlande ſehr geſunken und fortwährend im Sinken begriffen ſey, iſt nicht zu bezweifeln, wenn gleich Manche, welche bei gewiſſen Erſchei⸗ nungen ſtehen bleiben, ohne das ganze ſittliche Le ben des Volkes zu überſchauen, ſogar dem Wachs Sie rechnen dahin die Aeußerungen eines Sinnes der Wohlthätigkeit, wie ihn frühere Zeiten nicht gekannt haben ſollen, und überſehen nur dabei, daß alle beſtehende großartige Anſtalten zum Beßten der lei⸗ denden Menſchheit, welche wir beſitzen, aus jenen Zeiten herſtammen, welche man ſo gerne der Bar⸗ barei anklagt, während wir nur ſelten einer bedeu⸗ tenden Stiftung dieſer Art aus der neueſten Zeit begegnen. Wer hat die meiſten Schulen, Kirchen, Hospitäler ꝛc. gegründet und mit Geſchenken oder Vermächtniſſen bereichert? Menſchen und Zeiten, welche ärmer waren an Geld, aber doch reicher an Mitteln zu gemeinnützigen Zwecken, weil ſie weni⸗ ger genußgierig waren, und höhere Zwecke kannten, als Schwelgerei. Es ſind vornämlich drei ſitt⸗ liche Hauptgebrechen, woran unſer Zeitalter krän⸗ kelt und welche bis jetzt noch ſichtbar im Zunehmen begriffen ſind, nämlich

a) Unzucht und Schamloſigkeit, b) Gleichguͤl⸗ tigkeit gegen Religion und kirchliche Andachtsübung, und c) Mißbrauch der geiſtigen Getränke, beſon⸗ ders des verderblichen Branntweins. Ueber die Zu⸗

nahme der Unzüchtigkeit iſt faſt in ganz Deutſchland, und auch bei uns, nur Eine Stimme und die jähr⸗

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liche Zunahme der Zahl unehelicher Kinder gibt hier⸗ von die traurige Beſtätigung. Die Zahl derſelben würde noch weit größer ſeyn, wenn nicht durch eine Heurath mancher unehelichen Geburt zuvorgekommen würde: denn es gibt Gemeinden, in welchen frü her, noch vor dreißig Jahren, eine uneheliche Ge⸗ burt etwas Unerhörtes war, in denen aber jetzt bei Weitem die mehrſten Ehen durch die vorherge⸗ gangene Sünde veranlaßt werden. In manchen ſolcher Gemeinden iſt nach ſo kurzer Zeit die An⸗ zahl unehelicher Geburten bis auf den vierten Theil, bei andern noch zu einem größeren Verhältniſſe zu den ehelichen Geburten angewachſen. Wo früher die reinſte Sitte war, da gibt es jetzt eine ganze Zahl ſchamloſer Dirnen, welche 4 5 Kinder ha⸗ ben und mit ſchamloſen Wüſtlingen öffentlich in wilder Ehe leben. Man weiß aber, wie ſchwer es iſt, dieſe Gräuel zu verhüten, da die Ortsbehörden nichts weiter vermögen, als das Zuſammenwohnen zu verhindern, und wie oft auch da der beſte Eifer ſeinen Zweck verfehlt. burten keine Strafe zur Folge haben, ſo ſieht der rohe Haufe ſchlecht erzogener Menſchen hierin nichts Unrechtes, indem er Alles für erlaubt, und ſogar für ſchicklich hält, was durch kein Geſetz für ſtraf⸗ bar erklärt wird. Denn nach der Größe oder Klein⸗ heit der gedrohten Strafe beurtheilt er das Verge hen, weil ſeine geiſtige Beſchranktheit, wie der Man⸗ gel an Gefühl für Pflicht und Ehre, keinen andern Maßſtab dafür kennt, und es fehlt ſelbſt nicht an Fallen, wo unzüchtige Wüſtlinge ſich gegen die ih⸗ nen gemachten Vorwürfe hiermit zu rechtfertigen ſu⸗ chen. Es iſt traurig, daß viele Menſchen auf dieſer niedrigen Stufe der Menſchlichkeit ſtehen, daß ſie nur durch Strafen vom Schändlichen abgeſchreckt werden können; es iſt aber leider! wie die Erfah⸗ rung lehrt, nicht anders. In einzelnen Gemeinden gibt es nun noch gewiſſe örtliche Verhältniſſe, wel⸗ che zur Entſtehung oder Vermehrung dieſer Peſt der menſchlichen Geſellſchaft beitragen. In manchen Gemeinden iſt nämlich die Zahl der unbemittelten Familien bis zum Uebermaße angewachſen und wächſt, da die ärmeren Familien oft die fruchtbarſten an Kindern ſind, in ſteigenden Verhältniſſen. Die ar⸗ men Familien, in welchen unglücklicherweiſe Erzie⸗ hung und Unterricht mit der Dürftigkeit des Un⸗ terhalts im Verhältniſſe ſtehen, haben meiſtens nicht

Da die außerehelichen Ge⸗