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deblatt für die evan gelische Kirchengemeinde Gießen

Nr. 34 Gießen, I3. Sonnt. n. Trinitatis, den 29. August 1920 9. Jahrg.

Sich selber treu!

Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben.

Der Hochsommer ist wieder ins Land ge⸗ zogen. Gott, der ihn uns in diesem Jahr mit besonderem Glanze sendet, bleibt sich ewig treu. Ob es in der Menschheit deinnen und draußen auch stürmt und tobt von Leidenschaft und Sünde, Gottes Sonne scheint über Gerechte und Ungerechte.

In dem erschütternden Wandel der Dinge, dem unser armes Deutschland gegenwärtig unterworfen ist, scheint es ja, als sei die Treue unter den Menschenkindern erloschen. Was uns noch vor kurzem verehrungs⸗ würdig, ja heilig und unantastbar war, wird heute durch den Schmutz der Gasse ge⸗ zogen und mit Füßen getreten. Ideale von gestern sind gestürzt, fast täglich werden andere Trugbilder aufgerichtet, denen die Menge in widerwärtiger Charakterlosigkeit nachläuft. Es ist so, wie der Dichter Friedrich Halm sagt:Ohne Treue schwankt, ein Kahn im Meer', ein Rohr im Wind, die Seele hin und her.

Und doch müssen wir auch in solch be⸗ wegten Zeiten, in denen gleichsam der Boden unter unseren Füßen wankt, den ewigen, unwandelbaren Grund für unsere Seele fest⸗ halten oder wieder finden, ohne den unser ganzes Leben zusammenbrechen muß. Dieses Fundament ist allein in Gott verankert, be⸗ ruht auf der Treue zu ihm, der uns die Treue hält allezeit und unter allen Um⸗ ständen, wenn wir nur ihn nicht aufgeben. Die Treue zu Gott ist aber nichts anderes als die Treue zu uns selber, zu dem besseren Ich in der eigenen Brust; denn das ist eben göttlichen Ursprungs.

Mögen draußen in der Welt die unerhör⸗ testen Wandlungen der Staatsformen, der Regierungsprogramme, der politischen oder wirtschaftlichen Losungen vor sich gehen, Wandlungen, die uns mit eisernem Druck unter ihren Bann zwingen, tief drinnen in unserer Seele muß der Fels der Wahrheit und der Treue unerschüttert bleiben; dorthin ziehen wir uns aus dem Stürmen der Zeit als zu dem ruhenden Pol in der Erschei⸗ nungen Flucht zurück. Und je abstoßender das Leben und Treiben da draußen sich ge⸗ staltet, je häßlicher die jeder höheren Re⸗ gung entkleidete Gemeinheit ihr freches Haupt erhebt, um so tiefer flüchten wir uns ins innerste Heiligtum unserer Seele zurück,

ewigen Gott zu bewahren, um nicht irre zu werden an uns selbst.

Damit wir aber hier den wahren und ein⸗ zigen Trost auch wirklich finden, den uns die Welt nicht zu geben vermag, müssen wir das Heiligtum unserer Seele rein er⸗ halten, müssen wir uns selbst die Treue be⸗ wahren.

Die Ideale, die uns aus dem Glauben unserer Väter, aus den sonnigen Tagen un⸗ serer 80 aus den Zeiten der Größe unseres Vaterlandes geblieben sind, wollen wir uns durch die Wirrnisse hindurchretten. Mit ihnen allein vermögen wir aus den Trümmern dermaleinst wieder den Neubau. unseres Volkstums, der Menschheit aufzu⸗ richten, in dem Treue die Wacht hält:

Die Treue steht zuerst, zuletzt Im Himmel und auf Erden

Wer ganz die Seele drein gesetzt, Dem wird die Krone werden.

In Gewaltmärschen bis zur Marne.

Aus dem Kriegstagebuch des Hauptmanns d. R. Landgerichtsrat Trümpert, Gießen. (Fortsetzung.)

13. 9. 1914. Da es fast unaufhörlich regnete, wurden wir auch im Zelt naß. Es entwickelten sich Vorpostengefechte, wir wurden um Uhr nachts alarmiert und mußten satteln und schirren. Es herrschte ein sturmartiger Wind, alle halbe Stunde kam ein Schloßenregen. So standen wir bis 36 Uhr auf dem durchweichten Biwakplatz. Wir wurden tüchtig naß, da der Sturm das Wasser auch durch die wasserdichten Stoffe durchtrieb, dann trocknete uns der Sturm wieder. Das wiederholte sich mehrere⸗ male. Stundenlang saßen wir erst im Sattel, da wir jede Minute Abmarschbefehl er⸗ warteten, es auch kein Vergnügen war, in dem durchwühlten Boden auf einem Fleck zu stehen. Wenn der Regen aussetzte, sah man, wie der Sturm die Wolkenfetzen am Himmel hinjagte, dem Mondlicht manchmal für kurze Zeit Durchlaß gewährend. Neben mir hält geduldig unser Stabsveterinär Dr. Knell(aus Gießen) aus. Eine rechte Unter⸗ haltung kam aber bei der ungemütlichen Lage nicht auf. Endlich konnten wir uns in die Marschkolonne einreihen. Wir kommen durch Daucourt, biegen Kilometer süd⸗ lich St. Ménehould links ab über Argers, Dampierre sur Auve. Da wir offenbar einem Infanteriegefecht im Bereich des

um uns den Glauben an den heiligen und

Nachbarkorps zu nahe gekommen sind, er⸗