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Werfen wir nun einen Blick in das J n-
nere einer Wohnbaracke! Daß jeder Ge⸗ fangene ein Bett mit Sprungfedernmatratze darin vorfindet, kann nicht erwartet wer⸗ den. Er muß sich mit einer Pritsche oder einem Holzbett begnügen; doch erhält er einen Strohsack, dessen Füllung auch in Seegras oder Papierschnitzeln bestehen kann, ein Kopfkissen und je nach der Temperatur eine bis drei Decken. Nach Möglichkeit wer⸗ den die Betten getrennt voneinander auf⸗ gestellt, jedenfalls so, daß ein möglichst breiter Raum in der Baracke frei bleibt, der zum Aufenthalt der Bewohner am Tage, zur Einnahme des Essens, zum Lesen und Schreiben usw. dient. Die Ausmessung des
Gesamtraums ist derart, daß auf jeden Ge⸗ fangenen eine Bodenfläche von 2¼ am entfällt; es ist ihm also Platz genug ein⸗ geräumt, um in Kisten und Kasten seine Bedarfsgegenstände und Habseligkeiten auf⸗ zubewahren, und man muß einmal einen Umzug von einer in eine andere Baracke mit angesehen haben, um zu wissen, welche Menge von Gepäck, wertvollem und wert⸗ losem, ein Gefangener bei länger dauernder Gefangenschaft ansammelt. Manche Baracke
zeichnet sich auch aus durch künstlerischen
Wandschmuck und macht einen geradezu an⸗ heimelnden Eindruck. Breite Fenster ge⸗ statten den Eintritt reiner Luft und machen die Baracke hell und freundlich, auch in der Decke befinden sich Lüftungsklappen. Taß das Dach wasserdicht ist, dürfte in einem deutschen Lager ebenso selbstverständ⸗ lich sein, wie die Dielung des Fußbodens mit Holz, während ein Holzfußboden in französischen Lagern zu den größten Selten⸗ heiten zu gehören scheint. Wenigstens ver⸗ sicherten mir in diesen Tagen Heimkehrer aus Frankreich, daß sie in fünfjähriger Ge⸗ fangenschaft in keinem Lager einen höl⸗ zernen Bodenbelag angetroffen hätten, son⸗ dern stets auf Stein- oder Lehmboden hätten liegen müssen. Tische und Schemel fehlen natürlich nicht, in vielen Fällen fertigen sich die Gefangenen aus dem Holz von Kisten auch mehr oder weniger begueme Sessel und Liegestühle an, die mit Decken belegt nicht übel aussehen. Die elektrisch beleuchteten Baracken sind mit mächtigen Oefen ausgestattet, vielfach wurden auch kleine Herde gestellt, auf denen die Ge⸗ fangenen mit Vorliebe kochten. Das Ma⸗ terial für diese Küchen, zu denen sich ge⸗ wöhnlich bestimmte Gruppen zusammenfan⸗ den, lieferten die Sendungen aus der Hei⸗ mat. Besonders die Franzosen waren in der Zubereitung ihrer Speisen Meister, sie sind geradezu die geborenen Köche.— Schon diese knappen Ausführungen werden dem Leser gezeigt haben, daß die Baracken des Gießener Lagers wie diejenigen der übrigen ager in Deutschland durchaus zweckent⸗ sprechend angelegt und eingerichtet waren, daß sie ihren Insassen vor allem auch in
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gesundheitlicher Beziehung jedweden nur möglichen Schutz boten. Kein Wunder, daß die Serstellungskosten eines solchen Lagers von der Größe des hiesigen rund zwei Millionen Mark betrugen!
Wenn man ferner bedenkt, daß zu diesen Wohnbaracken noch die zahlreichen Küchen⸗ und Vorratsräume hinzukommen, die Bade⸗ und Waschanstalt, vor allem aber die neu⸗ zeitlich eingerichtete und ausgestattete Ent⸗ lausungsanstalt, die jeder neu ankommende Gefangene durchlaufen muß, so versteht man wohl, wenn in den ersten Briefen in die ferne Heimat das Gefühl der Dankbarkeit und Befriedigung oft in überschtbänglichen Worten sich Ausdruck verschafft. Natürlich darf man solche Aeußerungen der Zufrie⸗ denheit nicht allzusehr überschätzen; man darf eben nicht vergessen, daß der neu ein⸗ gelieferte Kriegsgefangene aus dem Schützen⸗ graben kommt, daß er vielleicht Jahr und Tag in steter Todesgefahr geschwebt hat und nun den Frieden, die Sicherheit und die verhältnismäßige Bequemlichkeit eines deut⸗ schen Lagers zunächst äußerst wohlkuend
empfindet. Daß derselbe Mensch sich nach
einiger Zeit viel weniger befriedigt und beglückt über seinen Aufenthalt in dem⸗
selben Lager ausspricht, ist in vielen Fällen beobachtet worden und bedarf wohl keiner
besonderen Erklärung: Der Zaun von Stacheldraht oder die Bretterwand, die den Gefangenen von dem Verkehr mit der Außen⸗ welt abschließen und an welchem entlang der Landsturmmann vom Bewachungsba⸗ taillon seinen Patrouillengang ausführt, der Gehorsam, der von jedem Gefangenen gegen⸗ über dem deutschen Vorgesetzten gefordert werden muß, die Strenge, die bei aller Gerechtigkeit walten muß und ein sorgloses Wohlleben unmöglich macht, kurz: die Tat⸗ sache der Kriegsgefangenschaft an sich läßt eine objektive Würdigung dessen, was mit vieler Mühe zum Wohle der Gefangenen in Deutchsland geschehen ist, bei diesen selbst nur schwer aufkommen. Viele, man kann sagen, die meisten Klagen von Kriegsge⸗ fangenen über schlechte Behandlung in Deutschland sind daher mit größter Vor⸗ sicht aufzunehmen; sie entstammen zumeist einer augenblicklichen Verärgerung oder einem Zustand inneren Grolls, der sich eigentlich weniger gegen deutsche Personen oder Einrichtungen wendet, vielmehr als Ausdruck einer ohnmächtigen Auflehnung gegen ein widriges Geschick zu bewerten ist. Unter diesem Gesichtspunkt sind m. E.
auch die Namen der deutschen Lagerkom⸗
mandanten und Offiziere zu betrachten, deren Auslieferung oder Aburteilung die Entente jetzt verlangt. Wenn z. B. auch der Inspekteur der Kriegsgefangenenlager im ehemaligen 18. A.⸗K., General Kosack, auf der französischen Auslieferungsliste prangt, so weiß jeder gewesene Kommando⸗ führer, daß dieser Offizier zwar die unent⸗


