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Gemeindeblatt fuͤr die evangelische Kirchengemeinde Gießen
Gießen, I. Advent, den 28. Wovbr. 1920
2 Jahrg.
Nr. 47 Adventshoffnung. Von Generalsuperintendent D. Stolte⸗ Magdeburg.
2. Petri 3, 13. Wir warten aber eines neuen Himmels und einer neuen Erde nach seiner Verheißung, in welcher Gerech⸗ tigkeit wohnet.
Advent— das bedeutet Hoffnungskerzen auch in dunkelster Winterzeit. Woher in unserm Kulturkreis auch bei solchen, die sonst allen Glauben abgesagt haben, die feste Ueberzeugung, daß es vorwärts geht, daß die Weltgeschichte einen Sinn und ein Ziel hat? Es gibt keinen wissenschaftlichen Be⸗ weis dafür, die Geschichte selbst zeigt da⸗ gegen viele trostlose Bilder von Niedergang, Entartung und Verfall, von der verhäng⸗ nisvollen Macht des Zufalls, der Unver⸗ nunft und Bosheit. Aber aus der Bibel strahlte zuerst dies helle Licht auf über dem Chaos des Völkerlebens, ein Licht aus dem Glauben an einen Gott, einen Mittler, ein Heil für alle Menschen, aus der Erfahrung eines unbedingt wertvollen Lebens, das zu unermeßlicher Enthaltung drängt. Christus, der Anfänger dieses Lebens, erweckt die Gewißheit, daß er auch der Vollender sein wird, daß darum die Weltgeschichte nicht im Sande verläuft, sondern mit allem Auf
wünscht es sich anders. Aber Hoffnung, die der tiefsten Not unseres Geistes genug tut, ist doch allein die christliche: Erhebung über alle Schranken der Sünde und der Vergäng⸗ lichkeit. 2 88
Sie vermeidet auch die Härte, daß nur eine letzte Generation der Menschheit zur Vollendung kommen, und jede frühere nur einen Uebergang, eine Stufe, also für sich selbst nichts bedeuten soll. Ihr wird viel⸗ mehr jedes Zeitalter eine Saatzeit für die Ewigkeit, oder wie der Meister unipersaler Geschichtsschreibung, Leopold von Ranke, es ausdrückt:„jede Epoche ist unmittelbar zu Gott, und ihr Wert beruht gar nicht auf dem, was aus ihr hervorgeht, sondern in ihrem eigenen Selbst“. Welch ein Trost für unsere dunkelen Tage! Auch jetzt ist Gottes Zeit, auch jetzt reifen in uns unvergäng⸗ liche Werte.
Nüchtern und kühn zugleich ist die Ad⸗ ventshoffnung der Christen und darum die rechte Arznei gegen alle Niedergeschlagen⸗ heit in unserer deutschen Not. Sie läßt uns nicht irre werden, auch wenn goldene Träume von unermeßlichem Aufstieg und irdischem Zukunftsglück an der harten Wirk⸗ lichkeit noch so hoffnungslos zerschellen. Sie lehrt uns unerschütterlich glauben an den göttlichen Sinn einer bis zuletzt von Kampf und Mühsal erfüllten Weltgeschichte und
und Nieder menschlicher Kulturarbeit seinem macht uns auch in den Schranken und unter
letzten Advent den Weg bahnt. 5
Freilich dadurch unterscheidet sich die christliche Adventshoffnung von allem ge⸗ wöhnlichen Kulturoptimismus, daß sie mit der ganzen furchtbaren Wirklichkeit des Böfen auf Erden rechnet. Darum malt sie das Ende der Geschichte nicht als ein irdisches Paradies des Völkerfriedens und der gerechten Güter⸗ perteilung, sondern als ein Drama blutiger Kämpfe, heißer Anfechtungen und Glau⸗ bensproben. Erst eine Offenbarung Gottes, welche die gegenwärtige Weltgestalt zer⸗ zersprengt, bringt das endgültige Gericht und einen neuen Himmel und eine neue Erde, in welchen Gerechtigkeit wohnet“. Bis dahin müssen Weizen und Unkraut miteinander wachsen und Licht und Finsternis wider⸗ einander streiten. Aber in diesen Kämpfen reifen die Geister für Gottes ewiges Reich, und die Erde wird zur Schaubühne, die sortschreitend allen Zauber des Bösen als Lüge und Tod entschleiert und alle Mannig⸗ faltigkeit und Herrlichkeit des Göttlichen im Menschen zur Erscheinung bringt. Menschliche Träumerei und Ungeduld
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den Schatten der Gegenwart alle gewissen⸗
hafte Arbeit an unserm Volke lohnend und hoffnungsfroh, weil sie Frucht verheißt nicht nur für spätere Geschlechter, sondern zu⸗ gleich für unser aller Vollendung und Neuschöpfung durch ihn,„der da ist und der
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da war und der da kommt.“
Ein Winter an der Bzura.
Aus dem Kriegstagebuch des Hauptmanns d. R. Landgerichtsrat Trümpert in Gießen. (Fortsetzung.)
Es fängt, als ich zu Pferd steige, an 3 dämmern, leider regnet es etwas. Zunächst führt der Weg nach Osten über das lang⸗ gestreckte Gefechtsfeld hinter den Stellun⸗ gen benachbarter Batterien bei Dorf und Gut Dembsk her. Die große Menge tiefer Schuß⸗ löcher in Boden beweist, wie gut die feind⸗ liche Artillerie die Stellungen der unseren erkannt hat. Ich beeile mich, die große Straße Sochaczew—Lowicz zu erreichen und aus dem Bereich des feindlichen Feuers zu kommen. Ich reite noch keine Viertelstunde
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